Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
"Entwicklungsland? Sind wir doch längst!"

Berichte aus dem griechischen Alltag "Entwicklungsland? Sind wir doch längst!"

Die Mächtigen dieser Welt entscheiden über Griechenlands Zukunft – doch was sagen die kleinen Leute vor Ort? Unsere Reporterin Marina Kormbaki ist eine Woche in Griechenland unterwegs und berichtet jeden Tag von dort. Heute: Ein geduldiger Frisör und zwei zerstrittene Studenten.

Voriger Artikel
Varoufakis droht mit Klage
Nächster Artikel
Last-Minute-Angebot für Griechenland

"Ich kenne die Drachme nur zu gut. Ich will sie nicht wiederhaben": Frisör Aristoteles Koklas bei der Arbeit.

Quelle: Kormbaki / Montage

Athen. Staatsbankrott, Regierungslosigkeit, Grexit - an Schauerszenarien herrscht kein Mangel an diesem Dienstagvormittag in Athen. Die Morgenprogramme der Fernsehsender übertreffen einander mit ihren finsteren Prophezeiungen. Die oft blonden Moderatorinnen schlagen Alarmtöne an, die oft betagten männlichen Experten im Studio machen die Schuldigen aus: Regierung, Opposition, das Ausland - auch an Versagern herrscht demnach wohl kein Mangel.

Doch alle Alarmstimmung verfliegt, sobald man auf die Straße tritt. Eine seltsame Stille liegt über dem Stadtzentrum Athens. Am Omonia-Platz, wo üblicherweise das Knattern der Motoren jedes gesprochene Wort schluckt, fließt der Kreisverkehr locker, fast leise dahin. In der Metro findet jeder Fahrgast einen Sitzplatz, so wenig Leute sind unterwegs - dabei ist doch jetzt das Bus- und Bahnfahren für jeden in der Stadt umsonst; eine Maßnahme, mit der die Regierung die Geldnot vieler Griechen lindern will. Erst wenn die Banken wieder regulär öffnen, sollen auch an den Ticketschaltern wieder Leute sitzen. Also nächste Woche, vielleicht.

Die Athener wirken erstaunlich gelassen an diesem Morgen, und Aristoteles Koklas ist da keine Ausnahme. Die Reporterin aus Deutschland betritt seinen Frisörsalon im Innenstadtbezirk Keramikos; für ihn kein Grund, die Schere aus der Hand zu legen. Es gebe doch jetzt nicht viel zu sagen, grummelt der alte Mann, ich solle nächsten Montag wiederkommen, am Tag nach der Volksabstimmung. Also gut, wir wechseln das Thema. Koklas erzählt, wie er vor 50 Jahren aus einem Dorf auf der Peloponnes nach Athen kam und seinen Salon eröffnete. Wir arbeiten heraus, dass ein Teil meiner Familie aus seiner Heimatregion stammt, und plötzlich hat Koklas doch sehr viel zu erzählen über den Aufstieg und Fall des EU-Lands Griechenland, über "die goldenen achtziger Jahre" unter Giorgos Papandreoeu und über die "Misere von heute". Er sagt: "Ich kenne die Drachme nur zu gut. Ich will sie nicht wiederhaben."

Vor Koklas' Laden diskutieren lautstark zwei junge Männer, sie sind auf dem Weg zur Uni. "Ne", sagt der eine, "ochi" der andere. Ja oder Nein. Es geht natürlich um die Volksabstimmung am Sonntag zu den Vorschlägen von Athens Geldgebern. "Ein Nein zu den Forderungen würde uns zum Entwicklungsland machen", sagt der eine. "Das sind wir doch längst", sagt der andere. Ihr Disput wird sich wohl noch über Tage hinziehen.


Die Autorin: Marina Kormbaki (32) ist Berlin-Korrespondentin des RedaktionsNetzwerks Deutschland der Mediengruppe Madsack. Sie reist seit ihrer Kindheit regelmäßig zu Verwandten nach Athen, beherrscht die griechische Sprache - und begleitet für uns die europäische Schuldenkrise seit Jahren journalistisch.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Vermittlungsversuch
Foto: EU-Kommissionschef Juncker lässt in der eskalierten Athen-Krise nichts unversucht

In der Griechenland-Krise macht Brüssel einen Vermittlungsversuch in letzter Minute. Das Brüsseler Last-Minute-Angebot verlangt dem griechischen Premier Tsipras einiges ab. Ob Tsipras diese Offerte annehmen will, ist offen. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist skeptisch, dass es zu einer Einigung kommt.

mehr
Mehr aus Deutschland / Welt
Von Redakteur Marina Kormbaki

Die Wahl ist entschieden: Donald Trump wird der 45. Präsident der USA. Auf unserer Themenseite finden Sie aktuelle Berichte, Analysen und Hintergrundinformationen zur Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. mehr

CDU-Parteitag in Hameln

Zum Landesparteitag der niedersächsischen CDU in Hameln haben sich rund 450 Delegierte versammelt, um über einen Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2018 zu entscheiden. Sie nominierten einstimmig Bernd Althusmann.

Die Karikatur des Tages

So sehen unsere Karikaturisten die Welt.