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„Die Erdverkabelung ist nicht zu teuer“

Interview mit Jochen Homann „Die Erdverkabelung ist nicht zu teuer“

Für viele Anlieger wäre eine unterirdische Stromleitung die ideale Lösung. Überall wird sie sich nach Einschätzung der Bundesnetzagentur aber nicht verwirklichen lassen. Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur, fordert ein höheres Tempo beim Stromleitungsbau.

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Der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, zu Besuch in der HAZ-Redaktion.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Die Netzbetreiber sehen die Energiewende in Gefahr, wenn der Ausbau neuer Höchstspannungsleitungen nicht bald spürbar vorankommt. Teilen Sie die Befürchtung, Herr Homann?
Gefährdet ist sie nicht - sie würde nur deutlich teurer. Wenn wir den günstigen Windstrom aus dem Norden nicht in den Süden transportieren können, wo er dringend gebraucht wird, müssen die Kraftwerke entlang der Wegstrecke weitaus häufiger hoch- und wieder heruntergefahren werden, um das Netz zu stabilisieren. Allein im vergangenen Jahr beliefen sich die Kosten hierfür auf eine dreistellige Millionenhöhe. Und am Ende wird dies auf die Verbraucher umgelegt werden. Zudem steigt durch die stark zunehmende Zahl von Eingriffen auch das Risiko, dass irgendwann etwas schiefgeht.

Am heutigen Sonnabend geht das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld in Franken vom Netz - dieser Schritt gilt als Testfall, ob in Süddeutschland nach dem Atomausstieg die Lichter ausgehen. Muss man sich Sorgen machen?
Wegen des stockenden Netzausbaus haben wir vorgesorgt und bereits ausreichend Reservekapazitäten akquiriert. Mit der Abschaltung von Grafenrheinfeld steigt dieser Bedarf für den nächsten Winter zwar noch an und liegt bei mindestens 6700 Megawatt - das ist mehr als doppelt so viel wie 2014/2015. Besorgt sein muss deswegen aber niemand.

Ist das mit Blick auf die Energiewende nicht eine Mogelpackung: Weil nicht genug sauberer Windstrom in den Süden gelangt, verdienen sich alte Ölkraftwerke in Österreich eine goldene Nase?
So würde ich das nicht sagen. Wir haben nicht nur emissionsintensive Kraftwerke unter Vertrag genommen. Aber richtig ist natürlich, dass niemand seine Kraftwerke gratis laufen lässt - auch das kostet. So hat etwa die Bereitstellung der Reservekraftwerke im Jahr 2014 rund 72 Millionen Euro gekostet, die am Ende die Stromkunden zahlen.

Trotz dieser Mehrkosten stemmt sich Bayern gegen den Bau neuer Stromtrassen. Haben Sie dafür Verständnis?
Wenn 2022 alle Atomkraftwerke vom Netz sind, betrifft dies die südlichen Bundesländer besonders, denn hier ist der Anteil der Kernkraft an der Energieversorgung höher als anderswo. In Bayern fehlen nach unseren Berechnungen 2025 rund 5,4 Gigawatt gesicherte Leistung. Das ist ungefähr ein Drittel des Leitungsbedarfs. Und in diesen Prognosen sind bereits die möglichen Entlastungen durch forciertes Stromsparen und durch dezentrale Erzeugung in diesen Regionen als „Hoffnungsträger“ mit einkalkuliert. Um die benötigte Leistung und die Versorgung mit preiswertem Strom für Bayern sicherzustellen, wird deshalb ein erheblicher Netzausbau benötigt. Klugerweise baut man daher Verbindungen in den Norden, wo wir einen erheblichen Überschuss erwarten.

Bisher fließt der Windstrom über Nachbarländer nach Bayern und verstopft dort die Netze. Das wollen Polen und Tschechen nicht länger hinnehmen und haben sich bei der EU-Kommission beschwert. Brüssel droht bereits mit der Einführung von unterschiedlichen Preiszonen in Deutschland. Wann ist es so weit?
Das wissen wir nicht. Bisher konnte die Bundesregierung immer auf den geplanten Netzausbau verweisen. Wenn wir damit nicht vorankommen, wird die Diskussion in Brüssel sicher heftiger werden und an Schwung gewinnen.

Der Widerstand der bayerischen Landesregierung dürfte die Akzeptanz der geplanten Stromtrassen nicht unbedingt erhöhen. Wie entwickelt sich die Diskussion entlang der Strecke?
Es gibt große Unterschiede. Im Norden haben die Menschen ein Grundverständnis für die Notwendigkeit: Sie sehen, dass der Strom hier produziert und im Süden gebraucht wird. In der Mitte sieht das anders aus: Die Anlieger müssen die Nachteile neuer Leitungen hinnehmen, sie haben dadurch aber keine direkten Vorteile. Deshalb muss man auch wieder daran erinnern, dass die Energiewende ein Gemeinschaftswerk ist.

Die Netzbetreiber verunsichern die Bürger mit immer neuen Szenarien. Erst war die Südlink-Trasse auf zwei parallele Leitungen ausgelegt, inzwischen ist bereits von drei Leitungen die Rede - es könnten aber auch fünf werden, heißt es. Schafft man so Vertrauen?
Aktuell stehen zwei Leitungen im Gesetz. Mit Blick auf die kommenden zehn Jahre sieht die Bundesnetzagentur derzeit über die zwei Leitungen hinaus keinen zusätzlichen Bedarf. Zur Ehrlichkeit gehört es aber auch zu sagen, dass die Übertragungsnetzbetreiber mit Blick auf das Jahr 2034 angesichts des fortschreitenden Ausbaus erneuerbarer Energien einen deutlich höheren Leitungsbedarf voraussagen. Das alles muss man den Bürgern aus meiner Sicht offen kommunizieren. In welchem Umfang zusätzliche Leitungen benötigt werden, ist allerdings aus heutiger Sicht nicht zu sagen. Ebenso wenig, welche technischen Optionen es dann geben wird und ob dies zusätzliche Trassen bedeutet.

Die niedersächsische Landesregierung und die Anlieger fordern, die Leitungen unterirdisch zu verlegen. Den Netzbetreibern ist die Erdverkabelung zu teuer. Sehen Sie einen Kompromiss?
Die Erdverkabelung ist nicht zu teuer - jedenfalls nicht generell. Alle Stromkunden zahlen heute wie gesagt einen dreistelligen Millionenbetrag für Maßnahmen zur Umgehung von bestehenden Netzengpässen. Dieses Geld könnte man also besser einmalig in den Netzausbau und in Erdverkabelung investieren. Klar ist allerdings auch, dass wir nicht die gesamte Strecke von 700 Kilometern unter die Erde verlegen können.

Interview: Hendrik Brandt und Jens Heitmann

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