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„Wir werden verarmen, so oder so“

Berichte aus dem griechischen Alltag „Wir werden verarmen, so oder so“

Ein Land in der Schwebe: Die letzten Stunden unter dem EU-Rettungsschirm vergehen in Athen in banger Ruhe. Unsere Reporterin Marina Kormbaki berichtet eine Woche lang direkt aus Griechenland.

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„Jetzt bleiben die Leute ganz weg“: Die Obstverkäuferin Ageliki an ihrem Stand.

Quelle: Kormbaki

Athen. Es ist der letzte Tag, den Griechenland unter dem Rettungsschirm seiner Gläubiger erlebt. Wenige Stunden noch, dann endet der Monat Juni und mit ihm das Kreditprogramm. Neues Geld zur Tilgung all der Schulden fließt nicht. Es droht die Pleite, das Chaos, der Grexit. Alle Welt scheint sich an diesem Dienstag einmal mehr um Griechenland zu drehen, ihr Fokus ist ganz auf Athen gerichtet. Doch ausgerechnet dort ist Aufregung kaum auszumachen. Athen gibt sich erstaunlich gelassen.

Wie an jedem Morgen klingelte der Wecker der Obstverkäuferin Ageliki, 52, auch gestern um fünf Uhr in der Frühe. Ihr Sohn, eigentlich Informatiker, lieferte die Kirschen und Zitronen vom Obstgut der Familie auf der Peloponnes an, und Ageliki baute ihren kleinen Marktstand im Athener Bezirk Keramikos auf. Seither wartet sie auf Kundschaft. „Jetzt, wo das Bargeld knapp ist, bleiben die Leute ganz weg“, sagt sie. Die Kirschen kosten 1,50 Euro das Kilo, an Gewinn sei da nicht zu denken. „Vor zehn Jahren konnte ich drei Euro für das Kilo nehmen.“

Ageliki interessiert sich jetzt nicht so sehr für Fristen, die verstreichen, für Tilgungsraten oder für die Namen Schäuble, Draghi und Lagarde. Sie hat den Sonntag im Sinn, den Tag, an dem Premier Alexis Tsipras die Griechen in einem Volksentscheid über die Spar- und Reformvorschläge von Griechenlands Gläubigern abstimmen lassen möchte. Ungeachtet dessen, dass kein verbindliches Verhandlungspapier vorliegt und die Verhandlungen offiziell ausgesetzt sind.

Details sind das, die jetzt viele hier, auch Ageliki, wenig kümmern. Für sie zählt, dass man sie fragt. „Ist doch gut, wenn das Volk und die Regierung die Verantwortung für das Schicksal des Landes teilen“, sagt sie. Sie wird mit Nein stimmen, ganz sicher. „Ein Ja bedeutet doch, dass es weitergeht wie bisher, dass wir noch ärmer und noch unglücklicher werden“, sagt sie. „Ein Nein kann zu neuen Verhandlungen führen, zu neuen Bedingungen. Es lässt mich hoffen.“
Schräg gegenüber, am Pfirsichstand von Michalis, ist die Stimmung eine andere. „Ja zu Europa“, sagt der 38-Jährige sehr ernst und nachdrücklich. „Ich will auch am Montag nach dem Referendum noch Milch und Medikamente für meine Kinder kaufen können.“

Jeder spricht über das Referendum

Ja oder Nein – das Referendum ist überall Topthema. Freunde und Fremde kommen darüber ins Gespräch, in der Metro, im Supermarkt, im Café. Kostas’ Gäste erhalten zu ihrem Frappé eine Wirtschaftsanalyse gratis dazu, denn der 29-jährige Kellner hat Ökonomie studiert, Schwerpunkt Steuerwesen. „Ja oder Nein – die Frage ist gar nicht so bedeutsam, wie sie scheint“, sagt er. „So oder so, mit Euro oder ohne; wird Griechenland weiter verarmen.“ Wenn Kostas nicht gerade im Café an der Metro-Station des studentischen Bezirks Keramikos serviert, arbeitet er in einem Steuerbüro. Am Ende des Monats kommt er mit beiden Jobs auf 650 Euro.

Seine Eltern, beide Rentner, geben noch ein bisschen was dazu. Was denkt der Steuerfachmann eigentlich über das Steuerwesen im Land? Kostas winkt wortlos ab und kommt lieber auf Deutschland zu sprechen, lobt ausdrücklich die soziale Marktwirtschaft. Er sagt: „Nach innen ist Deutschland ja ein sehr großzügiges Land – warum nicht auch nach außen?“

Mit vielen solcher Fragen muss rechnen, wer sich als Reporter aus Deutschland vorstellt. Es gibt ein großes Bedürfnis nach Erklärungen für die missliche Lage Griechenlands und dafür, dass dieses ewige Bangen und Warten kein Ende nehmen will. Zu den Begleiterscheinungen der Krise zählen auch Verschwörungstheorien, die jetzt ins Kraut schießen.

Vielleicht liegt es an der Erfahrung aus fünf Jahren Dauerkrise, die die Griechen selbst in diesen dramatischen Tagen insgesamt recht entspannt wirken lässt. Vielleicht ist äußerliche Gelassenheit auch bloß eine allzu menschliche Reaktion auf schleichende, langsam und zäh eintretende Umwälzungen.

Athen simuliert weiterhin Alltag

Athen verharrt jetzt in einer Art Schwebezustand. Niemand weiß, was diese Woche bringen wird. Und solange der große Knall ausbleibt, wird Alltag und Normalität simuliert. Die Metro fährt regelmäßig, soweit der Alltag. Ganz und gar außeralltäglich aber ist die Tatsache, dass niemand dafür zahlt. Um die finanziell bedrängten Bürger zu entlasten, hat die Regierung den Verkauf und die Kontrolle von Fahrkarten bis Dienstag nächster Woche ausgesetzt. „Ein offizieller Erlass liegt mir dazu nicht vor“, sagt ein Metro-Angestellter in der Station des zentralen Syntagma-Platzes. „Aber natürlich tue ich alles, was mein Ministerpräsident mir sagt.“ Es klingt sarkastisch.

Weitere Anzeichen für die Flüchtigkeit von Alltag und Normalität findet man in den Regalen der Supermärkte, weil dort oftmals die große Leere herrscht. In den Auslagen für Nudeln und Tomatensoße klaffen meterlange Lücken. Wer hortet, ist von unguter Ahnung getrieben. Und natürlich sind da die Bankautomaten mit den geduldigen Schlangen davor – inzwischen das Symbol dieses neuerlichen Höhepunkts im griechischen Schuldendrama. Abhebungen in Höhe von 60 Euro pro Tag sind erlaubt, mehr nicht. Wenn man Pech hat und die 20-Euro-Scheine aus sind, gibt es nur 50 Euro.

Giorgos, ein Herr in Bundfaltenhose und Khakihemd, sieht keinen Grund zur Panik: „Wer braucht schon 50, 60 Euro am Tag?“, fragt er. Und das Ersparte – glaubt er, dass es sicher ist auf dem Konto? „Es gibt jetzt zwei Kategorien von Griechen“, sagt Giorgos und lächelt. „Die einen haben ihr Erspartes längst weggeschafft. Die anderen haben null Ersparnisse.“

Kostas, ein bärtiger Mann mit traurigem Blick, gehört dann wohl zur zweiten Kategorie. „Wir leben von einem Tag auf den nächsten“, sagt er. Er sitzt am Syntagma-Platz, neben sich einen Stand mit Büchern. Ein Schlaganfall hat den heute 48-Jährigen zum Frührentner gemacht. 620 Euro im Monat. „Das muss nicht nur für mich reichen, sondern auch für meinen 21-jährigen Sohn, für meine Mutter und für meinen Cousin Michalis hier neben mir.“

Aber weil Kostas’ Rente eben nicht für die ganze Familie reicht, verkauft er nebenher Bücher. Romane, Rätselhefte und Biografien. Von einem Werk zu Leben und Wirken Alexander des Großen türmen sich besonders viele Exemplare. Ganz so, als sei es jetzt an der Zeit für Helden.     

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