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Käßmann für Abzug deutscher Soldaten aus Afghanistan

Interview Käßmann für Abzug deutscher Soldaten aus Afghanistan

Die EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann setzt sich für den baldigen Abzug deutscher Soldaten aus Afghanistan ein – möchte aber nichts überhasten.

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EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann

Quelle: lni

Frau Bischöfin, Weihnachten 2009: In Afghanistan herrscht Krieg, und die Bundeswehr steckt mittendrin. Beunruhigt Sie das nicht?

Das beunruhigt mich schon. Zunächst ist es jedoch ein Realitätsgewinn, wenn mittlerweile auch die deutsche Regierung einräumt, dass deutsche Soldaten in einen Krieg verstrickt sind. Jahrelang wurde verdrängt, was tatsächlich in Afghanistan geschieht. Da wurde gesagt, dass deutsche Soldaten in erster Linie beim Aufbau helfen. Doch jetzt kommt uns endlich zu Bewusstsein, dass es auch Tote gibt, wenn deutsche Soldaten zu Auseinandersetzungen ins Ausland gehen – und dass im Krieg auch immer Zivilisten zu Opfern werden.

Kann die Kirche, die sich auf einen friedlichen Herrn beruft, so etwas hinnehmen?

Nein, weil unsere Kirche sagt: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. Das war 1948 in Amsterdam beim ersten Treffen des Ökumenischen Rates der Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg der entscheidende Satz. Auch nach den weitesten Maßstäben der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist dieser Krieg so nicht zu rechtfertigen. Deshalb, denke ich, muss die gewalttätige Auseinandersetzung möglichst rasch beendet werden. Wir brauchen eine klare Exit-Strategie.

Was heißt Exit-Strategie?

Möglichst bald sollten die deutschen Soldaten aus Afghanistan abgezogen werden. Allerdings kann der Rückzug nicht völlig überhastet stattfinden, weil man jetzt über die akut eingetretene Situation in Kundus erschrocken ist, sondern es muss über eine ruhige und geordnete Form des Rückzugs nachgedacht werden. Reden müssen wir aber auch über die Frage, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass Deutschland nach den USA und Großbritannien die drittstärkste externe Militärmacht ist im Rahmen der Eingreiftruppe Isaf.

Es gibt aber auch Militärexperten, die sagen, die Taliban greifen schließlich deutsche Soldaten an, weshalb Deutschland – statt über Abzug zu reden – über eine verschärfte Kriegsführung nachdenken müsste. Was sagt die Kirche zu derlei Argumenten?

Ich frage dagegen: Mit welchem Ziel? Was ist das eigentliche Ziel des deutschen Einsatzes in Afghanistan? Das bleibt doch die entscheidende Frage. Unser Eindruck ist, dass der Vorrang für zivile Konfliktbewältigung, die wir als Kirchen immer wieder eingefordert haben, letztendlich nicht umgesetzt wird. Es ist wieder einmal das Militärische, das den Vorrang bekommt – das ist doch zum Verzweifeln. Wir erleben erneut, dass alle anderen Mittel, einen solchen Konflikt zu beenden, in den Hintergrund treten.

Welche Mittel meinen Sie?

Friedenssicherung ohne Waffen, etwa durch Mediation, durch Unterbrechen der Finanzströme durch eine Beendigung des Waffen- und Drogenhandels, der den Terror finanziert. Mir geht es darum, dass wir endlich auch Wege debattieren und finanzieren, wie Frieden ohne Waffen geschaffen werden kann. Da gibt es positive Beispiele, die aber von der Weltöffentlichkeit überhaupt nicht wahrgenommen werden.

An welche denken Sie?

Im Rahmen des Projektes Weltethos gibt es eine Studie von Markus Weingardt unter dem Titel „Religion, Macht, Frieden“. Die zeigt an 44 internationalen Konflikten auf, wie religiös motivierte Akteure in Konfliktsituationen vermitteln, neues Vertrauen bringen, zwischen Konfliktparteien hin und her pendeln und tatsächlich dazu beitragen, dass ein Konflikt gewaltfrei beigelegt wird. Das muss endlich ernsthaft versucht werden! Es war ein katholischer Bischof, der letzten Endes den Durchbruch zum Frieden in Ost-Timor möglich gemacht hat.

Meinen Sie, man kann einen radikalen Talibankämpfer durch Friedensgesten besänftigen?

Natürlich ist es leicht zu sagen, mit einem Talibankämpfer kann man nicht verhandeln, und dann alle weiteren Versuche einfach zu unterlassen. Aber die Geschichte bisheriger Afghanistan-Interventionen zeigt, dass dieses Land allein mit Waffen auch nicht zu „befrieden“ ist. Sie können Terror letztlich nicht mit Waffen besiegen, aber Sie können Finanzierungsquellen unterbinden und Gespräche wagen. Die Akzeptanz in der Bevölkerung für einen friedlichen Neuanfang können Sie ohnehin nur mit friedlichen Mitteln herstellen.

Können Sie den deutschen Oberst Klein verstehen, der offenbar die Tanklaster bombardieren ließ, weil er einen Angriff auf sein Bundeswehrlager fürchtete?

Ich maße mir in keiner Weise an, darüber zu urteilen. Ich kenne mich in militärischen Strukturen nicht aus. Und ich will es auch gar nicht beurteilen. Es gibt in der evangelischen Kirche aber eine Verantwortungsethik, und da muss Oberst Klein, soweit ich das gelesen habe, für sich eine verantwortliche Entscheidung getroffen haben. Evangelische Verantwortungsethik heißt auch, dass man im Nachhinein vielleicht erkennen muss, es war eine falsche Entscheidung, aber ich habe die Entscheidung so bewusst getroffen. Schuldig kann ich auch werden, wenn ich nicht handele.

Können Sie sich vorstellen, dass der Oberst jetzt Seelenqualen erleidet?

Ich kann mir vorstellen, dass das unendlich belastend ist für das persönliche Gewissen. Erstens, so eine Entscheidung zu treffen, und dann die Konsequenzen zu ziehen.

Die Kirche hat ja auch Militärseelsorger in Afghanistan. Müsste man die, um als Kirche ein Zeichen zu setzen, jetzt nicht sofort abziehen?

Mir ist wichtig, dass die Pastorinnen und Pastoren, die Auslandseinsätze begleiten, Seelsorger für die Soldaten sind. Das heißt: Hier wird kein Krieg abgesegnet, sondern es werden Menschen begleitet. Das haben wir auch mit den Militärseelsorgern so besprochen. Ich gehöre zu denen, die große Mühe haben zu akzeptieren, dass deutsche Soldaten außerhalb des Landes, der Nato, eingesetzt werden. Aber ich stehe dazu, dass unsere evangelische Kirche sagt, wir begleiten die Menschen und lassen sie auch dort nicht allein.

Lassen Sie uns noch über ein anderes Thema reden. Rechtzeitig zum Weihnachtsfest 2009 tritt der Göttinger Theologe und Bibelkritiker Gerd Lüdemann auf den Plan und erklärt die Weihnachtsgeschichte als „heilige Lüge“: Jesus sei in Nazareth geboren und nicht in Bethlehem, auch habe es keine reichsweite Schätzung unter Kaiser Augustus gegeben, viele Details der Lukas-Geschichte stimmten nicht?

Ich möchte zuallererst sagen, Herr Lüdemann widerlegt meinen Glauben nicht. Mir ist wichtig, dass wir begreifen, dass Lukas, aber auch Matthäus, die Geburtsgeschichten Jesu von Ostern her geschrieben haben.

Was heißt das?

Also: Die Jüngerinnen und Jünger, die ersten Christen, haben erlebt und wahrgenommen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Dass der Tod als Grenze von Jesus überschritten wurde. Das ist ja der Beginn der Kirche. Und von daher wird die Geburt des Gottessohnes interessant.

Aber dann sollte der Geburtsort doch historisch stimmen?

Die Geburt an sich ist unbestritten. Der Geburtsort, den wir im Lukas-Evangelium finden, ist einer, der von den prophetischen Vorhersagen interessant wird. Schon die hebräische Bibel, das Alte Testament, gibt Hinweise darauf, dass Bethlehem der Ort ist, wo der Messias geboren wird. Und für Christen ist Jesus der Messias, der Heiland. Die Fakten der Lukas-Geschichte sind für mich nicht das Entscheidende, sondern die Umstände der Geburt dieses Mannes, der gekreuzigt wurde und den Tod überwunden hat. Und ich finde die Lukas-Erzählung großartig, weil sie genau das deutlich macht: Gott kommt in diese Welt in Armut, nicht in Glamour. Unser Gottesbild ist nicht das Gottesbild eines reichen Herrschers, der über allem steht, sondern der sich in die Niedrigkeit dieser Welt begibt, bis hin zu Wehen und Schwangerschaft und der Erfahrung von Elend. Das ist die Essenz.

In der Schweiz hat es eine Volksabstimmung gegen Minarette gegeben. Können Sie sich so etwas auch in Deutschland vorstellen?

Ich fürchte, wenn es in Deutschland ein Volksbegehren gäbe, könnte nicht klar gesagt werden, wie es ausgeht, weil es doch eine zunehmende Angst vor Islamismus gibt. Aber diese Angst verkennt, dass es auch einen Islam beziehungsweise muslimischen Glauben mitten in unserem Land gibt, der die Menschenrechte bewusst bejaht. 85 Prozent der Muslime sind noch nicht mal organisiert in muslimischen Vereinigungen. Ich wünsche mir eine Koalition der Besonnenen. Und der Menschen, die dankbar sind, dass wir hier ein Grundrecht haben von Religionsfreiheit. Diese Freiheit wünsche ich mir aber für alle Menschen weltweit – und da sind Christen die am meisten unterdrückte Religionsgemeinschaft. Das nehmen viele hier gar nicht wahr.

Wie verbringen Sie selbst Weihnachten?

Zu Hause in Hannover, meine vier Töchter kommen. Erster Gottesdienst 16.30 Uhr, da kommen meine Töchter auch. Zweiter um 18 Uhr, da kochen sie.

Was?

Wahrscheinlich gibt es Raclette. Nicht so viel Kochen, mehr Zeit miteinander, das ist mir wichtig.

Interview: Michael B. Berger

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