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„Ich kämpfe jeden Tag für ­Europa“

Martin Schulz „Ich kämpfe jeden Tag für ­Europa“

Er poltert gern. Er streitet gern. Er hat Erfolg damit. Manche sehen in Martin Schulz, Präsident des Europaparlaments, die neue große Hoffnung der deutschen Sozialdemokratie. Begegnungen mit einem, der von der Politik besessen ist.

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Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments.

Quelle: Thomas Köhler/photothek

Straßburg/Berlin. „Ja, seid ihr denn bekloppt?“, ruft der Präsident, „das könnt ihr doch mit mir nicht machen.“

Martin Schulz ist gerade zur Tür hereingekommen. Es ist 22 Uhr. Er parkt den Stapel ungelesener Zeitungen vom Morgen und die Mappe mit den Terminen für den nächsten Tag unsanft auf dem Tisch. In der Mappe steht, dass Schulz morgen um 22 Uhr ein Interview gibt und am nächsten Morgen um sechs gleich das nächste. Das ist dem Präsidenten zu viel.

„Ich glaub, ich steh im Wald. Ihr seid alle entlassen!“ Die drei Mitarbeiter blicken ungerührt. An diesem Tisch lieben ihn alle für seine Schnauze. „Ihr seid alle entlassen“, sagt Schulz noch einmal.

Martin Schulz gehört seit mehr als zwanzig Jahren dem Europäischen Parlament an. Seit 2012 ist er Präsident. Im Europawahlkampf war er Spitzenkandidat der Sozialdemokraten und erreichte 27,3 Prozent - ein Plus von 6,5 Punkten im Vergleich zu 2009. Es ist ein Plus, das den Europäer auch in Berlin zu einer Größe macht.

Zur Person

Martin Schulz, geboren 1955 in Hehlrath, ist durch und durch Sozialdemokrat und Politiker: mit 19 Jahren SPD-Mitglied, mit 28 Stadtabgeordneter, mit 31 Bürgermeister, mit 38 Europaabgeordneter. Ab 2004 leitete er die Sozialistische Fraktion. Das Amt gab der mehrfache Ehrendoktor ab, als er 2014 zum zweiten Mal zum Parlamentspräsidenten gewählt wurde.

Am Wochenende trifft sich Schulz mit der SPD-Spitze zur Jahresauftaktklausur auf dem Landgut Stober in Nauen. Die Genossen suchen nach Wegen aus dem Umfragetief. Die Partei stagniert bei 25 Prozent. Das schlechte Wahlergebnis von Sigmar Gabriel auf dem Parteitag im Dezember hat die Stimmung nicht verbessert. Wer einen ­Europawahlkampf so gut führt wie Schulz, müsse eine führende Rolle in Berlin übernehmen, sagen viele Genossen. Mancher hält ihn für den besseren Kanzlerkandidaten. Er selbst hält das für Unsinn. Offiziell.

„Ich kämpfe jeden Tag für ­Europa, bis zum Januar 2017“, sagt Schulz. Wenn es ginge, würde er Europa noch viel länger treu bleiben. 2017 aber wird die konservative EVP-Fraktion das Amt des Präsidenten besetzen.

Schulz sitzt in einem Hotel in Berlin. Er trägt Jeans und Strickjacke. Vor ihm stehen eine Currywurst und eine Kirschsaftschorle. Es ist Sonntagabend. Sein 30. Hochzeitstag. Seine Frau sagt, die Zahl stimme nicht. Schließlich habe sie ihn in den 30 Ehejahren höchstens 20 Jahre gesehen. Schulz betreibt Politik wie ein Besessener.

Er hat es geschafft, dem Amt des Parlamentspräsidenten Bedeutung und Einfluss zu verleihen. Früher musste der Parlamentspräsident bei Gipfeltreffen der EU-Regierungschefs gleich nach einem kurzen Grußwort den Raum verlassen. Martin Schulz sitzt nun mit am Tisch. Es liegt auch an Verbindungen, die lange zurückführen. „Die frühere dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt zum Beispiel kennt mich, seit sie mal Praktikantin im Europäischen Parlament war“, sagt Schulz. Der französische Präsident François Hollande war Abgeordneter im EU-Parlament, als Schulz Chef der sozialistischen Fraktion war.

In Berlin gehört der Sozialdemokrat seit 1999 zum Parteivorstand, seit 2000 ist er Mitglied im Präsidium. Damit ist er der Dienstälteste in diesen Gremien. Er hat viele Parteichefs kommen und gehen sehen. Wer ihn nach der Zukunft der SPD fragt, blickt in ein ratloses Gesicht. „Die SPD ist in der Großen Koalition das stabilisierende Element“, sagt Schulz, „warum gelingt es uns nicht, das als Tugend zu verkaufen?“ Seine Schultern sind nach unten gesackt. Seine Stimme auch.

In Mainz, an einem Novembernachmittag, ist der Besessene wieder da. Die SPD in Rheinland-Pfalz steht im Wahlkampf. Martin Schulz hilft. Die Juso-Hochschulgruppe hat ihn eingeladen. Er soll in der alten Mensa der Universität einen Vortrag halten. 300 Besucher haben die Jusos erwartet. 600 sind gekommen. Wer keinen Stuhl gefunden hat, hockt im Schneidersitz auf dem Boden. Schulz schlängelt sich durch den Pulk, der die Tür zum Saal blockiert. Als er beginnt zu reden, ist es mucksmäuschenstill. „Es kann doch nicht sein, dass der Wirt in der Eckkneipe in Mainz Steuern zahlen muss, aber Starbucks und Amazon nicht.“ Applaus. „Wir müssen zu den Leuten gehen, dahin, wo es brodelt, wo es kocht. Die Leute sind keine Rassisten, die Leute sind verzweifelt.“ Applaus.

„Der kann so reden, dass auch meine Mutter ihn versteht“, sagt eine Genossin in Berlin. Politik zu vereinfachen, das habe er als Bürgermeister in Würselen gelernt, sagt Schulz. Mancher hält das für platt, aber solange er die Grenze zum Populismus nicht überschreitet, ist Schulz mit sich zufrieden.

In Würselen bei Aachen ist Schulz aufgewachsen. Schon sein Vater, elftes Kind einer Bergarbeiterfamilie, ist Sozialdemokrat. Am Abendbrottisch wird über Politik diskutiert. Schulz träumt eher von einer Fußballerkarriere. Um Zeit für den Sport zu haben, verlässt er das Gymnasium nach der mittleren Reife und beginnt eine Buchhändlerlehre. Ein Kreuzbandriss beendet den Traum. Schulz beginnt zu trinken. Er ist 24, denkt an Selbstmord. Doch er fängt sich. Wird erst Buchhändler und dann Politiker. Mit 31 Jahren ist er der jüngste Rathauschef in Nordrhein-Westfalen.

„Der Martin ist einfach eine Persönlichkeit“, sagt Sigmar Gabriel. Wenn der SPD-Chef, eben noch etwas mürrisch, über Martin Schulz redet, wirkt er wie angeknipst. „Der kann einen Saal rocken, bei dem springen die Leute auf.“ Gabriel und Schulz können gut mit­einander.

„Es gibt Leute in der Partei, die bitten Schulz, er möge doch mal mit dem Parteichef reden, wenn der gerade wieder mal grantig war“, sagt ein Genosse. Gabriel seinerseits bittet Schulz um Rat. Gerne auch frühmorgens. Vor dem Arbeitgebertag kürzlich in Berlin gab es noch Gesprächsbedarf. Da kam Gabriels erste SMS um 5.23 Uhr auf Schulz’ altem Nokia-Handy an.

Es ist Schulz, der auf dem Parteitag versucht, Gabriel davon abzuhalten, auf die Vorwürfe der ­Juso-Chefin Johanna Uekermann zu reagieren. Erfolglos. Als das schlechte Wahlergebnis des Parteichefs verkündet wird, ist Schulz geschockt von so viel Illoyalität. Es sieht fast so aus, als habe er Tränen in den Augen. Anders als Gabriel hat Schulz nur wenige echte Gegner.

„Bonjour“, grüßt der Präsident im Vorbeigehen fünf Putzfrauen, die vor den Aufzügen warten. Die beiden Beamten an der Sicherheitsschleuse des Parlamentsgebäudes in Straßburg begrüßt er mit Handschlag. Einer brünetten Dame im Kostüm legt er im Vorbeigehen väterlich die Hand auf die Schulter. „Das war die Gattin des italienischen Sprechers“, erklärt er. Die gute Laune täuscht. Die Anschläge von Paris liegen gerade zwei Tage zurück. Martin Schulz ist in Sorge um sein Europa.

„Jetzt will Marine le Pen die nationalen Grenzen schließen?!? Kein europäisches Land wird diese Krise allein bewältigen können. Marine le Pen erzählt den Leuten Märchen“, schimpft Schulz. Inzwischen führt er - mit einer dicken Schicht Puder gegen die dunklen Ringe unter den Augen - ein Schaltgespräch mit dem Fernsehsender Arte. „Ich kann den Blödsinn von den geschlossenen Grenzen nicht mehr hören. Hören Sie mal, dafür ist mir meine Zeit zu schade.“

Wenig später steht der Präsident im Stau. Im Fond seiner Dienstlimousine lehnt er den Kopf gegen das Fenster und schließt die Augen. „Kinners, ich muss mal kurz ein Nickerchen machen“, sagt Schulz. Auf der Europabrücke zwischen Kehl und Straßburg gibt es wieder Grenzkontrollen. Wenig später winkt ein französischer Polizist den schwarzen Wagen rechts an den Straßenrand. „Wenn ich Polizist wäre und eure Gesichter da vorne sähe, ich würde euch auch kontrollieren“, ruft Martin Schulz vom Rücksitz nach vorn.

Dann springt er selbst aus dem Wagen und erklärt dem Polizisten, wer er ist und dass er jetzt wirklich weitermüsse. Martin Schulz lässt sich nicht bremsen. Nicht von Grenzschützern auf der ­Europabrücke. Und auch nicht von schlechten Umfragewerten der SPD.

Von Ulrike Demmer

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