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Es wird jetzt wirklich eng

Flüchtlinge in Jordanien Es wird jetzt wirklich eng

In Jordanien ist jeder dritte Einwohner ein Flüchtling. Schulen machen Doppelschichten, die Mieten steigen ins Unbezahlbare, das Wasser reicht kaum. Wie lange halten die Einheimischen das aus? Besuch in einem Land auf der Kippe.

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„Wir müssen das jetzt aushalten“: Das Flüchtlingslager Zaatari ist eine riesige Stadt ­geworden.

Quelle: dpa

Mafraq. Es ist ja nicht alles schlecht. Der Imam mit dem schwarzen Bart und dem grauen Gewand sitzt auf dem Teppich in seiner Moschee. „Stellen Sie sich vor“, sagt er und lässt den Blick durch den großen Raum wandern, „wir erleben hier einen echten Aufschwung.“ Er zeigt in die Ecken, in denen neue Wasserspender stehen, finanziert von der deutschen Entwicklungshilfe. Auch die Waschräume sind neu, Stoppventile helfen, das kostbare Wasser zu sparen. Dann kommt das Wichtigste: die vielen neuen Gläubigen. Sie sind es, die den Imam so optimistisch stimmen. „Wegen der Flüchtlinge gibt es so viele Muslime in der Stadt, dass dieser Raum fürs Gebet nicht mehr ausreicht.“ Er zeigt zum Eingang, weist auf den Staub, die Bauarbeiter. „Wir bauen an. Dann haben in unserer Moschee 500 Menschen mehr Platz.“ Imam Suleyman lebt und arbeitet in Mafraq, einer Stadt im Norden Jordaniens, keine 20 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Hinter Mafraq beginnt der Krieg.

Das Wasser wird knapp

Als in Nassib, dem Grenzort auf der anderen Seite, 2013 die ersten Geschosse flogen, konnte man in Mafraq nachts die Blitze sehen. Damals lebten hier noch 100 000 Menschen. Heute sind es 200 000, manche sagen 300 000. So genau weiß das niemand. Sicher ist: Die Stadt ist nicht für so viele Menschen gemacht. Sie ist überfüllt, nicht nur die Moschee. Die Krankenhäuser sind überbelegt. Die Mietpreise sind in drei Jahren auf mehr als das Dreifache angestiegen, immer mehr Menschen sind obdachlos. Und das Wasser wird immer knapper.  Der Imam aber will nicht nur das Schlechte sehen. Die Geschäfte machen so gute Umsätze wie noch nie, sagt er. „Früher hatte ein Laden zehn Kunden am Tag, heute sind es 25.“ Ja, die Gesellschaft sei an der Grenze. „Aber wir müssen das jetzt aushalten. Das sind Brüder, die aus dem Krieg kommen.“

Jeder dritte Einwohner ein Flüchtling

Es kommen sehr viele Brüder nach Jordanien. In dem kleinen, bislang erstaunlich stabilen Königreich leben insgesamt nur 9,5 Millionen Menschen. Davon sind 1,35 Millionen Syrer, 650. 000 sind in den vergangenen vier Jahren hierher geflohen. Dazu kommen knapp zwei Millionen weitere Flüchtlinge, vor allem Palästinenser und Iraker. Mittlerweile ist jeder dritte Einwohner Jordaniens ein Flüchtling. Um zu wissen, wie sich das anfühlt, müsste Deutschland 25 Millionen Flüchtlinge aufnehmen.

Wer sich umhört in Mafraq, in Irbid und in der Hauptstadt Amman, merkt schnell: Die Probleme sind riesig. Schulen müssen im Zwei-Schichten-System unterrichten. Vormittags kommen die jordanischen, nachmittags die syrischen Schüler. Es gibt zusätzliche Lehrer, aber der Lehrplan ist eingeschränkt; auch für die jordanischen Schüler werden nicht mehr alle Fächer angeboten. „Mehr Stunden sind einfach nicht möglich, wenn wir alle Kinder unterrichten wollen“, sagt Schulleiterin Meassev Jaafreh aus Amman. In Deutschland, wo schon die Nutzung einer Turnhalle als Flüchtlingsunterkunft Grummeln auslöst, würden solche Sätze besorgte Eltern wohl auf die Barrikaden bringen.

Kein Protest der Jordanier

Doch die Jordanier protestieren nicht. Obwohl sie abgeben müssen, ohne viel zu haben. Jordanien gehört zu den wasserärmsten Ländern der Welt. Seit die Flüchtlinge da sind, kommt die öffentliche Wasserlieferung vielerorts nicht mehr wöchentlich, sondern nur noch alle 14 Tage. Wer kein zusätzliches Wasser kaufen kann, darf nur die Hälfte der ohnehin knappen Rationen verbrauchen. Einheimische klagen zwar über die schwierige Situation, aber auch hier: kein Protest, keine Missgunst, kaum Übergriffe. Selbst jordanische Gesprächspartner wundern sich über die Geduld ihrer Landsleute, sprechen von einem „kleinen Wunder“. Unter der äußerlichen Gelassenheit aber brodelt es.

Ahmad Harasheh ist Direktor des ­Religionsministeriums in Mafraq und ­berichtet von wachsenden Spannungen zwischen Jordaniern und Syrern. „Es gibt Auseinandersetzungen. Wir versuchen, mit Religion auf sie einzuwirken, denn die verbindet uns“, sagt er. Einfach ist das nicht. Die Religion spielt eine große Rolle, aber auch in Jordanien kann der Imam nur predigen. Suleyman und seine Kollegen predigen gegen Mietwucher und Ausgrenzung. Sie predigen, mit dem knappen Wasser sparsam umzugehen. Sie predigen, die Türen offen zu halten für die Glaubensbrüder in Not.

Region als Pulverfass

Noch wirkt es. Und doch mehren sich die Stimmen, die Jordanien am Rande des Kollapses sehen. Sogar in der Regierung. „Der Druck auf unsere Infrastruktur ist riesig. Der Nahverkehr, Medizin, Arbeit, Wasser – von allem gibt es viel zu wenig“, sagt Arbeitsminister Nidal Katamine. Zudem werde die politische Situation täglich komplizierter, die Region gleiche einem Pulverfass. Längst lassen auch die Jordanier nur noch wenige Flüchtlinge ins Land. „Wenn es der Weltgemeinschaft nicht gelingt, zurück zu einer Ordnung in Syrien zu finden, dann endet das in einer großen Katastrophe.“

Als 2011 der Bürgerkrieg im Nachbarland begann, hatte Jordaniens Führung eine klare Haltung. Sie öffnete die Grenzen für die Nachbarn, die zu Hunderttausenden Schutz suchten. Kaum jemand glaubte damals, dass der Krieg Jahre andauern würde. Am wenigsten die Syrer selbst. Erst jetzt, gut drei Jahre nach der ersten großen Flüchtlingswelle, ist klar, dass es mit einem Zelt oder einem Gästezimmer nicht getan ist. Die Syrer können noch immer nicht zurück. Aber ihr Leben geht weiter. Sie brauchen Bildung, Infrastruktur, Häuser, Wasser. Und Arbeit.

Wie aus Provisorien Dauereinrichtungen werden, kann man ausgerechnet dort am besten erleben, wo das Behelfsmäßige Programm war. Als vor drei Jahren Hunderttausende Flüchtlinge an der Grenze standen, wurden auf dem Wüstenboden in Zaatari Zelte aufgeschlagen. Dazu gab es ein paar provisorische Wasserstellen und eine Marktstraße, in der die Flüchtlinge Wasser und Decken kaufen konnten. Es gab Verteilungskämpfe, die hygienischen Zuständen waren teils bedenklich. Das Meer der graublauen Zelte von Zaatari war jahrelang internationales Symbol der humanitären Katastrophe im Nahen Osten.

Vom Notlager zur Containerstadt

Heute sind die Zelte verschwunden. Aus dem Notlager für mehr als 100 000 Flüchtlinge ist eine Containerstadt geworden. Auf den Dächern sieht man ­unzählige Satellitenschüsseln, es gibt Toiletten, Straßen, Fußball- und Kinderspielplätze, Schulen und Supermärkte. Sogar ein Müllrecyclingsystem haben Hilfsorganisationen eingeführt. „Hier verbessert sich jeden Tag etwas“, sagt Amne. Die Syrerin ist 42 Jahre alt und lebt mit ihrer Tochter seit drei Jahren in Zaatari. „Als ich gekommen bin, gab es nur ein Zelt. Heute habe ich eine Küche und ein Bad und ein festes Dach.“ Stockend erzählt sie von dem nächtlichem Raketenangriff, der vor drei Jahren ihren Hof zerstörte. „Was in Syrien passiert, hat mein Leben kaputtgemacht“, sagt sie. Ihren Mann habe sie zurücklassen müssen, er sei schwer krank. Noch etwas macht ihr Sorgen: Es gibt nichts für sie zu tun, keine Arbeit.

Wird sie bald wieder zurück nach Syrien gehen können? Schulterzucken.

Zaatari ist eines von zwei großen Camps in Jordanien, dazu gibt es noch ein kleineres. 85 Prozent der syrischen Flüchtlinge leben allerdings nicht in Lagern, sondern in den Gemeinden. Die Glücklichen kamen bei Verwandten im Grenzgebiet unter. Viele wohnen in Rohbauten, in vermieteten Garagen, in kleinen Zimmern oder in Zelten, die man vor allem im Norden am Wegesrand immer wieder sieht. Sie suchen Arbeit, viele schlagen sich illegal in der Gastronomie oder als Bauarbeiter durch.

Syrer dürfen in Jordanien nicht arbeiten. Europa hat ein großes Interesse daran, dass sich das ändert. Denn: Verschlechtert sich die Lage in der Türkei, im Libanon oder in Jordanien, gibt es keine Jobs und keine Perspektive, dann machen sich die Flüchtlinge wieder auf den Weg. Diesmal nach Europa.

Eine Geberkonferenz hat auch deshalb im Februar in London beschlossen, den Aufnahmeländern wie Jordanien, dem Libanon und der Türkei insgesamt 6 Milliarden US-Dollar zur Verfügung zu stellen. „Fluchtursachen bekämpfen“ heißt das bei der Bundesregierung. 200 000 Arbeitsplätze für Syrer sollen entstehen, Schulen und Kliniken gebaut werden. Die jordanische Führung, allen voran König Adullah  II., hat dem Plan zwar zugestimmt, arbeiten dürfen die Syrer allerdings bis heute nicht. Auch in Jordanien gibt es die Angst, dass die Flüchtlinge den Einheimischen Jobs wegnehmen.

Arbeitsminister Katamine gibt sich gar keine Mühe zu verbergen, dass er die Abmachung für nicht sonderlich verbindlich hält. Sicherlich werde seine Regierung wie zugesagt 200 000 Syrern eine Arbeitserlaubnis erteilen, sagt er. „Aber nur, wenn zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden – und gleichzeitig genauso viele Jobs für Jordanier entstehen.“ Wenn es nach ihm geht, sollen europäische Firmen ihre Produktion in das kleine Land verlegen. Investoren allerdings tun sich schwer damit. Zwar ist Jordanien ein sicheres Land. Doch schon seine prekäre Lage zwischen Syrien, dem Irak, Israel und Saudi-Arabien lässt ahnen, dass das nicht ewig so bleiben muss. Und so wird es wohl ein mühsames Geschäft bleiben, die Fluchtursachen zu bekämpfen. Minister Katamine sieht das Problem in Syrien, nicht in seinem Land. Das Schlimme, sagt er zum Abschied, seien in Wahrheit gar nicht die Arbeitsverbote: „Das Schlimme ist für Syrer und Jordanier gleichermaßen: Der Krieg in Syrien geht immer weiter.“

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