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„Will die Union eine Gesinnungspolizei?“

Interview mit Aydan Özoguz „Will die Union eine Gesinnungspolizei?“

Aydan Özoğuz (SPD), Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, wirft der Union vor, Vorurteile gegen Flüchtlinge zu schüren. Über den Vorstoß der CSU, Flüchtlinge bei Androhung von Leistungskürzungen zur Integration zu verpflichten und von ihnen ein Bekenntnis zu Werten und Gesetzen einzufordern, hat sie nichts übrig.

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Die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), hält nichts davon, die Gesinnung von Flüchtlingen abzufragen.

Quelle: Soeren Stache

Frau Staatsministerin Özoguz, laut Union sollen sich Flüchtlinge zur Gleichberechtigung von Mann und Frau, zum Existenzrecht Israels, zu den Rechten von Homosexuellen bekennen. Wird von ihnen mehr erwartet als von Deutschen?

Natürlich muss sich jeder bei uns an Regeln und Gesetze halten. Das ist so selbstverständlich, dass man es eigentlich nicht ständig wiederholen müsste. Wer aber solche Bekenntnisforderungen aufstellt, der muss auch sagen, wie er sie umzusetzen gedenkt. Wollen die Unionsparteien zur Überprüfung von Einstellungen eine Gesinnungspolizei einsetzen? Ich bin sicher, dass wir auch in der deutschen Bevölkerung Menschen finden, die Grundwerte ignorieren. Die zum Beispiel etwas gegen Homosexuelle haben. Wollen wir wirklich bei allen die Gesinnung abfragen und dabei mit Leistungskürzungen drohen? Mir scheint, die Unionsparteien beschränken sich weiterhin darauf, Nebelkerzen zu werfen, um Ressentiments zu bedienen.

Kann es ein Miteinander ohne geteilte Werte geben?

Das Miteinander kann dann nicht funktionieren, daher ist es sehr wichtig, dass wir den Flüchtlingen Deutschland und seine Regeln näherbringen. Aber das passiert ja bereits in den Sprach- und Orientierungskursen und dann natürlich hauptsächlich über Begegnungen. Wer die Forderung nach einem Bekenntnis zu Deutschland und seinen Werten ernst meint, der muss sich dafür einsetzen, dass die Flüchtlinge schnell in Integrationskurse, Kinder schnell in Kitas und Regelklassen kommen.

Die Integration Hunderttausender Flüchtlinge soll über den Arbeitsmarkt gelingen. Ist das realistisch?

Für viele gibt es jetzt eine reelle Chance, denn Millionen Arbeitskräfte werden in den nächsten Jahren aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden und in ihre verdiente Rente gehen. Wir haben gar nicht ausreichend Nachwuchs, um diese Lücke zu schließen. Das heißt: Wer jetzt nach Deutschland kommt und sich anstrengt, hat eine wirkliche Chance. Aber wir brauchen auch ein wenig Zeit, um Qualifikationen zu erkennen, Nachschulungen anzubieten oder in Ausbildung zu bringen. Trotzdem werden es nicht alle schaffen.

Wirtschaftspolitiker und Unternehmer fordern ein Aussetzen der Vorrangprüfung, die Deutsche und EU-Ausländer bei der Jobvergabe bevorteilt. Sind Sie auch dafür?

Wir haben im vergangenen Jahr die Frist der Vorrangprüfung von vier Jahren auf 15 Monate gesenkt. Es geht weniger um Bevorzugung als um einen riesigen bürokratischen Aufwand für die Unternehmen. Eine Wartezeit von 15 Monaten halte ich derzeit für vertretbar, damit Flüchtlinge in dieser Zeit Spracherwerb und Berufsvorbereitung machen können. Wichtig ist, dass die Menschen nicht herumsitzen müssen, sondern Mitmachmöglichkeiten haben.

Aus Flüchtlingsunterkünften ist jedoch zu hören, dass Asylbewerber selbst beim Sortieren der Kleiderspenden nicht mithelfen dürfen - aus Versicherungsgründen. Übertreiben wir es mit der Bürokratie?

An manchen Stellen müssen wir ohne Frage flexibilisieren, denn manche Regelungen stehen den Menschen unnötig im Wege. Klar ist aber auch, es darf kein neuer Niedriglohnsektor entstehen, deshalb darf der Mindestlohn nicht aufgeweicht werden. Es besteht schon jetzt die Möglichkeit, dass Flüchtlinge Praktika machen, in Unterkünften mithelfen oder in Ein-Euro-Jobs arbeiten und so mit anpacken können.

Bringen sich alteingesessene Migranten in der Flüchtlingshilfe ausreichend ein?

Die Reaktion der Migranten ist so vielschichtig wie die der Gesamtbevölkerung. Es gibt sehr viele Migrantenorganisationen oder Einzelpersonen, die an Bahnhöfen, in Unterkünften, bei Deutschkursen und vielen anderen Dingen mithelfen. Moscheen beherbergen viele Flüchtlinge. Doch sie sind noch nicht so richtig Teil des Systems. Sie sollten stärker in den Fokus der ehrenamtlichen Arbeit rutschen. Dafür müssen etablierte Verbände sie miteinbeziehen. Das möchte ich in den nächsten Wochen gern unterstützen.

Interview: Marina Kormbaki

Zur Person

Aydan Özoguz ist Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und als solche Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Die SPD-Politikerin aus Hamburg ist stellvertretende Bundesvorsitzende ihrer Partei und zog 2009 als Abgeordnete in den Bundestag ein. Sie hat türkische Eltern und erhielt 1989 die deutsche Staatsbürgerschaft. Die 48-Jährige ist mit dem Hamburger Innensenator Michael Neumann (ebenfalls SPD) verheiratet. Gemeinsam haben sie ein Kind.

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