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Kanzlei der Gemeinheit

Aufruhr in der CDU Kanzlei der Gemeinheit

Von Altersmilde keine Spur: In Interviews für seine Memoiren ist Helmut Kohl hart bis gehässig mit ehemaligen Weggefährten ins Gericht gegangen. Nur ein pfälzisches Poltern?

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Altkanzler Helmut Kohl droht mit juristischen Schritten.

Quelle: dpa

Ludwigshafen am Rhein. Nach einem Vierteljahrhundert muss die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung umgeschrieben werden. Es ist alles nicht wahr, was uns die Festredner in wenigen Tagen zum Mauerfall von 1989 erzählen werden, denn einer, der sich später gerne „Vater der deutschen Einheit“ hat nennen lassen, räumt auf mit einem Heldenmythos der Nation: Es waren nicht die Bürgerbewegungen, die das große Werk vollbrachten, es geschah, weil Michail Gorbatschow erkennen musste, „dass er am Arsch des Propheten war und das Regime nicht halten konnte“.

Helmut Kohl, der so warmherzig über die mutigen Bürgerrechtler in der DDR reden konnte, denkt in Wahrheit anders: „Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der Heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert.“ Diese Vorstellung sei dem „Volkshochschulhirn von Thierse“ entsprungen, sagt der Kanzler der Einheit, womit er auch gleich dem ungeliebten früheren Bundestagspräsidenten und DDR-Bürger eine saftige Maulschelle verpasst hat.

Würden landauf, landab die Laudatoren nicht gerade bereitstehen, das Land zum 25. Jahrestag des Mauerfalls in Festtagsstimmung zu reden, wäre die Gelegenheit womöglich nicht ganz so günstig für ein Buch über Helmut Kohl. Der Mann hat Schicksalsschläge erlitten, familiär und gesundheitlich, er hätte sich die Ruhe im beschaulichen Oggersheim verdient. Die Autoren Tilman Jens und Heribert Schwan aber nutzen in ihrem Buch „Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“, das heute in Berlin vorgestellt und auszugsweise im jüngsten „Spiegel“ zitiert wird, die Gunst des Augenblicks. Sie legen eine Abrechnung mit jenem Mann vor, der seinerseits mit seinen Weggefährten abrechnen wollte, dann aber seine Zustimmung zur Veröffentlichung zurückzog. Schwan ist der Ghostwriter der ersten drei Bände von Kohls mehrtausendseitigen Memoiren; nun veröffentlicht er trotz eines vor allem mit Kohls zweiter Frau Maike Kohl-Richter ausgetragenen Streits um die Rechte das restliche Interviewmaterial und steigt ein in die Gedankenwelt eines Weltpolitikers aus der Provinz. Es ist ein Blick in Abgründe.

Ist der Blick der Deutschen auf die Einheit Kohl zufolge schon tagträumerisch, so ist es auch mit der Einschätzung des gegenwärtigen politischen Führungspersonals nicht weit her. Angela Merkel, eine Politikerin von Format? „Die Merkel hat keine Ahnung“, urteilt Kohl, am Anfang sei es ganz schlimm gewesen: „Frau Merkel konnte nicht mit Messer und Gabel essen. Sie lungerte sich bei den Staatsessen herum, sodass ich sie mehrfach zur Ordnung rufen musste.“

Überhaupt, die CDU nach ihm – für Kohl eine einzige Enttäuschung. Am meisten hat es ihm Christian Wulff angetan, der einst die Unverschämtheit besaß, den Patriarchen zur unerwünschten Person in der niedersächsischen CDU zu erklären. Über Wulff also: „Das ist ein ganz großer Verräter. Gleichzeitig ist er auch eine Null. Er hat nur Pech.“ Als Kohl zu diesem – am Ende erstaunlich weitsichtigen – Urteil fand, war Wulff noch nicht Bundespräsident.

Ein paar andere, aus seiner großen Zeit oder in der Nachfolge, kommen mit einem knapperen Urteil weg. Sauber war Volker Rühe, hinterfotzig war Norbert Blüm. Der Minister, der ihm 16 Jahre lang in allen Kabinetten treu diente, war außerdem „ein Verräter“. Nicht hinterfotzig war Ernst Albrecht, Stoltenberg dagegen war es. Ganz klar hinterfotzig waren Rita Süssmuth, Heiner Geißler und Christa Thoben. Diese und der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth („der hat sich dieser Mischpoke angeschlossen“) gehörten zu den „Rebellen“ in der Union, die Kohl auf dem Bremer Parteitag 1989 stürzen wollten und dann doch den Mut verloren.

Die Saarländer Peter Müller (heute Bundesverfassungsrichter) und Klaus Töpfer, der es bei den Vereinten Nationen zu hohem Ansehen brachte, nimmt Kohl besonders scharf ran. Müller habe sich in der Spendenaffäre „schäbig“ verhalten, und „der jetzt in den afrikanischen Höhlen lungernde Töpfer“ sei mit einer der zentralen Figuren in der Spendenaffäre „wie Kopf und Arsch“ gewesen. Seine Nächsten mit derben Titulierungen zu adeln gehört in Kohls heimatlichem Landstrich zum guten Ton, nie hat dieser Prototyp des „Hoppla-jezz-kumm-isch“-Sagers ein Blatt vor den Mund genommen. So richtig vom Leder gezogen aber hat er gerne in der vermeintlichen Vertrautheit von Privatgesprächen, in seinem Wohnhaus in der Marbacher Straße in Oggersheim etwa, zu seinen Saft-und-Kraft-Zeiten auch in der sonnabendlichen Sauna im Hallenbad-Nord in Ludwigshafen. Geschadet hat es ihm in seiner aktiven Zeit erstaunlicherweise so gut wie nie, obwohl nicht überall ein gedehntes „Joo, alla, kumm“ vom soeben Beleidigten so verstanden werden kann, er solle sich nicht so haben, es sei nicht so gemeint.

Der pfälzische Poltergeist ist Wiederholungstäter. Schon vor Jahren hat Kohl einen Doktoranden mit Perlen der Missgunst versorgt. Schon damals steckte er seine Wegbegleiter in Schubladen, genauer gesagt in Flaschenregale. Den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der Kohl Machtversessenheit vorgeworfen hatte, nannte er „den größten Anpasser in der Geschichte der Republik“. Hildegard Hamm-Brücher, die Grande Dame der FDP, ist für Kohl eine schreckliche Frau aus München, „die wie eine Halbwilde durch die Gegend geifert“. Joschka Fischer ist „zutiefst antisemitisch“, der langjährige CDU-Schatzmeister Walter Leisler Kiep „korrupt“.

Wer möchte, kann Kohls Charakterstudien als Urteile eines pfälzischen Krakeelers abtun, schwierig aber wird das bei Wolfgang Schäuble und Michail Gorbatschow. Das tiefe Zerwürfnis zwischen Kohl und seinem möglichen Nachfolger Schäuble haben beide nie aufgearbeitet. Dass Kohl Schäubles Rollstuhl immer als „Wägelchen“ verspottet hat, hinterlässt nichts als Bitternis. Und der sowjetische Partei- und Staatspräsident Gorbatschow, den er einst mit Hitlers Hetzer Goebbels verglichen hatte und den er später auf dem Weg zur deutschen Einheit beinahe heiliggesprochen hätte? Es ist schon eigenartig, wie sich ein alter Mann seine Wahrheiten zurechtbiegen kann. „Von Gorbatschow bleibt übrig, dass er den Kommunismus abgelöst hat, zum Teil wider Willen, aber de facto hat er ihn abgelöst. Ohne Gewalt. Ohne Blutvergießen. Sehr viel mehr, was wirklich bleibt, fällt mir nicht ein.“ Gorbatschow sei „gescheitert“. Das klingt doch wie ein Entwurf für ein Urteil über Kohl selbst: Der Mann hat die deutsche Einheit politisch bewerkstelligt. Sehr viel mehr fällt einem nicht ein. Über seinen Charakter sollte man schweigen. So haben es gestern jedenfalls die gehalten, die jetzt beleidigt sein könnten.

Kohl über...

... Angela Merkel

"Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen. Sie lungerte sich bei den Staatsessen herum, sodass ich sie mehrfach zur Ordnung rufen musste."

... Richard von Weizsäcker

"Mir war klar, dass Richard sich selbst für den Klügsten und Allermoralischsten hält."

... über Christian Wulff

"Das ist ein ganz großer Verräter. Gleichzeitig ist er auch eine Null. Er hat nur Pech."

... Wolfgang Schäuble

"Ob durch Unfähigkeit oder Absicht, in der Spendengeschichte hat er alle Feinde eingeladen zu diesem Vernichtungsfeldzug."

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