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Marine birgt Totenschiff mit Hunderten Leichen

Gesunkenes Flüchtlingsboot wird untersucht Marine birgt Totenschiff mit Hunderten Leichen

Rund 700 Menschen kamen beim schwersten Flüchtlingsdrama im April vergangenen Jahres im Mittelmeer ums Leben. Jetzt wird das Flüchtlingsboot auf dem Nato-Stützpunkt im sizilianischen Augusta untersucht – die ertrunkenen Flüchtlinge sollen identifiziert und begraben werden.

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Rund 700 Menschen kamen beim schwersten Flüchtlingsdrama im April vergangenen Jahres im Mittelmeer ums Leben.

Quelle: dpa

Rom. Am Donnerstag sind sie doch noch dort angekommen, wo sie gehofft hatten, ein neues und besseres Leben beginnen zu können: auf Sizilien, am Südzipfel des wohlhabenden Europa. Aber sie haben ihr Ziel als Tote erreicht, immer noch zu Hunderten eingepfercht im Bauch des Fischerboots, mit dem sie Mitte April 2015 in Nordafrika losgefahren und etwa 70 Kilometer vor der libyschen Küste untergegangen waren. Männer, Frauen, Kinder: Schätzungsweise 700 Menschen waren bei diesem bisher schlimmsten Flüchtlingsdrama im Mittelmeer umgekommen – vor den Augen der Besatzung eines Frachters, der den Flüchtlingen zu Hilfe kommen wollte. Nur 28 von ihnen konnten gerettet werden.

Das Flüchtlingsboot ist Anfang dieser Woche von der italienischen Marine und privaten Spezialfirmen aus 370 Metern Tiefe geborgen und am Donnerstag an einer Kranvorrichtung hängend zum Hafen von Augusta transportiert worden. Auf dem Gelände des dortigen Nato-Stützpunkts stand bereits ein 30 Meter langes, 20 Meter breites und 10 Meter hohes Zelt bereit, das mit leistungsfähigen Aggregaten gekühlt wird: Dort wird das Boot mit seiner makabren Fracht untergebracht. Konteradmiral Pietro Covino, der diese weltweit einmalige Bergungsaktion geleitet hat, erklärte, dass nun zuerst Spezialisten der Feuerwehr die Struktur des Schiffs überprüfen müssten; erst danach könnten die Leichen aus dem Rumpf geholt werden.

Niemand kennt die Zahl der Toten

Wie viele Tote sich im Schiffsrumpf befinden, weiß niemand genau. Covino schätzt ihre Zahl aufgrund von Bildern der Tauchroboter auf 250 bis 300. Die meisten Flüchtlinge hatten sich zum Zeitpunkt des Unglücks auf dem Deck aufgehalten. Während der Vorbereitung der Bergungsarbeiten, die mehrere Wochen gedauert hatten, konnte die italienische Marine bereits 169 Leichen bergen, die im näheren Umkreis des Wracks auf dem Meeresgrund lagen. Zahlreiche andere dürften von der Strömung weggetragen worden sein. 14 Monate nach dem Untergang des Boots ist von den Opfern nicht viel mehr als das Skelett und Kleidungsreste übrig geblieben.

"Die ganze Welt soll sehen, was geschehen ist"

Die Bergung des Flüchtlingsschiffs erfolgte auf persönliche Anordnung von Regierungschef Matteo Renzi. "Die ganze Welt soll sehen, was geschehen ist", sagte Renzi damals. Es sei nicht mehr akzeptabel, dass weiterhin nach dem Motto "aus den Augen, aus dem Sinn" gehandelt werde, betonte der Ministerpräsident. Es war gerade die Zeit, in der sich die EU um die Verteilung der Flüchtlinge stritt und zahlreiche Länder eine Quotenregelung ablehnten – was sich bis heute nicht geändert hat.

Nach der Bergung des Unglücksboots erklärte Renzi, dass das Schiff eine "Mahnung für Europa" sei: "Wir müssen daran arbeiten, dass Europa auf der Höhe der Werte bleibt, die es groß gemacht haben."

Flüchtlinge sollen identifiziert werden

Die toten Flüchtlinge sollen in den nächsten Wochen durch ein Team von rund zwei Dutzend Gerichtsmedizinern identifiziert werden – soweit dies möglich ist. Danach werden alle ein Grab erhalten. "Sie zu begraben bedeutet, ihnen das Recht zurückzugeben, dass man ihrer gedenkt", erklärte Renzi. In dem Schiff, das nun zwischen Lagerhallen und Munitionsdepots in Augusta steht, "befinden sich Schicksale, Gesichter, Menschen – nicht einfach eine abstrakte Zahl von Leichen", betonte der italienische Premier. Die Identifizierung diene auch dazu, den Angehörigen Gewissheit zu geben. Insgesamt hat die Bergungsaktion laut Marineangaben bisher 9,5 Millionen Euro gekostet.

Unter den wenigen Überlebenden des Flüchtlingsdramas vom 18. April 2015 befanden sich auch zwei Schlepper, denen derzeit in Catania der Prozess gemacht wird. Für den „Kapitän“ des Unglücksboots hat der Staatsanwalt vor Kurzem 18 Jahre Zuchthaus verlangt; für seinen Gehilfen beträgt das beantragte Strafmaß sechs Jahre. Dem Kapitän werden mehrfache fahrlässige Tötung, Verursachen eines Schiffsuntergangs, Freiheitsberaubung und Beihilfe zur illegalen Migration vorgeworfen. Vor der Abfahrt waren die Flüchtlinge dem Staatsanwalt von Catania zufolge schwer misshandelt worden.

Von Dominik Straub

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