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Mehr als 90 Tote bei Anschlägen in Norwegen „Wir glaubten, es sei ein Erdbeben“

Ein Land trauert

„Wir glaubten, es sei ein Erdbeben“

Mindestens 91 Menschen werden in der Osloer Innenstadt und auf einer nahen Insel bei Anschlägen getötet – von einem einheimischen Terroristen.

Foto: Das Osloer Regierungsviertel wurde durch die Explosion verwüstet.

Das Osloer Regierungsviertel wurde durch die Explosion verwüstet.

© Reuters

Die Dachterrasse auf Norwegens Regierungssitz ist berühmt für ihren wunderbaren Ausblick auf den Holmenkollen und den Oslo-Fjord. Dorthin pflegte Ministerpräsident Jens Stoltenberg gern seine Staatsgäste zu führen, um gute Stimmung vor schwierigen Gesprächen zu schaffen. Seit Freitagnachmittag ist das Schmuckstück nur noch eine rauchende Ruine. Um 15.26 Uhr zerriss eine laute Explosion das Idyll der von Sommerurlaubern geprägten Stadt, Flammen schlugen aus dem Regierungsviertel, Menschen lagen blutend auf dem Pflaster vor den Gebäuden.

Der Attentäter schlug mit fürchterlicher Härte zu: Blutende Verletzte irrten durch die Straßen, Leichen lagen auf dem Pflaster. „Wir glaubten zuerst an ein Erdbeben, alle Fenster zersplitterten“, berichtete die Radiojournalistin Ingunn Andersen, die sich zum Zeitpunkt der Explosion in dem Gebäude befand. Doch es waren nicht Naturkräfte, die das Haus wanken ließen. Es war ein Anschlag auf das Zentrum von Norwegens politischer Macht. Schwarzer Rauch qualmte, im Umkreis von Hunderten Metern war keine Glasscheibe intakt. Ein Teil des Regierungssitzes sei „wie weggeblasen“, heißt es in einem Augenzeugenbericht. „Die Leute stehen unter Schock, viele wurden ins Krankenhaus gebracht“, berichtete der Organist des Osloer Doms, Magne Draagen. „Es war eine Bombe, vermutlich zwei“, bestätigte die Polizei.

Vor dem Amtssitz Stoltenbergs lag eine völlig ausgebrannte Limousine, und ein großer Trichter unter ihr spricht für die Theorie, dass in ihr ein Sprengkörper detonierte. Doch die Polizei geht davon aus, dass sich der Auslöser der heftigen Explosion im Regierungsgebäude selbst befand. Mindestens 15 Verletzte in Oslos Krankenhäuser wurden eingeliefert. Die Zahl der Toten wuchs stündlich. Erst bestätigte die Polizei ein Opfer, dann zwei, nach der Durchsuchung der Ruinen waren es sieben. Premier Stoltenberg hatte sich in dem Gebäude befunden und den Knall gehört, doch er blieb unverletzt und hielt am Abend eine Krisensitzung mit dem innersten Kern der Regierung. „Die Situation ist sehr ernst“, sagte der 52-Jährige in einem TV-Interview. Aus Sicherheitsgründen wurde sein Aufenthaltsort geheim gehalten. „Wir werden alle verfügbaren Kräfte einsetzen, um uns zu schützen“, versicherte der Regierungschef.

„Verlasst die Innenstadt, meidet Menschenansammlungen, bleibt zu Hause“

Aus Furcht vor weiteren Bomben sperrte die Polizei den Tatort weiträumig ab. „Verlasst die Innenstadt, meidet Menschenansammlungen, bleibt zu Hause“, lautete der dramatische Appell von Polizeichef Svein Sponheim an die Menschen in der Hauptstadt, denn die „Lage ist noch völlig unübersichtlich“. War der Anschlag, dessen primäres Ziel auch das Öl- und Energieministerium gewesen sein könnte, nur ein erstes Glied einer Kette? Mehrere Zeitungsredaktionen wurden evakuiert, das Lokalbüro des Fernsehsenders TV 2 geräumt, weil davor ein unidentifiziertes Paket gesichtet wurde. Auch der Hauptbahnhof wurde abgeriegelt. Kurz danach wurden die Grenzkontrollen verschärft.

Und wenig später kam der nächste Schock. Zehn Kilometer von Oslo entfernt starben mindestens 84 Jugendliche im Kugelhagel eines Amokschützen; unzählige weitere wurden verletzt. Der Täter, gibt die Polizei später bekannt, soll auch in das Attentat von Oslo verwickelt sein. Die Jugendlichen hatten sich mit 560 Kameraden auf einem Sommerlager der sozialdemokratischen Jugend auf der Insel Utøya befunden, als ein in Polizeiuniform verkleideter Mann kam und sagte, er müsse im Zusammenhang mit den Bomben von Oslo Ermittlungen anstellen. Laut Augenzeugen rief er ein paar Jugendliche zu sich, dann begann er zu schießen. In wilder Panik flüchteten die anderen, viele verbargen sich in Gräben, andere versuchten, schwimmend das Festland zu erreichen. Andere verschicken Twitter-Mitteilungen: „Es geht uns gut, wir müssen abwarten. Aber jetzt wird wieder geschossen.“ Noch lange waren Schüsse zu hören, ehe Spezialtruppen der Polizei in schusssicheren Westen den Attentäter zu überwältigen vermochten. Über dessen Identität gaben die Behörden am Freitag nichts bekannt; lediglich von einem „nordischen Aussehen“ war die Rede. Auch Utøya wurde evakuiert, denn auch dort befürchtet man, dass Bomben versteckt sein könnten. Am Freitagvormittag hatte die frühere Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland dort zu den Jusos gesprochen, für Sonnabend war Stoltenberg als Gastredner angekündigt.

Internationaler Terrorismus wurde ausgeschlossen

Über die Motive des Attentäters herrschte in Oslo Ratlosigkeit. Norwegens Mitte-links-Regierung mit Stoltenberg an der Spitze hat im Gegensatz zur von Rechtspopulisten gestützten Regierung im benachbarten Dänemark auf eine liberale Ausländerpolitik und einen Dialog mit muslimischen Zuwanderern gesetzt. Bei der Zuwanderungs- und Ausländerpolitik hat der sozialdemokratische Regierungschef allerdings nach und nach immer mehr Positionen der rechtspopulistischen Fortschrittspartei übernommen, nachdem deren Chefin Siv Jensen in Umfragen zeitweise über 30 Prozent Zustimmung erzielt hatte. Möglicherweise, hieß es am Freitag aus Polizeikreisen, war das manchen nicht scharf genug. Von „norwegischen Wirrköpfen“ war die Rede, die die Politik der Regierung bekämpften. Internationalen Terrorismus schloss man aus.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich schockiert über die Anschläge. „Mit Entsetzen habe ich von ihnen erfahren. Die norwegische Regierung und das norwegische Volk sollen wissen, dass die Bundesregierung und die Deutschen solidarisch an ihrer Seite stehen“, sagte sie am Freitagabend. US-Präsident Barack Obama bezeichnete die Attentate als „eine Mahnung, dass die gesamte internationale Gemeinschaft dazu beitragen muss, dass solch ein Terrorakt nicht passiert“. Henning Hauger, norwegischer Fußballprofi und unlängst zu Hannover 96 gewechselt, sprach gegenüber dieser Zeitung von „einem sehr traurigen Tag für Norwegen“.

Für die Skandinavier war dies schon der zweite Anschlag dieser Art in einem Jahr: Am 3. Advent 2010 hatte sich in der Stockholmer Innenstadt ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Nur durch viel Glück kam niemand ums Leben.

Hannes Gamillscheg (mit dpa)

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