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Damenwahl in Rheinland-Pfalz

Landtagswahlen 2016 Damenwahl in Rheinland-Pfalz

Julia Klöckner ist alles, was die Ministerpräsidentin nicht ist: katholisch, groß, laut, konservativ. Am Sonntag will sie Sozialdemokratin Malu Dreyer im Amt beerben. Über einen sehr ungleichen Zweikampf.

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Duell der Powerfrauen: CDU-Spitzenkandidatin Julia Klöckner und SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer geben sich im Wahlkampf freundlich miteinander - und bleiben jede auf ihre Art hart.

Quelle: Andreas Arnold

Annweiler. „Ei - gegesse habe Sie alle?“ Julia Klöckner blickt fragend in die Runde. „Das ist gut. Die Leut solle kei Hunger habe.“ Klöckner spricht in ihrem heimatlichen Dialekt. Erst mal über das Wetter, den Gottesdienst am Morgen und eben über das Essen. In Rheinland-Pfalz, dem Land, in dem Helmut Kohl dem Saumagen frönte, kommt das gut an. Die Nachbarschaft hat an diesem Sonntagnachmittag in Annweiler im Landkreis Südliche Weinstraße 18 verschiedene Kuchen und Torten zusammengetragen. Weißwürste, Brezeln, Bier und Wein gibt es auch. Gut 80 Leute sind ins Gemeindezentrum gekommen. Die Haare sind eher weiß als grau. Auf den Tischen stehen gelbe Stiefmütterchen. Sie komme gern in die Region, sagt Klöckner, „ei, es ist ja um die Ecke“. Das Publikum lauscht zurückgelehnt.

Noch sieben Tage bis zur Wahl. Man kann durch die großen Glaswände draußen Klöckners Wahlkampfbus sehen. „Überholen Sie ruhig. Hauptsache, Sie helfen uns am 13. 3. vorne zu liegen“, steht auf der Heckscheibe geschrieben. Julia Klöckner, 43, strahlendes Lächeln, eng geschnittener, leuchtend violetter Hosenanzug, schwarze Fellstiefeletten, Winzertochter, Weinkönigin und Mitglied im Präsidium der CDU, will Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz werden. Sie würde damit nach einem Vierteljahrhundert die SPD ablösen. Und Helmut Kohl beerben.

Lange galt sie als Favoritin. Neben Klöckner wirkte Amtsinhaberin Malu Dreyer oft blass. Doch nun wird es nach den jüngsten Umfragen doch spannend. Dreyer hat mit einem Plus von 2,5 Punkten ihren Rückstand aufgeholt. Beide liegen jetzt bei 35 Prozent. „In einer Woche, liebe Leut, da werden wir um diese Zeit ziemlich fiebern“, sagt Klöckner und wirft ihr sympathischstes Lächeln in die Runde.

Der Wahlkampf ist schon jetzt historisch: Erstmals kämpfen zwei Frauen gegeneinander um den Sieg bei einer Landtagswahl. Klöckner ist alles, was Dreyer nicht ist: katholisch, groß, laut, sportlich. Der Wahlkampfstil der beiden könnte nicht unterschiedlicher sein. Klöckner präsentiert sich bundesweit als angriffslustiges Energiebündel. Dreyer ist fast ausschließlich in Rheinland-Pfalz unterwegs als besonnene Landesmutter. Im TV-Duell, vergangene Woche im SWR, gelingt Dreyer hin und wieder ein Rollentausch. Klöckner ist im dunkelblauen Anzug erschienen. „Es sollte an diesem Abend um die Inhalte gehen“, sagt sie hinterher. Dreyer trägt Pink. Und greift an. „Ich stehe erheblich deutlicher hinter der Strategie der Kanzlerin als Sie, Frau Klöckner“, hält die Sozialdemokratin der Kontrahentin von der CDU vor. „Sie fallen ihr in den Rücken, anstatt sie zu stärken.“ Es ist ein Treffer. Der Stimmungstest nach dem Fernsehauftritt ergibt zwar ein Patt, aber Klöckner hat die Erwartungen enttäuscht. „Die Chefin hätte ruhig stärker attackieren sollen“, sagt ein Mitglied aus ihrem Team hinterher.

Dreyer hat ihre Gegnerin an einem wunden Punkt erwischt. Klöckner hält der Kanzlerin nur offiziell die Treue. Mit ihrem „Plan A2“ hat sie sich öffentlichkeitswirksam für nationale Maßnahmen wie Tageskontingente und Grenzzentren ausgesprochen, um Flüchtlinge abzuwehren. Merkels Kurs ist das nicht. Betrachtet man den Erfolg des grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg und die steigenden Werte für Dreyer, sieht es so aus, als wäre es erfolgreicher gewesen, sich hinter die Kanzlerin zu stellen.

„Wir werden heute nicht nur über Flüchtlingspolitik reden“, sagt Klöckner im Gemeindezentrum in Annweiler, zwischen Kuchentellern und Stiefmütterchen. „Weil mir die Bürger sagen: Ja gibt es denn keine anderen Themen?“ Es klingt wie ein Versprechen. Und sie hält Wort. Sieben Tage vor der Wahl geht es nur noch um fehlende Polizisten: „Das will ich ändern.“ Es geht um das Projekt „Realschule Plus“: „Das ist nicht fair. Das ist nicht gerecht.“ Und es geht um den Ausbau der Bundesstraße 10, der leider sein muss. Klöckner spricht frei, geht auf das Publikum zu. Der Applaus ist wohlwollend.

Für Flüchtlingspolitik interessiert sich an diesem Nachmittag niemand. Wahlkampf ohne Flüchtlingspolitik, ein Strategiewechsel? „Nein, die Leute interessieren sich halt mehr für das, was im Land passiert.“ Klöckner sitzt jetzt im Bus, der immer noch vor dem Gemeindezentrum parkt. „Lass uns mal losfahren“, sagt sie, „sonst fühlen sich die Leute veräppelt.“ Klöckner behält gern die Kontrolle.

Als der Bus anrollt, winken fünf ältere Herrschaften, einer mit Stock, zwei mit Hut. „Goldig“, sagt Klöckner und winkt zurück.

Es ist nicht neu, gegen die unpopuläre Politik der Bundesregierung in Berlin Wahlkampf zu machen. Versucht haben das schon viele. Gelungen ist es selten. Sigmar Gabriel, Nachfolger von Gerhard Schröder im Amt des Ministerpräsidenten in Niedersachsen, wurde nicht wiedergewählt, als er versuchte, sich im Wahlkampf von Schröders Agenda 2010 abzusetzen. Norbert Röttgen, CDU, kämpfte in Nordrhein-Westfalen um das Amt des Ministerpräsidenten und machte für die sich abzeichnende Niederlage Merkel verantwortlich. Beide verloren die Wahl. Röttgen auch sein Amt als Bundesumweltminister.

Es gibt viele, die Julia Klöckner eine große Zukunft in der CDU prophezeien. Im vergangenen Herbst erschien das Magazin „Cicero“ mit einer Titelgeschichte über Klöckner als „blonde Hoffnung“. „Die Partei kann froh sein, dass sie jemanden in dieser Generation hat, der so erfolgreich ist“, sagt Friedrich Merz, ehemaliger Unionsfraktionschef im Bundestag. „Früher eine ­Seiteneinsteigerin, heute eine Hoffnungsträgerin - und morgen?“, steht im Klappentext von Klöckners Interviewbuch mit dem Titel „Zutrauen!“. Klöckner sei eine Alternative zu Angela Merkel, heißt es plötzlich. Der Spott ließ nicht lange auf sich warten. Die Wahl zur Deutschen Weinkönigin im Jahr 1995 sei ihr bisher größter Triumph gewesen, verbreiten Parteifreunde nun. Als der „Spiegel“ im Dezember über die „mangelnde Substanz“ Klöckners schreibt, verbeugt sich auf dem Parteitag der CDU in Karlsruhe ein Bundestagsabgeordneter regelrecht vor dem Autor des Stücks. „Endlich schreibt das mal einer“, sagt er.

Das Urteil ist ungerecht. Julia Klöckner hat es mit Charme und Zähigkeit geschafft, die zerstrittene CDU in Rheinland-Pfalz zu einen, und ist gleichzeitig zum Gesicht der CDU im Bund geworden. Es mag gerade ein wenig unwahrscheinlicher geworden sein, dass sie Ministerpräsidentin wird, ausgeschlossen ist es nicht. Und wenn es nicht klappt? „Dann halt nicht“, sagt Klöckner entspannt. „Ebes is für ebes gut - für irgendetwas wird es gut sein, hat meine Oma immer gesagt.“

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