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Klein-Athen in Offenbach

Griechenland wählt Klein-Athen in Offenbach

Am Sonntag wählt Griechenland, doch sie haben sich schon entschieden: Tausende junge Hellenen suchen in Deutschland ihr Glück – besonders in der hessischen Ledermetropole Offenbach. Eine Reportage unserer Griechenland-Expertin Marina Kormbaki.

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„Alle sind so nett in Deutschland“: Eleni Tsilifi (Erste von rechts) ist dankbar für die Hilfe von Nikoleta Kotina (Zweite von links).

Quelle: Kormbaki

Offenbach. Den besten Frappé der Stadt gibt es im Mojo. Dieser Frappé im Mojo, so beschreibt’s ein Restaurantkritiker, „bringt das schöne Gefühl Griechenlands hoch“, und darauf scheint es an diesem grauen Januarnachmittag anzukommen. In der Bar in Offenbachs Innenstadt findet sich kein Tisch, auf dem neben einem großen Aschenbecher nicht auch mindestens ein Glas Frappé steht: kalter Kaffee, griechisches Nationalgetränk. Hinter der Theke poliert Stratos Gläser. Auf die Frage, warum der Kaffee hier so besonders gut ist, breitet Stratos die Arme aus und sagt: „Weil hier echte Griechen arbeiten: Manos, Petros und die anderen sind gerade erst aus Griechenland gekommen. Sie sind so authentisch wie der Frappé, den sie mixen.“

Offenbach am Main, 15 Bahnminuten von der Frankfurter Innenstadt entfernt, ist eine Stadt, in der man viele Sprachen hört. Polnisch, Türkisch, Italienisch und immer wieder Griechisch. Offenbach ist die griechischste unter den deutschen Städten, seit den Sechzigern schon, als Griechen in den Lederwarenfabriken ringsum anheuerten. Auf 10 000 Einwohner kommen 311 mit griechischer Staatsangehörigkeit, nirgendwo außerhalb Griechenlands ist die Griechendichte höher. Und jetzt wird die Stadt, das ganze Land noch griechischer, allem Gerede von der Entfremdung zwischen Griechen und Deutschen zum Trotz.

Servus, hallo, guten Tag: Petros (links) hat einen Platz im Deutschkurs ergattert.

Servus, hallo, guten Tag: Petros (links) hat einen Platz im Deutschkurs ergattert.

Quelle: Kormbaki

Zwischen 2010 und 2013 zogen 103 790 Griechen nach Deutschland. Nicht jeder kommt, um zu bleiben - für denselben Zeitraum weist die Statistik knapp 47 279 Fortzüge von Deutschland nach Griechenland aus. Darunter sind viele Griechen der Gastarbeitergeneration, die sich nun mit der deutschen Rente ein paar gute Jahre unter griechischer Sonne erhoffen.

Lange prägten sie das Bild vom Griechen im Ausland, Malocher und Melancholiker, wie Udo Jürgens sie im Lied „Griechischer Wein“ porträtierte. Die jungen Menschen, die heute aus Athen und der Provinz nach Deutschland kommen, haben aber kaum etwas gemein mit den Auswanderern von damals. Sie reisen nicht auf Einladung von Betrieben ein, sie kommen nicht in Gruppen, die Zugwaggons füllen. Vor allem aber sind sie nicht ungebildet, sondern führen im Koffer oft Diplome oder Ausbildungsnachweise mit. Sie haben daheim vieles richtig gemacht und sind doch gescheitert.

Manos, 29, ist Elektrotechniker, aber auf seiner Heimatinsel Lesbos war kein Bedarf, also kellnerte er, bis er sich vor zwei Monaten entschloss, zu seinem Bruder nach Offenbach zu ziehen. Er sagt: „Auch hier kellnere ich, das ist kein großer Sprung. Aber ich habe zumindest die Chance auf etwas Besseres.“ Manos hat seine Schicht im Mojo beendet und blättert in einem Wörterbuch, als sein Telefon klingelt. Das griechische Restaurant, in dem er abends arbeitet, ist dran, er soll sich beeilen, viel los.

„Sollen die Wahlen doch im Chaos enden.“

Seinen Platz an der Theke übernimmt Petros, 27. Er wollte das Kürschner-Handwerk seiner Familie fortführen, aber Pelz verkauft sich schlecht in Krisenzeiten. Die Eltern arbeitslos, Petros arbeitslos, der Staat zahlt Arbeitslosenhilfe höchstens ein Jahr lang. Als das Jahr verstrichen war, zog Petros zu seinem Onkel nach Offenbach, wo er seit knapp zwölf Monaten lebt. Es gefalle ihm hier, sagt er, vor allem jetzt, da er einen Platz im Deutschkurs ergattert hat. Wenn Petros jedoch über Griechenland spricht, klingt er bitter wie einer, der von seiner eigenen Familie verstoßen wurde. „Sollen die Wahlen doch im Chaos enden. Vielleicht würde auch ich die Faschisten von der Goldenen Morgenröte wählen, wenn ich in Griechenland wäre - nicht, weil ich deren Ansichten teile, aber was ganz Krasses muss offenbar passieren, ehe sich die Dinge bessern.“

Wo immer Griechen zusammenkommen, geht es um die Wahlen am Sonntag, ob im Mojo oder, wenige Hundert Meter weiter, bei der griechischen Gemeinde Offenbachs. Gespräche über die Lage im Land werden unweigerlich persönlich, so sehr sind inzwischen die gesellschaftlichen Verhältnisse mit dem Alltag der Leute verquickt. Die Krise Griechenlands ist ihre persönliche, innere Krise.

Immer wieder tauchen neue Gesichter bei den Abendtreffen im großen Saal der Gemeinde auf, Menschen, die die Krise nach Deutschland gespült hat. Die drei Frauen vom Vereinsvorstand erzählen dann stets von Neuem, wo die Neuankömmlinge Wohnung und Arbeit finden. Nikoleta Kotina, 32, ist die Vorsitzende, was ziemlich erstaunlich ist, denn griechischen Gemeinden stehen üblicherweise ältere Männer vor, die sich in parteipolitischen Scharmützeln aufreiben. Kotina sagt: „Es ist jetzt nicht die Zeit für Machtkämpfe. Wir müssen den Familien helfen.“

Beinah jeder Tisch im Saal ist belegt, der Wirt balanciert mit Grilltellern, aus den Boxen kommen Bouzouki-Klänge. Es sieht nach einem geselligen Abend aus und ist doch mehr. „Wenn man in Deutschland kaum jemanden kennt und die Sprache nicht beherrscht, sind diese Abende sehr wertvoll“, sagt Eleni, 35 Jahre alt, seit zwei Jahren in Offenbach. Sie kam mit ihrem Mann und mit der kleinen Tochter. In Offenbach wurde sie ein zweites Mal Mutter, und wenn Eleni nach Unterschieden zwischen Griechenland und Deutschland sucht, findet sie sie in ihrer Erinnerung an beide Geburten.

„Nichts funktioniert in Griechenland, schon gar nicht in den Krankenhäusern, selbst wenn man versichert ist. Die Windeln musste ich mitbringen, Impfungen selbst zahlen, und weil ich kein Geld für die Krankenschwester übrig hatte, damit sie nachts vorbeischaut, blieb meine Mutter bei mir.“

Als sie von der Geburt ihrer zweiten Tochter in Offenbach erzählt, vom „Respekt“, der „Freundlichkeit“, mit der „Ärzte, Putzfrauen, alle“ ihr begegneten, muss Eleni über ihren Lobgesang selbst kurz lachen. Dann sagt sie: „Ich verstehe nicht, warum so etwas nicht auch in Griechenland möglich ist.“ Nikoleta Kotina liefert eine Erklärung: „Das Personal ist auf ein Minimum reduziert, Pfleger bekommen 800 Euro im Monat - Rundumversorgung und gute Laune sind da nicht drin.“

Die Vereinsvorsitzende Kotina erzählt, dass neu zugezogene Familien meist in Deutschland blieben, während viele Alleinreisende schon bald zurückkehrten. „Einige haben ganz falsche Vorstellungen“, sagt sie, und Sakis, der mit am Tisch sitzt, nickt. Als er seinen Job in einer Chipsfabrik verlor, kam Sakis mit seiner Familie vor vier Jahren nach Deutschland. In jenes Land, über das seine Schwiegereltern - Gastarbeiter in Offenbach - nur das Beste zu berichten hatten. „Wie alle Gastarbeiter kamen sie in großen Autos zum Sommerurlaub ins Dorf, feierten Feste und taten so, als regnete es in Deutschland Tausenderscheine. Wie karg sie hier wirklich lebten, behielten sie für sich“, sagt der 30-jährige Familienvater.

Sakis hat sich inzwischen ein eigenes Bild von Deutschland machen können. „Ich habe erst auf dem Bau gearbeitet, für 10 Euro die Stunde. Aber eines Tages sagte mir der Chef: Wir brauchen dich nicht mehr, wir nehmen zwei Rumänen, die sind billiger.“ Zurzeit ist Sakis ­Leiharbeiter bei der Frankfurter Müllabfuhr. Er ist zufrieden, Eleni ist es auch.

Es ist eine Zufriedenheit, die sich nicht so sehr aus der Gegenwart speist, sondern aus dem, was die Zukunft bringt, bringen könnte. „Ich weiß, dass meine Töchter hier gut aufgehoben sind“, sagt Eleni, „dass sie etwas Sinnvolles lernen, vielleicht sogar mal studieren werden. Deswegen bin ich hier.“

Linksbündnis ist auf Siegeskurs

Die Prognosen stehen auf Veränderung: 33 Prozent sagen die Umfragen für das Linksbündnis Syriza voraus. Parteichef Alexis Tsipras (links) hat gute Chancen, nächster Ministerpräsident zu werden, und will im Fall ­eines Wahlsiegs ­einen Schuldenschnitt mit Griechenlands Gläubigern aushandeln. Sechs Punkte weniger hatte bei der letzten Erhebung vor der Wahl am Freitag die konservative Partei Nea Dimokratia von Regierungschef Antonis Samaras. Als drittstärkste Kraft käme nach der Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Alco mit knapp sechs Prozent die proeuropäische Partei der politischen Mitte To Potami durchs Ziel. Es folgen die Rechtsextremisten der Goldenen Morgenröte sowie Kommunisten und Sozialisten.

9,8 Millionen der 11,1 Millionen Einwohner Griechenlands sind wahlberechtigt. Anders als in Deutschland hat jeder Wähler bei der Parlamentswahl nur eine Stimme. Das Wahlgesetz sieht vor, dass die stärkste Partei zusätzlich 50 Parlamentssitze zugeschlagen bekommt. Das soll für klare Verhältnisse sorgen. Theoretisch kann das aber auch bedeuten, dass nur eine Stimme darüber entscheidet, wer den Zuschlag bekommt. Die anderen 250 Sitze werden nach dem Verhältniswahlrecht vergeben.

Die Wahllokale schließen am Sonntag um 18 Uhr MEZ. Aussagekräftige Hochrechnungen soll es etwa zwei Stunden später geben.

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