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Massaker von Orlando wird zum Wahlkampf-Thema

Rechtspopulisten fühlen sich bestätigt Massaker von Orlando wird zum Wahlkampf-Thema

IS-Anhänger? Schwulenhasser? Waffenfan? Omar Mateen tötet 49 Menschen – und befeuert das Rennen um die US-Präsidentschaft.

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Trauer in Orlando

Quelle: dpa

Orlando/Washington. Für einen ganz kurzen Moment scheint es tatsächlich so, als beherrsche Donald Trump eine Tugend, die viele ihm schon gar nicht mehr zugetraut hatten: die Fähigkeit zur Mäßigung.

„Wirklich schlimme Schießerei in Orlando. Die Polizei untersucht möglichen Terrorismus. Viele tot und verwundet“, schreibt er am Sonntagmorgen auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, in seiner ersten Nachricht nach dem Attentat.

Auf Antworten mag Trump nicht warten

Was folgt, ist eine kurze Replik auf einen Wahlkampfvorwurf („würde mich niemals über Behinderte lustig machen“). Aber drei Stunden und noch eine Nachricht später nähert sich Trump dann allmählich der Betriebstemperatur. Er habe hinsichtlich des islamischen Terrorismus eben recht, reklamiert er da für sich. Um schließlich zu fragen, ob Präsident Barack Obama wohl die Worte „islamischer Terrorismus“ aussprechen wird – „wenn nicht, sollte er zurücktreten“.

Zu diesem Zeitpunkt sind die Toten des Anschlags von Orlando noch nicht mal gezählt. Opfer sind nicht identifiziert, Verletzte ringen mit dem Tod, Eltern bangen um ihre Kinder – da greift Trump schon mal zu seinem Smartphone und nutzt die Gelegenheit für ein paar Bemerkungen in eigener Sache.

Die Sätze des republikanischen Präsidentschaftskandidaten verdeutlichen vor allem eines: Das Massaker am Sonntag in einem vor allem von Schwulen und Lesben besuchten Club in Orlando war nicht nur das schlimmste Schusswaffenattentat der jüngeren US-Geschichte. Es war auch ein Verbrechen, das Rechtspopulisten überall als Beweis für ihre eigenen Thesen missbrauchen – und das zum wiederkehrenden Element im amerikanischen Wahlkampf werden dürfte.

Gut möglich, dass der 29-jährige Omar Mateen, in Florida geborener Sohn afghanischer Einwanderer, am Sonntag in Orlando nicht nur 49 Menschen tötete – sondern auch über den künftigen US-Präsidenten mitbestimmte.

Dabei gibt es auch zwei Tage später auf viele zentrale Fragen noch keine Antwort: Was genau waren seine Motive? Wie eng waren die Verbindungen des „Islamischen Staats“ zu Mateen? Auf die Antworten mag zumindest Trump nicht warten.

Anruf vom Attentäter

Klar ist, das Mateen zwei Waffen bei sich trägt, als er Sonntagfrüh den Club namens „Pulse“ betritt: eine Handfeuerwaffe und ein Sturmgewehr vom Typ AR 15. Für beide besitzt er eine Lizenz – die er als Angestellter einer der weltgrößten Sicherheitsfirmen, G4S, ohne Probleme bekommen hatte.

300 Menschen halten sich zu diesem Zeitpunkt in dem Club auf, viele Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender. Sie tanzen und feiern, als der Täter zu schießen beginnt. Kaltblütig richtet er die jungen Menschen regelrecht hin: „Er ging zu jedem Einzelnen, der am Boden lag und schoss auf ihn – um sicherzugehen, dass er tot ist“, so schildert es ein 26-jähriger Überlebender namens Angel Colon Jr. später seinem Vater.

Bei einer Bluttat starben in einem Schwulenclub Orlando 50 Menschen, 53 wurden verletzt. Die Anteilnahme ist riesig.

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Nach den ersten Schüssen greift Mateen zu seinem Handy und wählt den Polizeinotruf 911. Gegenüber den Beamten solidarisiert er sich mit dem IS, den Al-Kaida-nahen Attentätern vom Boston Marathon und einem Selbstmord-Attentäter der Al-Nusra-Front aus Florida – obwohl sich IS und Al-Nusra gegenseitig bekämpfen. Dann feuert er weiter – bis die Polizei ein Loch in die Mauer des Gebäudes sprengt und ihn erschießt.

Ein Anruf mit einem widersprüchlichen Bekenntnis – reicht das als Beleg für islamistischen Terror?

Tatsächlich hatte das FBI Mateen schon 2013 und 2014 unter Verdacht – unter anderem wegen Äußerdungen gegenüber Arbeitskollegen, er sympathisiere mit der palästinensischen Hisbollah. Beide Male klappte das FBI die Akte jedoch wieder zu. Der IS-Radiosender Al-Bajan verbreitete gestern, Mateen sei ein Kämpfer der Terrormiliz gewesen. Was die Dschihadisten jedoch nicht behaupteten: dass der IS die Tat geplant oder in Auftrag gegeben hat. Es gebe keine Anzeichen, dass die Tat von außerhalb der USA gesteuert wurde, erklärte auch FBI-Direktor James Comey am Montag.

Extrem gefährliche Mischung

So spricht bislang viel dafür, dass Mateen ein Einzeltäter war – ohne geschlossenes Weltbild, aber äußerst aggressiv. „Er schlug mich“, sagte seine Ex-Ehefrau Sitory Yusifiy der „Washington Post“. „Er konnte nach Hause kommen und mich einfach schlagen, weil die Wäsche nicht fertig war oder so.“ Yusifiy ließ sich nach zwei Jahren Ehe von ihm scheiden – aus einer späteren kurzen Beziehung hat Mateen einen Sohn.

Zuletzt sei Mateen religiöser geworden, so schildern es Bekannte in amerikanischen Medien. In der Moschee aber hat er nie mit jemandem geredet, sagt der Imam der Moschee in seinem Heimatort Fort Pierce. Dafür hat er gegenüber seinem Vater seinen Hass auf Homosexuelle offen formuliert: „Schau dir das an“, habe Omar Mateen gesagt, als er gemeinsam mit seinem dreijährigen Sohn ein schwules Pärchen auf der Straße sah. „Sie tun das, und mein Sohn sieht zu.“ Sein Sohn habe sich extrem aufgeregt, so schildert es Seddique Mateen gegenüber der „Post“.

Psychisch labil, extrem aggressiv, äußerst homophob: Das war offenbar eine extrem gefährliche Mischung. Ein islamistischer Terrorist? Der Fall Mateen scheint bislang nicht eindeutig. Für die Rechtspopulisten ist die Sache aber jetzt schon klar: „Diese Tragödie zeigt, was Europa und die USA bedroht: die unkontrollierte Einwanderung“, sagte gestern der Fraktionschef der ungarischen Regierungspartei Fidesz, Lajos Kosa.

Trump setzt auf antimuslimische Stimmung

Donald Trump, auch das ist sicher, will das Massaker von Orlando für sich nutzen. Bis geklärt sei, wie die Terrorbedrohung beendet werden könne, werde er die Einreise aus allen Staaten „mit einer erwiesenen Geschichte des Terrorismus gegen die Vereinigten Staaten, Europa oder unsere Verbündeten“ unterbinden, sagte Trump am Montag in einer Rede in Manchester im US-Bundesstaat New Hampshire.

Die Vereinigten Staaten könnten nicht zulassen, dass tausende Menschen mit der gleichen Gedankenwelt wie der Attentäter von Orlando ins Land kämen, sagte Trump. Viele der Prinzipien des radikalen Islam seien nicht mit westlichen Werten und Institutionen vereinbar. Dass Omar Mateen kein Einwanderer, sondern ein Junge aus New York war? Aus Trumps Sicht Feinheiten, die zu vernachlässigen sind.

Dabei ist gar nicht klar, wer letztlich politisch von dem Verbrechen profitiert. Trump setzt auf eine verbreitete antimuslimische Stimmung und das Rachebedürfnis, das viele Amerikaner unmittelbar nach einem solchen Terrorakt umtreibt. Andererseits verschreckt Trump mit seinen plumpen Attacken womöglich auch die gemäßigten Republikaner.

„Ich habe Angst“

Doch kann sich auch Hillary Clinton in ihrer Weltsicht bestätigt fühlen. Ist die schreckliche Tat Omar Mateens nicht auch ein Beleg für ihre Forderung nach schärferen Waffengesetzen? Und war die Solidarität, die Schwule und Lesben jetzt aus aller Welt erfahren, nicht auch schon immer ihr Anliegen?

Clinton selbst äußerte sich am Montag betont vorsichtig zur Bluttat von Orlando: „Wir können Maßnahmen ergreifen, damit Waffen nicht in die Hände von Kriminellen und Terroristen fallen“, sagte sie.

Der 40-jährige Rob Domenico sitzt am Tag nach dem Massaker in einem Schwulen- und Lesbenzentrum in Orlando. Im Internet gibt es eine Liste mit den Namen der Opfer. Doch Domenico, Stammgast im „Pulse“, weigert sich, sie anzuschauen. „Ich habe Angst“, sagt er, „dass jemand draufsteht, den ich mag.“

Von Martin Bialecki, 
Maren Hennemuth, Thomas
Urbain und Thorsten Fuchs

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