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Deutschland / Welt Kevin Kühnert startet NoGroKo-Tour in Leipzig
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21:29 09.02.2018
Der Juso-Bundesvorsitzende Kevin Kühnert spricht vor Journalisten zum Quelle: dpa
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Leipzig

Die witzigste Szene des Abends kommt ganz am Ende. Kevin Kühnert wird danach gefragt, wo er die SPD im Jahr 2021, also nach dieser Legislaturperiode, sehe. Kühnert referiert so souverän, wie er das schon den ganzen Abend macht.

Er möchte, dass der Laden zusammenhält, dass die SPD nicht verschwindet, wie das schon andere sozialdemokratische Parteien in Europa taten und vor allem, dass der Schwung aus fast 25.000 Neumitgliedern mitgenommen wird.

„Wie viele bleiben denn?“, wird Kühnert das erste Mal aus dem Publikum unterbrochen. Kühnert ist auf die Frage vorbereitet. Bei der Eintrittswelle vor dem Mitgliederentscheid zum Koalitionsvertrag 2013 waren es im Schnitt 90 Prozent, sagt er. „Ok“, ruft die Zuhörerin kurz und knapp. Kein Eklat. Lachen im Saal. Kühnert formt mit beiden Händen ein Herz.

Dort, wo die Erwartungen enttäuscht wurden

Der 28 Jahre alte Kühnert, der in den letzten Monaten einen kometenhaften Aufstieg hinlegte, startete am Freitag seine NoGroKo-Tour. Zuerst war er in der kleinen, sächsischen Stadt Pirna, wo Frauke Petry ihr Direktmandat für den Bundestag holte. Die Jusos müssten dorthin, wo die Erwartungen an die Sozialdemokratie am herbsten enttäuscht wurden.

Am späteren Nachmittag führt Kühnert dann das erste Streitgespräch seiner Tournee in den Räumen der Galerie KUB in Leipzig. Das Interesse, auch der Medien, ist riesig. Im großen Saal argumentiert Kühnert vor mindestens 130 Menschen gegen die SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag von Sachsen-Anhalt, Katja Pähle. In einem Nebenraum verfolgen weitere Zuschauer die Debatte per Livestream.

„Die anderen können sich eine gehörige Scheibe abschneiden“

Bis auf vereinzelte Zwischenrufe läuft das Gespräch sehr fair. Sachthemen wie die sachgrundlose Befristung, Waffenexporte und Migration interessieren das zum großen Teil unentschlossene Publikum am meisten. Kühnert bekommt viel Applaus, als er sagt: „Wenn man sich anschaut, was gerade in Berlin passiert und mit welcher Ruhe und Sachlichkeit wir bei den Jusos in den vergangenen Monaten diskutiert haben, können sich die anderen eine gehörige Scheibe davon abschneiden.“

Er spielt damit auf die Personaldiskussion zwischen dem Noch-Parteivorsitzenden Martin Schulz und dem geschäftsführenden Außenminister Sigmar Gabriel an. „Die eigentliche Dramatik ist, dass wir seit 1998 die Hälfte der Wähler und 300.000 Mitglieder verloren haben“, sagt Kühnert.

„Das ist kein SPD-Programm“

Mit am meisten verstört die Genossen das Mittragen der CSU-Politik beim Thema Migration. Katja Pähle, Kühnerts Widerpart, sagt in Bezug auf die Regelung des Familiennachzugs und der sogenannten Obergrenze: „ Es ging darum, das Schlimmste zu verhindern. Die CSU hätte sich sonst komplett durchgesetzt.“ Kühnert erwidert, dass es den Jusos immer wichtig war, den Verhandlern ihre Kompetenz nicht abzusprechen, sondern darauf hinzuweisen, dass mit der Union nicht mehr möglich sei. Im Papier seien auch viele Punkte, wie die Bafög-Erhöhung, die er gut finde: „Aber die Aussicht, wieder wortbrüchig zu werden und der Blick auf die Umfragen, in denen Union und SPD nicht einmal mehr 50 Prozent bekommen, sollte uns alle mal innehalten lassen.“

Die Landtagsabgeordnete Pähle kam zu einer ähnlichen Analyse: „Na klar ist das kein SPD-Programm. Logisch, das haben wir mit der Union verhandelt“, rief sie in den Saal. Doch bei einem aufkommendem Rechtspopulismus, den sie erst recht bei sich in Sachsen-Anhalt ausmacht, müsse sich die SPD zur Aufgabe machen, durch gute Regierungsarbeit verzweifelten Menschen wieder eine Stimme zu geben.

Der Mann, der nicht Schröder sein will

Als Alternative zur Großen Koalition sieht Kühnert auf lange Sicht nur die Option Rot-Rot-Grün: „Wir brauchen belastbare, dauerhafte Gesprächskanäle. Nicht nur Thinktanks, sondern auch die Parteispitzen müssen miteinander reden verdammt nochmal.“ Das Angebot von Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine, aus den linken Parteien eine Sammlungsbewegung zu formen, bezeichnete er wiederum als ein „vergiftetes, nicht fortschrittliches“.

Der einzige Moment, in dem Kühnert kurz aus der Fassung gerät, ist, als ein älteres Mitglied eine Zwischenfrage stellt. Manfred Werske, 73 Jahre alt, fast 50 Jahre Parteimitglied, erzählt, wie er zuzeiten Helmut Schmidts gegen seinen Kanzler und den NATO-Doppelbeschluss demonstrierte. Damals habe es einen Mann gegeben „genau wie du“, sagt er zu Kühnert. Der hieß Gerhard Schröder. Da merkt man Kühnert zum ersten Mal in all diesen Monaten Mulmigkeit an, die er aber schnell wieder abschüttelt. Der erste Tag der NoGroKo-Tour des Kevin Kühnert ist dann vorbei. Bleiben noch 22 Veranstaltungen.

Von Jean-Marie Magro/RND

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