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08:00 22.11.2017
Symbol deutsch-russischer Kooperation: In Sankt Petersburg wächst derzeit die neue Gazprom-Zentrale in die Höhe – dank der Findigkeit eines bayerischen Fassadenbauers.dpa
Berlin

Wie organisiert man in diesen schwierigen Zeiten ein rundum gelungenes deutsch-russisches Treffen? Wie schafft man neue Wärme im kühlen Verhältnis der beiden Völker?

„Ich kriege da oft tolle Tipps“, sagt Ronald Pofalla, 58, Mitglied im Vorstand der Deutschen Bahn. Er blickt vom 26. Stock des Bahn-Towers am Potsdamer Platz in Berlin hinab auf die Stätten seines früheren Wirkens: Bundestag, CDU-Zentrale, Bundeskanzleramt.

Seit zwei Jahren leitet Pofalla nebenbei den deutsch-russischen „Petersburger Dialog“. Hier treffen sich Wirtschaftsleute, Künstler, die Zivilgesellschaft. Es ist eine Aufgabe, die er gern und freiwillig übernommen hat – die sich aber auch als ziemlich mühselig erweist.

Ronald Pofalla, Vorstand der Deutschen Bahn, leitet seit 2015 den „Petersburger Dialog“. Heute und morgen treffen sich dazu Delegationen aus beiden Ländern in Berlin. Quelle: dpa

„Viele in Deutschland“, berichtet Pofalla, „empfehlen allen Ernstes, tagsüber idealerweise ein ganz unpolitisches Seminar zu machen, etwa über Abfallwirtschaft – und dann trinkt man sich abends gemeinsam mit den Russen die Hucke voll.“ Pofalla blinzelt durch seine Brille, wartet eine Sekunde. Dann fügt er mit wissendem Grinsen hinzu: „Das bringt aber nichts.“

Er will es anders machen. Pofalla war zu lange in der Politik unterwegs, um sie nun plötzlich auszublenden. Auch die Russen sollen sich bewegen, meint er. Wenigstens hier und da, wenigstens zentimeterweise. Putin, meint Pofalla, brauche auch Widerworte. Die Opposition in Russland werde nicht fair behandelt, die Medien würden gegängelt. Wenn man das alles nicht klar ansprechen wolle, könne man so etwas wie einen Dialog gleich vergessen.

Notfalls mit gesenkten Hörnern

Im Jahr 2009 organisierte Pofalla als CDU-Generalsekretär Angela Merkels Bundestagswahlkampf. In der nachfolgenden schwarz-gelben Regierung machte Merkel ihn zum Chef des Bundeskanzleramts. An dieser besonderen Stelle des Regierungsapparats hat man nicht nur mit dem offiziellen Teil der Politik zu tun, sondern auch mit der geheimen Seite. Da lässt die Naivität nach, und das Selbstbewusstsein steigt.

Kabarettisten karikierten Pofalla oft als lächerlichen Karrieretypen: blonder Scheitel, Aktenkoffer, dazu der näselnde Tonfall. Es war Pofalla egal. Der tiefe Einblick in die reale Welt der Macht entschädigte ihn für alles. Kabarett? Konnte er auch selbst. Schon in seinen Kanzleramtszeiten lästerte er gern in kleinen johlenden Runden über Freunde und Feinde und war stets wie ausgewechselt, sobald er sich abseits offizieller Termine erst mal seine Marlboro anzünden konnte. Kollisionen, auch mit eigenen Leuten, wich er nicht aus. Dem CSU-Mann Karl-Theodor zu Guttenberg soll er geraten haben, nicht „wie Rumpelstilzchen“ aufzutreten, dem Talkshowdauergast Wolfgang Bosbach rief er im Streit um die Euro-Rettung zu, die Leute könnten seine „Fresse nicht mehr sehen“.

Mit diesem robusten Naturell ging Pofalla, seit 2015 bei der Bahn, nun auch sein deutsch-russisches Ehrenamt an. Wenn es sein muss, senkt er die Hörner.

Cool und kühn: Europas höchster Wolkenkratzer

In Sankt Petersburg, der Heimatstadt von Wladimir Putin, entsteht derzeit der höchste Wolkenkratzer Europas. Mit 462 Metern wird das Lachta-Center des Energiekonzerns Gazprom am Finnischen Meerbusen alle anderen Hochhäuser auf dem Kontinent deutlich überragen. Bislang hielt der Federazija-Turm in Moskau den Rekord. Deutschlands höchstes Hochhaus, der Commerzbank-Turm in Frankfurt, misst nur 300 Meter.

Aber auch in Sankt Petersburg sind jetzt die Deutschen im Spiel. Die komplizierte Fassade für das Prestigeobjekt liefert die Spezialfirma Josef Gartner aus Gundelfingen in Bayern. „Das ist ein Auftrag, der uns sehr geprägt hat in den letzten drei Jahren“, sagt Geschäftsführer Jürgen Wax. Der Job bringt seiner Firma etwa 172 Millionen Euro. Gartner produzierte 16 600 Einzelelemente aus Aluminium, Stahl und kalt gebogenem Glas. Weil keine zwei Stockwerke gleich sind, musste für fast jedes Teil ein eigenes Maß berechnet werden. Die Glaser aus Bayern sind weltweit gefragt: Vor Kurzem haben sie die neue Zentrale des Technikkonzerns Apple in Cupertino in Kalifornien konstruiert.

Das Lachta-Center soll nicht nur für Gazprom-Mitarbeiter da sein. Im 86. Stock, in 370 Metern Höhe, wird es eine Aussichtsplattform geben. Am Fuß des Turms entstehen ein Veranstaltungszentrum, ein Planetarium, ein Amphitheater und ein Jachthafen.

In diesem Sommer eröffnete die russische Justiz ein Verfahren gegen die russische Frauenrechtlerin Walentina Tscherewatenko (61), eine langjährige Teilnehmerin des „Petersburger Dialogs“. Ihr drohten zwei Jahre Haft, weil sie ihre Organisation „Frauen am Don“ in „verbrecherischer Absicht“ nicht als Gruppe „ausländischer Agenten“ hatte registrieren lassen. Die Anklage wurde jüngst fallen gelassen.

„Wir haben uns sehr für Frau Tscherewatenko eingesetzt“, diktierte Pofalla dieser Tage Berliner Journalisten in den Block. „Das zeigt, dass der ,Petersburger Dialog’ Kraft entfalten kann.“

Hilfe vom Bundespräsidenten

Das war hübsch gesagt. Die wahren Abläufe hinter den Kulissen waren ein bisschen unansehnlicher: Pofalla sorgte – unter Ausnutzung seiner alten Verbindungen – dafür, dass hohe und höchste Stellen in beiden Regierungen sich mit dem Fall befassten. Die Berliner verblieben nach offenbar sehr ernsten Gesprächen mit den Russen in dem Sinne, dass eine Anklage gegen Tscherewatenko nicht im wohlverstandenen Interesse Moskaus liege.

Hart, aber fair – so ungefähr lässt sich Pofallas Linie beschreiben. Einerseits will er den deutsch-russischen Dialog nicht nur notorischen Putin-Verstehern wie Gerhard Schröder oder Matthias Platzeck überlassen. Andererseits aber sei es wichtig, den Russen stets die Hand zu reichen und ihnen mehr Zusammenarbeit als bisher anzubieten. Per „Bild“-Zeitung lobte der Christdemokrat Pofalla jüngst die Moskau-Visite des sozialdemokratischen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier: „Bundespräsident Steinmeier hat seine guten Kontakte genutzt, um den Dialog zu fördern. Das ist sehr hilfreich.“

Tatsächlich scheinen sich die Schwingungen und Wellen zwischen Berlin und Moskau inzwischen auf eine neue, produktivere Art einzupendeln. Schon der „Petersburger Dialog“ selbst ist dafür ein Gradmesser. Jahrelang nahmen an dem einst von Schröder und Wladimir Putin in Gang gesetzten Forum keine Regierungschefs mehr teil – diesmal stoßen immerhin wieder die Wirtschaftsminister hinzu, Brigitte Zypries und ihr russischer Amtskollege Maxim Oreschkin.

Auftritt der russischen Töchter

Und es geht um weit mehr als nur Symbole, erhobene Gläser und feierliche Gesten. Die beiden Minister blicken neuerdings auf eine reale Belebung des deutsch-russischen Handels, dessen Ausmaß sogar Experten überrascht.

Vier Jahre lang waren quer durch die Branchen die Zahlen gesunken, jetzt klettern sie wieder, und zwar kräftig. „Die aktuelle Zuwachsrate ist mit über 20 Prozent schon enorm“, sagt Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags. „Die Lage der deutschen Unternehmen in Russland hat sich deutlich gebessert.“

Das Wachstum ist vor allem deshalb verblüffend, weil die westlichen Sanktionen – einschließlich der russischen Gegenmaßnahmen – noch immer in Kraft sind. Doch viele Firmen finden mittlerweile Wege drum herum. Ein Werkzeugmaschinenbauer aus Sachsen etwa stieß auf Hindernisse, weil der Verkauf mancher Maschinenteile nach den westlichen „Dual-use“-Regeln verboten ist: Man könnte die Komponenten auch militärisch nutzen. Die Firma will die umstrittenen Teile künftig direkt in Russland herstellen lassen, in einem Tochterbetrieb.

Baustelle Lachta-Center: Arbeiten montieren Teilde des bayerischen Fassadenbauers Josef Gartner. Der Gaskonzern Gazprom lässt den höchsten Wolkenkratzer Europas als neue Firmenzentrale bauen. Quelle: dpa

Doch auch auf Feldern, die von den Sanktionen unberührt sind, wachsen die Investitionen. Deutsche Automobilbauer etwa können durch die sogenannte Lokalisierung ihrer Produktion die hohen russischen Zölle umgehen. Mittlerweile verdichten sich die Nachrichten aus der Autobranche zu einem neuen deutsch-russischen Gesamtbild:

Volkswagen, schon seit zehn Jahren mit einem Werk in Kaluga vertreten, verbuchte in diesem Herbst ungeahnte zweistellige Wachstumsraten beim Absatz seiner Autos in Russland.

Mercedes baut ein Werk nahe Moskau. 2019 soll es eröffnet werden, geplant ist die Produktion von E-Klasse-Limousinen für den russischen Markt. Im Laufe der letzten zehn Jahre hatte Mercedes seinen Russland-Absatz vervierfacht.

BMW erwägt den Bau des ersten eigenen Werks in Königsberg. Gespräche mit Lokalpolitikern dazu gab es vor wenigen Tagen, eine endgültige Entscheidung ist noch nicht gefallen. Fest steht aber, dass BMW einen gigantischen Geldregen niedergehen lassen will; gedacht ist an eine Investitionssumme von „mehreren Hundert Millionen Euro“.

Wandel durch Handel – ein bewährtes Rezept

Haben so große Investitionen auch politische Folgen? Rückt Russland damit am Ende doch noch dem Westen ein Stück näher?

Pofalla setzt auf Annäherung durch Wandel. Abschottung und Nationalismus passten auf Dauer nicht zu der Modernisierung der russischen Wirtschaft, die Putin selbst plane und fördere.

Tatsächlich hat der Kreml inzwischen erkannt, dass die Zukunft nicht allein im Verkauf fossiler Brennstoffe durch saurierhafte Staatsbetriebe liegen kann. Stärker denn je betonte Putin jüngst bei einer Wirtschaftskonferenz in Sotschi die Bedeutung kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU). Deren Anteil will der Kremlherr nun von Jahr zu Jahr stetig steigern.

Westliche Teilnehmer erwiderten, so etwas könne man aber nicht von oben herab planwirtschaftlich verordnen. Gerade die oft sehr eigenwillige, wenn nicht gar kauzige KMU-Szene entwickele sich am Ende nur dort, wo die Bedingungen wirklich berechenbar seien – und wo sogar die sogenannten „weichen Faktoren“ stimmen: Fühlen die Mitarbeiter sich wohl? Gibt es eine kreative Biosphäre? Oder, etwas gröber gesagt, kann man wenigstens abends noch irgendwohin gehen?

Russische Deutschenfeindlichkeit, russische Überheblichkeit gegenüber den EU-Europäern, auch russische Homophobie entpuppen sich in solchen Debatten als bremsende Faktoren.

Liberal, bunt, Sankt Petersburg

Pofalla rät seinen deutschen Kollegen, diese soziokulturellen Dinge deutlich, „aber ohne Arroganz“ anzusprechen. „Auch bei uns wurden doch noch bis in die Sechzigerjahre hinein Menschen wegen Homosexualität von Strafen bedroht.“ Die klare Botschaft allerdings laute: Russland muss offener und toleranter werden. Doch sogar an dieser Front tut sich etwas. Als 2014 der österreichische Travestiekünstler Conchita Wurst den European Song Contest gewann, bekamen führende russische Politiker einen öffentlichen Würgereiz. Das Ergebnis zeige „Anhängern einer europäischen Integration, was sie dabei erwartet – ein Mädchen mit Bart“, schrieb Vizeregierungschef Dmitri Rogosin. Der nationalistische Abgeordnete Wladimir Schirinowski schimpfte im russischen Fernsehen: „Unsere Empörung ist grenzenlos, das ist das Ende Europas.“

Doch diese harte Linie scheint sich nicht durchzusetzen, jedenfalls nicht in Sankt Petersburg. Die Stadt, immer schon die wohl liberalste in Russland, ist derzeit dabei, für die leise boomende IT-Branche und deren internationale Mitarbeiter und Gäste ein etwas bunteres Umfeld zu bieten als bisher. Dazu wird nun auch Conchita Wurst beitragen, am Sonnabend dieser Woche, mit einem Auftritt zum Abschluss eines Filmfestivals der Schwulen- und Lesbenszene.

Sogar die altehrwürdige „Prawda“ hat den Auftritt angekündigt, auf ihrer schicken neuen Onlineseite. Dass es da mal eine Debatte gab, wurde in dem Bericht der Einfachheit halber weggelassen. Aber schon der Auftritt als solcher ist bemerkenswert und, drei Jahre nach der atemlosen Aufregung von Rogosin und Schirinowski, ein kleiner Schritt für Europa, aber ein großer Schritt für Russland.

Von Matthias Koch

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