Noch lange nach dem Bombenabwurf tödlich: Von 1978 bis 2000 starben 2812 Menschen durch Blindgänger - Soldat war fast keiner von ihnen.
Sie haben Namen wie „Molotows Brotkorb“ oder „Ananasbombe“ und sind oft quietschbunt in rot oder gelb. Doch was sie verbreiten, ist Unheil und Tod: Streumunition tötet nach Ansicht von Experten weit mehr Zivilisten als Soldaten. Die zum 1. August in Kraft tretende Streubombenkonvention soll den verheerenden Minibomben den Garaus machen.
Militärisch ist die im Zweiten Weltkrieg erstmals verwendete Streumunition ein Tausendsassa. Die Bomben und Granaten öffnen sich in der Luft und streuen eine Vielzahl, zuweilen Hunderte, von kleinen Granaten aus. Mit der Artillerie verschossen, können so viele Kleinladungen auf ein ganzes Gefechtsfeld niederregnen und zum Beispiel Panzer von oben bekämpfen - wo die Panzerung nur ein paar Zentimeter dick ist statt zuweilen zwei Metern an der Front. Haupteinsatzgebiet der Streumunition sind jedoch „weiche“, also ungepanzerte Ziele: Lastwagen, Unterstände, Jeeps - und Menschen.
„Das Problem ist, dass die Munition nicht zwischen Zivilist und Soldat unterscheidet“, sagt Thomas Küchenmeister, Chef des „Aktionsbündnisses Landmine.de“. „Es gibt internationale Untersuchungen, nach denen 98 Prozent der Opfer Zivilisten sind.“ Kein Wunder: Streumunition, die in den Arsenalen praktisch aller Länder zu finden ist, wird vor allem benutzt, um fußballfeldgroße Gebiete zu „säubern“ - ob sie dann den Leib eines Soldaten oder eines Kindes zerfetzt, ist der Munition egal.
„Die noch größere Gefahr sind aber die Blindgänger“, sagt Steve Goose von Human Rights Watch. „Auch bei den neuesten und besten Munitionstypen haben wir fünf bis zehn Prozent Versager.“ Die liegen dann auf den Schlachtfeldern von gestern und töten auch übermorgen noch Menschen - Zivilisten zumeist. „Wenn sie bunt sind, locken sie vor allem Kinder an. Und die Bomblets können noch nach Jahren ihre höllische Arbeit machen.“
Im Krieg um das Kosovo 1999 setzte die NATO Streumunition ein, die USA im Irak 2003, Israelis und Hisbollah im Libanon 2006 und die Russen in Georgien 2008. Und in Afghanistan regnet die tödliche Fracht seit drei Jahrzehnten von beiden Seiten auf die Menschen nieder. Laut UN wurden zwischen 1978 und 2000 zwar mehr als 1,6 Millionen Sprengkörper auf Feldern, Straßen und in Dörfern entschärft. Im gleichen Zeitraum starben aber 2812 Menschen durch Blindgänger. Soldat war fast keiner von ihnen.
Abhilfe soll die Streubombenkonvention schaffen, die zum 1. August in Kraft tritt. Einsatz, Handel und selbst Lagerung dieser Waffen sind dann verboten - zumindest in den Unterzeichnerstaaten. Ausgerechnet die mit den meisten Streubomben - China, Russland, USA, Israel - gehören nicht dazu. „Aber ich bin optimistisch, dass zumindest die USA noch mitmachen“, sagt Goose. „Kein Staat hat diese Konvention wirklich gewollt. Sie ist erst auf Druck der Menschen, von Bürgerinitiativen und Aktionskreisen entstanden.“ Wie bei den Landminen sei eine Welle losgetreten worden. „Ich glaube nicht, dass sich Staaten dem lange entziehen können - zumindest keine demokratischen.“
Deutschland gehört zu den Unterzeichnern, hat aber eine Ausnahme durchgebracht. Die neue SMArt-Munition der Bundeswehr gilt demnach nicht als Streubombe. Tatsächlich ist die Granate ein technisches Wunderwerk. Die einzelnen Bomblets scannen am Fallschirm baumelnd das Gefechtsfeld und können, sagt der Hersteller, genau militärische Ziele erkennen und bekämpfen. Falschziele würden ignoriert. Trifft das Projektil nicht, zerstöre es sich selbst.
„Technisch ist das schon interessant“, gibt Küchenmeister zu. „Aber wir sind unglücklich, weil mit der Ausnahme ein Tor geöffnet ist, durch das andere durchschlüpfen wollen.“ Der Versuch, grundsätzlich Streumunition mit Selbstzerstörung aus der Konvention herauszunehmen, war gescheitert. Denn vermutlich würden Militärs im nächsten Konflikt erstmal „den ältesten Schrott verheizen“, sagt Küchenmeister. Als Indiz zeigt er ein Bild aus dem Libanonkrieg 2006. Dort war eine israelische Bombe komplett nicht explodiert, Fehlerquote 100 Prozent. Das Ablaufdatum war in der Bombe aufgedruckt: Juli 1974.
dpa
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Kommentare
Streubomben und zivilisierte Staaten ctheiss – 01.08.10
Da fragt man sich schon, warum sog. zivilisierte Staaten wie die USA sich der Ächtung dieser Waffe nicht anschließen, der zu über 90% Zivilisten zum Opfer fallen.Es geht wohl offensichtlich wie so oft um Macht und Geld.
Was schert es die Waffenindustrie, wenn ihre Produkte noch Jahre nach Beendigung eines Konflikts spielende Kinder in Stücke reißen, wenn nur die Gewinnspanne ordentlich hoch ist.
Und die Großmächte wollen sich von niemandem vorschreiben lassen, welche Mittel sie einsetzen, um dem andern zu zeigen, wo der Hammer hängt - wer fragt da schon nach toten Zivilisten.
Und selbst bei uns setzt man Ausnahmeregelungen durch - wir haben schließlich einen bemerkenswerten dritten Platz beim Rüstungsexport erreicht, da will man seine Kundschaft ja nicht enttäuschen.
Die Konvention zum Verbot der Streumunition ist nur ein winziger Schritt in die richtige Richtung. Als Erfolg kann man sie wohl kaum bezeichnen - noch nicht. Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
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