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„Höhenflüge können wir uns nicht leisten“

Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger „Höhenflüge können wir uns nicht leisten“

Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger warnt die IG Metall vor zu hohen Tarifforderungen. In den letzten Jahren habe man großzügig die reale Kaufkraft der Mitarbeiter gesteigert. "2016 müssen wir in der Tarifpolitik extrem vorsichtig sein", sagt er im Interview.

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Stellt sich auf eine harte Tarifrunde ein: Rainer Dulger, Präsident von Gesamtmetall, dem Dachverband von 21 Arbeitgeberverbänden der deutschen Metall- und Elektroindustrie.

Quelle: Uwe Anspach

Herr Dulger, die Wirtschaft brummt. Es drohen in diesem Jahr keine Rekord-streiks wie 2015. Dürfen sich die Beschäftigten in der Metallindustrie auf einen kräftigen Schluck aus der Lohnpulle freuen?
Höhenflüge können wir uns 2016 wirklich nicht leisten. Deutschland erlebt derzeit einen Scheinaufschwung. Unser Wachstum und Aufschwung basieren auf günstigen externen Faktoren wie dem niedrigen Euro-Kurs oder dem preiswerten Öl. Seit Beginn der internationalen Finanzmarktkrise 2008 haben wir eine Lohnsteigerung in der Metall- und Elektroindustrie von 20 Prozent erlebt, die eigentliche Produktivität ist in dieser Zeit aber nur um 2 Prozent gestiegen.

Also müssten eigentlich die Löhne um 18 Prozent gesenkt werden?
Nein. Ich will nur eins klarstellen: In den letzten Jahren haben wir großzügig die reale Kaufkraft unserer Mitarbeiter gesteigert. 2016 müssen wir in der Tarifpolitik extrem vorsichtig sein.

Was ist den Arbeitgebern eine längere Laufzeit des Tarifvertrags wert? Ein Prozent Lohnzuwachs noch obendrauf auf die vermutliche Tarifforderung des neuen IG-Metall-Chefs Jörg Hofmann, die um die 5 Prozent liegen dürfte?
Ich will den Verhandlungen nicht vorgreifen, aber fest steht: Einen Abschluss wie 2015 werden können wir uns nicht noch einmal leisten.

Also werden es weniger als 3,4 Prozent?
Es wird keinen so optimistischen Abschluss geben können wie 2015.

Gibt es aus tarifvertraglicher Sicht noch einen Grund zur besonderen Rücksichtnahme auf den Osten Deutschlands?
Nach 25 Jahren Wiedervereinigung können wir alle stolz auf das gemeinsam Erreichte sein. Dass es im Bundesgebiet Unterschiede in der Tarifhöhe, bei den Entgelten, bei den Standortfaktoren gibt, hat heute nichts mehr mit neuen oder alten Bundesländern zu tun. Es gibt in Deutschland einfach unterschiedliche Tarifregionen mit unterschiedlicher wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Das gilt zwischen Nord und Süd und auch zwischen Ost und Süd oder West. Das muss auch so bleiben, sonst wären die Unternehmen nicht mehr wettbewerbsfähig. Es darf keine plumpe Gleichmacherei über die gesamte Republik geben.

Wirtschaftspolitisch hat die Große Koalition vom Mindestlohn bis zur Rente eine eher sozialdemokratische Politik gemacht. Was erwarten Sie sich noch von der Richtlinienchefin Angela Merkel?
Angesichts der vielen außenpolitischen Krisen hat Frau Merkel eine sehr gute Arbeit gemacht. Sigmar Gabriel ist ein guter Wirtschaftsminister. Er hat immer ein offenes Ohr für die Arbeitgeber und er vertritt auch manchmal gegenüber seiner eigenen Partei eine unangenehme Position, wie im Fall von TTIP.

Der SPD-Chef und Vizekanzler ist ein Minister der Bosse? Das schadet ihm.
Das habe ich nicht gesagt. Er vertritt nicht einseitig die Interessen der Arbeitgeber, aber er hört uns zu. Grundsätzlich ist aber die zurückliegende zweijährige Verteilungsparty der Großen Koalition eine echte Belastung. Rentenpaket, Mindestlohn, Frauenquote, Mütterrente. Das alles kostet Deutschland enorm viel Geld. Deshalb gibt es jetzt auch weniger zu verteilen.

Sie kritisieren die noch ausstehenden Reformen bei Zeitarbeit und Werkverträgen. Muss die Kanzlerin das Schlimmste aus Ihrer Sicht verhindern?
Ich vertraue auf die Zusage der Bundeskanzlerin beim Arbeitgebertag, dass es bei Zeitarbeit und Werkverträgen kein Draufsatteln gegenüber dem Koalitionsvertrag geben darf. In Deutschland hat sich die Lage doch grundsätzlich verändert, auch wegen der Flüchtlingsproblematik. Für die Flüchtlinge ist die Zeitarbeit eine Chance, um in den Arbeitsmarkt zu kommen. Statt da noch weiter einzuschränken, wie es die Arbeitsministerin offenbar plant, sollte die Koalition den Mut haben, ihren Koalitionsvertrag nachzubessern: Zeitarbeit und Werkverträge dürfen keinesfalls weiter eingeschränkt werden.

Interview: Dieter Wonka

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