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Deutschland / Welt Macht uns der Kapitalismus krank?
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14:46 29.07.2018
Macht uns der Konkurrenz-, Leistungs- und Beschleunigungsdruck in kapitalistischen Gesellschaften zu psychischen Wracks? Quelle: iStock
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Frankfurt

Den Krankenkassen zufolge steht Deutschland kurz vor dem Totalausfall. Die Barmer Ersatzkasse beispielsweise meldet, dass heute jeder Vierte zwischen 18 und 25 Jahren an psychischen Erkrankungen leidet. Auch bei den Älteren nahm die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Probleme in den vergangenen Jahren um 80 Prozent zu.

Öffentlichkeit und selbst manche Fachkreise machen dafür die moderne Gesellschaft verantwortlich, genauer: die angebliche Entwicklung weg vom Wohlfahrtsstaat hin zum neoliberalen Turbo-Kapitalismus. Unter Konkurrenz-, Leistungs- und Beschleunigungsdruck würden wir, die unfreiwilligen Selbstoptimierer, über kurz oder lang zu psychischen Wracks. Die genannten Zahlen der Krankenkassen sollen diese Entwicklung belegen.

Allein: Zu halten ist von all den Statistiken in der Regel wenig. Grund dafür ist, dass eine Zunahme von Krankenkassendiagnosen keine verlässliche Auskunft über Veränderungen der realen Krankheitshäufigkeiten in der Bevölkerung gibt. Vielmehr verhält es sich so, dass früher unentdeckte, aber real vorhandene Krankheiten nunmehr entdeckt und diagnostiziert werden.

Armut macht krank, nicht Ungleichheit

Das Dunkelfeld psychischer Erkrankungen wird zunehmend aufgehellt. Nicht psychische Erkrankungen nehmen zu, sondern ihre Diagnosen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Der wichtigste liegt in einer wachsenden diagnostischen Sensibilität von Ärzten und Patienten und einer Enttabuisierung psychischer Erkrankungen. Ein anderer in der Verbesserung des Versorgungsangebots. Je mehr Psychotherapeuten, desto mehr psychische Diagnosen. Wo es weniger Therapeuten gibt, sind auch die Diagnosen seltener.

Derzeit ebenfalls populär ist die sogenannte Wilkinson-These, derzufolge die Ungleichheit der Einkommensverteilung die Wurzel der meisten psychosozialen Übel ist. Gewalt, Teenagerschwangerschaften, Sterblichkeit, Drogenkonsum, die Häufigkeit physischer und psychischer Erkrankungen, der Vertrauensverlust in soziale Institutionen und vieles andere mehr sollen in “gleichen“ Gesellschaften besser sein als in “ungleichen“. Das wird zum Anlass genommen, mehr Umverteilung zu fordern, weil es den Menschen dann angeblich besser geht.

Auch diese Idee erweist sich aber als fragwürdig, weil es umfangreicher Forschung zufolge keinen wesentlichen Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und psychosozialen Übeln gibt. Weder ist die Zahl der Erkrankungen in gleicheren Gesellschaften geringer noch sind es Gewalt, Selbstmordrate oder Drogenkonsum. Wichtig ist vielmehr die Höhe des Einkommens, nicht dessen Verteilung. Armut macht krank, nicht Ungleichheit.

Die Menschen leben heute länger, zufriedener und gesünder

Ein dritter Kritikstrang stützt sich nicht auf die Zunahme von Krankheiten, sondern auf den Befund, dass ab einem bestimmten Wohlstandsniveau bei weiterem Wirtschaftswachstum kein Anstieg der Lebenszufriedenheit mehr zu verzeichnen ist (das sogenannte Easterlin-Paradox). Hier ist es die angebliche Stagnation der Lebenszufriedenheit, welche als Grundlage einer Sozialkritik dient, die dem wirtschaftlichen Wachstum seine Fähigkeit zur Steigerung der Zufriedenheit abspricht und es damit seines Versprechens beraubt, das Los der Menschen zu verbessern.

Auch hier führt eine genauere Inspektion der Forschungslage zu dem Ergebnis, dass diese Kritik einer Überprüfung nicht standhält. Die Lebenszufriedenheit der Menschen in modernen, demokratisch und marktwirtschaftlich verfassten Gesellschaften westlicher Prägung ist gestiegen. Die Menschen leben heute länger, zufriedener und gesünder als vor 50 Jahren und können einen Zugewinn von durchschnittlich fünf glücklichen und gesunden Lebensjahren verbuchen.

Die wesentlichen Einflussfaktoren dabei sind der Grad des wirtschaftlichen Wohlstands, der Rechtssicherheit, der wirtschaftlichen, politischen und persönlichen Freiheit, des Zugangs zu Bildung und der Toleranz gegenüber Minderheiten. Das Ausmaß der Einkommens(un)gleichheit hat, ebenso wie der Umfang des Sozialstaats und der Geschlechtergleichstellung, kaum einen Einfluss auf die Lebenszufriedenheit.

Der Sozialismus ist ein Garant für wirtschaftliches Elend

Zudem zeigt die Forschung: In modernen Gesellschaft gleicht sich die Lebenszufriedenheit von statistisch Armen und statistisch Reichen schrittweise an. Die immer wieder beschworene Schere zwischen Arm und Reich – sie schließt sich bei Betrachtung der Zufriedenheit.

Warum aber gibt es dann noch immer unzählige Debatten über das Gegenteil? Weil die Linke dem Kapitalismus nie verziehen hat, dass nicht er, sondern der Sozialismus zusammengebrochen ist. Statt zur Kenntnis zu nehmen, was wirtschaftshistorische Forschung bis zum Überdruss belegt hat, dass nämlich der Kapitalismus die einzige Wirtschaftsform ist, die den Massenwohlstand fördert, wird verleugnet, dass es bis heute keine einzige sozialistische Wohlstandsgesellschaft oder Demokratie gibt. Die historische Wahrheit ist: Der Sozialismus, nicht der Kapitalismus ist ein Garant für wirtschaftliches Elend und politische Unterdrückung.

Statt den Verlust des Ideals, die Unmöglichkeit und die Schrecken seiner Umsetzung zu betrauern, werden in einer Art posttraumatischem Verbitterungssyndrom dem Kapitalismus in immer neuen Varianten dramatische Zustände in einem dramatisch ungerechten Land angelastet. Nur: Die Zustände sind bei Weitem nicht so dramatisch, und das Land ist bei Weitem nicht so ungerecht.

Martin Dornes Quelle: Gaby Gerster

Zur Person: Martin Dornes, 67, ist Soziologe und habilitierter Psychologe. Er war von 2002 bis 2014 Mitglied im Leitungsgremium des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. In seinem Buch “Macht der Kapitalismus depressiv? Über seelische Gesundheit und Krankheit in modernen Gesellschaften“, S. Fischer Verlag, ISBN 978-3-596-03659-2, 160 Seiten, 15,99 Euro, erklärt er Stolperfallen der Kapitalismuskritik.

Von Martin Dornes

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