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Der Mann, der Berlin weiter regieren will

Porträt von Michael Müller Der Mann, der Berlin weiter regieren will

Berlin will hip, schick und anders sein – und damit das genaue Gegenteil von seinem Regierenden Bürgermeister. Dennoch hat Michael Müller gute Chancen auf eine Wiederwahl. Oder gerade deshalb? Eine Begegnung.

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„Jedes Jahr kommt die Stadt Goslar zu uns. Und das organisieren wir ganz ordentlich“: Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller.

Quelle: Kay Nietfeld/dpa

Berlin. Die Mittagssonne lässt den Tegeler See funkeln. Beim Gang über die Greenwichpromenade hat Michael Müller das Sakko über die rechte Schulter gelegt, sein Blick folgt der Hand des Reinickendorfer Bezirksbürgermeisters. „Hier und hier und hier“ – der Bezirksbürgermeister zeigt Berlins Regierendem Bürgermeister beim Quartiersrundgang die vielen neuen Wohnhäuser im Viertel. Müller schaut hoch zu den Würfelbauten mit großen, dunklen Fenstern. Die zwei jungen Gärtner am Wegesrand sieht er nicht.

Die Männer hieven Harken und Schaufeln auf die Ladefläche ihres Wagens, als Müller an ihnen vorbeispaziert. Der eine Gärtner zückt sein Smartphone und macht ein Foto. Hat er den Mann erkannt, der ihm da vor die Linse gelaufen ist? „Nö, aber wer mit Polizei unterwegs ist, wird schon wichtig sein“, sagt der Gärtner. Sein Kollege fragt: „Na, ist det nicht der Bürgermeister? Wie heißt der noch?“

Michael Müller ist seit eineinhalb Jahren Regierender Bürgermeister von Berlin. Der SPD-Politiker übernahm das Amt von seinem langjährigen Parteifreund und Weggefährten Klaus Wowereit, als der nach gut 13 Jahren keine rechte Freude mehr im Roten Rathaus empfand. Die Berliner waren lange stolz auf ihren charmanten und gewitzten „Wowi“. Wowereit: Das war diese eigenartige Mischung aus Glamour und großer Schnauze – das war Berlin.

Eine Ausstrahlung, so gewöhnlich wie der Name

Doch als die Mieten immer rascher stiegen, die Schulen vor sich hin bröckelten und die Eröffnung des Hauptstadtflughafens BER zur Fata Morgana im brandenburgischen Sand wurde, verflüchtigte sich der Glamour Berlins und mit ihm die Sympathien der Leute für Klaus Wowereit. Dann kam Michael Müller. Schmächtige Statur, dicke Brille, schmale Lippen. Eine Ausstrahlung, so gewöhnlich wie der Name. Ein Typ, der nicht auffällt. Mehr Sachwalter als Selbstdarsteller und damit Vertreter eines verbreiteten, von vielen geschätzten Politikertypus.

Olaf Scholz, Stephan Weil, Angela Merkel – sie stehen für sachorientierte, nüchterne Politik, frei von Pomp und Pose. Es ist die Zeit des Pragmatismus, es schlägt die Stunde des Michael Müller. Er hat gute Chancen, bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 18. September im Amt bestätigt zu werden. Obwohl die Klüngelvorwürfe gegenüber seiner Partei, der Berliner SPD, nicht abreißen, führt sie in den Umfragen. Müller selbst ist der mit Abstand beliebteste Spitzenkandidat. Ausgerechnet im daueraufgeregten, hippen Berlin wünscht man Normalität an der Spitze.

Seine Biografie ist frei von schillernden Stationen. Michael Müller, Jahrgang 1964, wächst im Berliner West-Bezirk Tempelhof auf. Der Vater betreibt eine kleine Druckerei, die Mutter einen Fußpflegesalon, am Esstisch ist „Willy“ sehr präsent. Familie Müller schwärmt von der Ostpolitik des damaligen Kanzlers Willy Brandt. Der Vater leitet die SPD-Ortsgruppe und sitzt im Bezirksparlament. Michael findet nicht nur „Willy“ spannend, sondern auch die Raumfahrt. Er träumt davon, Astronaut zu werden. Die Eltern wären schon froh, wenn er das Abitur ablegen würde, was er aber nicht tut. Seine Leistungen sind nicht gut genug. Er geht nach der mittleren Reife von der Schule ab. Ein Makel im Lebenslauf, den er mit Fleiß auszugleichen versucht. Ein Makel, den er noch heute zu spüren bekommt.

Zuerst Bilderbuchkarriere, dann Sturz

„Mir wird immer mal wieder unterstellt, dass ich keinen Zugang zu Themen wie Kultur und Wissenschaft hätte, weil ich kein Abitur und nicht studiert habe“, sagt Michael Müller in der Sofaecke seines Büros im Roten Rathaus. In der Vi­trine stehen Porträts von Königinnen und Prinzen, Gastgeschenke aus der Zeit von Klaus Wowereit. Müller mischt sich eine Apfelschorle. Er sagt: „So ein Quatsch.“

Nach der Druckerlehre arbeitet Michael Müller lange Jahre an der Seite des Vaters im Familienbetrieb. Auch der Sohn verschreibt sich früh der SPD. Bezirksparlament, Abgeordnetenhaus, dann, als Klaus Wowereit Regierender Bürgermeister wird, die Fraktionsführung und schließlich der Landesvorsitz. Eine Bilderbuchkarriere. Doch dann kommt der Sturz. 2012 wird Müller von Parteirivalen vom Landesvorsitz verdrängt, es ist die Strafe dafür, dass Wowereit ein Jahr zuvor das ungeliebte Bündnis mit der CDU eingegangen ist.

Als Bausenator tritt Müller in den Hintergrund des Berliner Politgeschehens, die Lokalzeitungen schreiben, er habe den Höhepunkt seiner Karriere hinter sich. Doch es kommt anders. Als Wowereit zurücktritt, entscheiden die SPD-Mitglieder, wer ihm nachfolgen soll. Sie haben die Wahl zwischen Müller und den beiden Männern, die Müllers Sturz betrieben haben: dem Landesvorsitzenden Jan Stöß und dem Fraktionschef Raed Saleh – und wählen Müller. Inzwischen hat er sich auch den SPD-Landesvorsitz zurückerkämpft.

Kleine-Leute-Anwalt statt Weltpolitiker

SPD-Chef Sigmar Gabriel fordert, die SPD müsse der Anwalt des kleinen Mannes werden. Müller strahlt diese Kompetenz aus, das erklärt seine Beliebtheit wohl am besten. Auf Parteitagsreden, in Interviews und bei Bürgergesprächen verzichtet er auf akademische Girlanden. Er hat den Alltag der Berliner im Blick. „Habe ich einen sicheren Arbeitsplatz? Bekommt mein Kind einen Ausbildungsplatz? Ist die Miete im nächsten Jahr bezahlbar? Finde ich einen Pflegeplatz für meine Oma?

Das hört sich alles nicht nach großer Weltpolitik an, und das ist es auch nicht. Aber es sind die Fragen, die das Leben vieler Menschen bestimmen. Darauf muss ich und möchte ich Antworten finden“, sagt er. Müller rückt die Berliner ins Zentrum seiner Politik – das ist die Botschaft, die nun auch die Wahlplakate der SPD in der Stadt vermitteln sollen. Müller selbst ist auf ihnen meist unscharf, unauffällig, nur im Hintergrund zu sehen. Das Parteilogo wird auch mal ganz weggelassen.

„Viele Menschen haben das Gefühl, es werde sehr viel Weltpolitik gemacht, und ihr tägliches Leben interessiere die Politiker nicht. Darin sehe ich eine Gefahr, dem muss man aktiv begegnen“, sagt Müller in seinem Büro. Über die Weltbürger in Mitte und Prenzlauer Berg spottet der Kleine-Leute-Anwalt Müller auch gern mal. „Ich vermute, sie glauben, sie seien hip und schick. Dabei sind sie doch eigentlich eher langweilig und konservativ.“

Bürgermeister von 70-mal Goslar

Das muss er erklären. „Es gibt solche Zugezogenen, die haben sich ihre Wohnungen in Szenekiezen gesichert, wollen dort jetzt aber keine Veränderungen mehr zulassen. Es soll bloß keiner mehr kommen. Die Alteingesessenen, die Berlinerinnen und Berliner, die ja nichts anderes kennen als Veränderung und damit gut umgehen können, lachen darüber wohl eher.“

Der Rest der Republik schüttelt wiederum den Kopf über Berlin. Die Stadt, die keinen Flughafen fertig gebaut kriegt. Deren Bürgerämter monatelange Wartezeiten haben. Die überfordert ist mit den Flüchtlingen. Deren Drogenmarkt inzwischen sogar in Reiseführern beworben wird. Die Pannenhauptstadt. Ein Urteil, das ihr Regierender so natürlich nicht stehen lassen will. „Berlin lockt Menschen aus aller Welt. Jedes Jahr ziehen 50 000 Menschen hierher – so viele, wie die Stadt Goslar Einwohner hat.“ Müller steht auf, schließt das Fenster und sperrt so den Baustellenlärm und das Stimmengewirr der Touristen vom Alexanderplatz aus. „Jedes Jahr kommt die Stadt Goslar zu uns. Und das organisieren wir ganz ordentlich.“

Berlin und die niedersächsische Provinz – viele Hauptstädter empfänden diesen Vergleich als Beleidigung. Michael Müller aber ist glücklich darüber, Bürgermeister von 70-mal Goslar zu sein.

Von Marina Kormbaki/RND

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