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Deutschland / Welt "Ich bin begeistert von der Flüchtlingspolitik"
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00:15 29.01.2016
Quelle: Margit Marnul
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Frau Klüger, mit welchem Blick auf das heutige Deutschland sind Sie aus Kalifornien nach Berlin gekommen?
 Ich habe mich gefreut, gerade in diesem Jahr die Rede zu halten. Ich bin begeistert vom Umgang der Deutschen mit der großen Flüchtlingswelle im vergangenen Jahr, von der Willenskraft und den Hoffnungen. Das ist so ein Unterschied zum Deutschland von damals, das die vermeintlich Fremden verjagt und umgebracht hat. Ich bin neugierig, herauszufinden, wie es weitergeht. Und ich hoffe, etwas beitragen zu können, indem ich etwas von mir erzähle.

Seit der Silvesternacht ist diese Stimmung gekippt.

Ich hoffe, es wird weiter gutgehen mit dieser Wende zu einem offenen Land. Es wäre naiv gewesen, zu glauben, dass es ohne Probleme abgeht. In Köln hat die Polizei versagt. Bedeutet das nun, dass die Flüchtlingspolitik insgesamt gescheitert ist? Ich habe mich empört über die Übergriffe gegen Frauen in der Silvesternacht. Aber ich glaube immer noch, dass sich das Ganze wieder zum Positiven wenden wird.

Es gibt auch jüdische Stimmen, die vor dem tief verankerten Antisemitismus in den Heimatländern der Geflüchteten warnen.

Ich habe nun wirklich ausreichend Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht. Wirklich gefährlich wird er erst, wenn der Staat dahintersteht. Gegen Einzelne, auch wenn es viele sind, kann man sich immer wehren.

Worüber werden Sie heute im Bundestag sprechen?

Über Zwangsarbeit – ich habe damals überlebt, weil ich mich drei Jahre älter gemacht habe und deswegen in ein Arbeitslager und nicht ins Gas kam. Ich werde über die Zwangsarbeit von Frauen sprechen, die oft weniger ins Licht gerückt wird als die der Männer. Nur ein Beispiel: Die Zwangssexarbeiterinnen in den Lagerbordellen haben nie eine Entschädigung erhalten. Und ich werde am Ende die Gelegenheit nutzen, zu sagen, wie berührt ich bin von der jetzigen deutschen Politik gegenüber den Flüchtlingen.

Mit zwölf Jahren waren Sie in Auschwitz-Birkenau. Eines Tages wurden Frauen und Mädchen über 15 gesucht, die in ein Arbeitslager kommen sollten. Sie haben sich älter gemacht und kamen durch. War das Glück oder Zufall?

Zufall. Seit damals ist meine ganze Einstellung zum Leben davon geprägt. Ich glaube, dass der Zufall alles oder zumindest fast alles bestimmt. Bei jedem von uns KZ-Überlebenden geht es um den Zufall. Jeder von uns hat eine andere Geschichte, aber das verbindet uns alle. Man tritt auf einen Ameisenhaufen, die meisten Ameisen werden zerquetscht, einige laufen davon.

Das Überleben war ein Triumph, haben Sie einmal gesagt.

Es war ein Triumph über die Unfreiheit. Selbst im KZ hat man die Freiheit, eine Entscheidung zu treffen. Ich wusste nicht, was dabei herauskommt, wenn ich mich älter mache. Da hat sich innerhalb von wenigen Minuten etwas entschieden, das dazu führte, dass ich hier vor Ihnen sitze. Eine Schreiberin hat mir zugeflüstert „Sag, dass du 15 bist“ und der SS-Arzt hat das gelten lassen. Das hat der Zufall entschieden. Ich möchte einen Roman schreiben über drei alte Frauen, die nach Las Vegas fahren, was ich selber gerne tue. Die sitzen am Roulettetisch und glauben, zu wissen, was die nächste Nummer ist, dass die irgendwie vorherbestimmt ist. Aber das stimmt eben nicht.

In ihren Memoiren „Unterwegs verloren“ beschreiben Sie, wie Sie sich vor einigen Jahren die tätowierte Häftlingsnummer entfernen lassen. Es klingt so, als wollten Sie sich damit von Ihrem im KZ ermordeten Bruder und den anderen Toten befreien. Hat das funktioniert?

Jeder wird durch seine Kindheit geprägt, das wissen wir spätestens seit Freud. Und ich hatte nun einmal diese. Je älter ich bin, desto mehr denke ich an diese Zeit zurück. Die Entscheidung, die Nummer wegmachen zu lassen, war eine symbolische – und eine praktische. Ich will im Sommer mit kurzen Ärmeln herumlaufen können, ohne dass jemand auf die Nummer starrt. Und je weniger von uns es noch gibt, desto mehr starren die Leute. Es war auch ein Zeichen, dass diese Zeit abgeschlossen ist und ich etwas anderes machen kann. Das heißt aber nicht, dass die Erinnerungen weg wären. Die bleiben für immer.

Interview: Jan Sternberg

Biografie

Ruth Klüger wird 1931 in Wien geboren. Mit elf Jahren wird sie mit ihrer Mutter nach Theresienstadt deportiert, später nach Auschwitz-Birkenau und Christianstadt. Kurz vor Kriegsende gelingt Mutter und Tochter die Flucht. 1947 eimigrieren sie in die USA. Ruth Klüger studiert deutsche Literatur und wird Germanistikprofessorin. 1992 veröffentlicht sie unter dem Titel „weiter leben“ ihre Jugenderinnerungen, 2008 erscheint mit „unterwegs verloren“ der zweite Teil ihrer Memoiren. Sie lebt in Irvine/Kalifornien und hat zudem eine Wohnung in Göttingen.

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