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"Ich habe mich verstellt"

IS-Prozess in Celle "Ich habe mich verstellt"

Gewalt, Tod und Einschüchterungen: Vor dem Oberlandesgericht Celle hat der Syrien-Rückkehrer Ayoub B. erzählt, was er beim IS in Syrien erlebt hat. Und er versucht zu erklären, warum er für die Terror-Miliz Werbung gemacht hat.

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Ab Montag müssen sich zwei Wolfsbruger vor dem OLG Celle verantworten. Sie sollen die Terrorgruppe Islamischer Staat unterstützt haben.

Quelle: Holger Hollemann

Celle. Ayoub B. blickt starr nach vorne. Das Hemd sitzt locker am schlacksigen Körper, die Haare sind sorgfältig frisiert. Ayoub B. will vor Gericht einen guten Eindruck machen, er ist sehr nervös. Am Montag begann vor dem Oberlandesgericht Celle der Prozess gegen ihn und Ebrahim H.B., zwei Wolfsburger Deutsch-Tunesier, die im Sommer 2014 gemeinsam nach Syrien ausgereist waren, um sich dem Islamischen Staat (IS) anzuschließen. Ayoub B. nutzt die Gelegenheit, um seine Version der Dinge zu erzählen, und zu rechtfertigen, warum er unter Todesangst Dinge erzählt und getan hat, die er eigentlich nicht tun wollte.

Unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen hat der Prozess gegen zwei mutmaßliche IS-Rückkehrer aus Wolfsburg begonnen. Sie stehen seit Montag vor dem Oberlandesgericht Celle,

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Islam als Drogentherapie

Geboren wurden beide in Wolfsburg. Ayoub B. war einer von fünf Brüdern, sein Vater ist in der Gemeinde hoch angesehen, aber Ayoub war "immer das Sorgenkind", heißt es in einer langen Erklärung, die Ayoub Bs Anwalt am Montag vor Gericht verliest. Ayoub B. raucht Marihuana, schafft mit Mühe den Schulabschluss. In der Ausbildung und später in seinem Job bei Volkswagen kokst und zockt er, er hat Schulden.

Die Wende kommt erst mit dem Kontakt zu einem Mitarbeiter, der ihn mit einer radikalen islamischen Gemeinde in Kontakt bringt. Für ihn seien die strengen religiösen Regeln eine Therapie gewesen, um ihn von den Drogen fernzuhalten, heißt es in der Erklärung von Ayoub B. Und er wird damit zu Vorbild für andere gestrauchelte Jugendliche. "Plötzlich war ich der brave Junge." Nur sein Vater bleibt misstrauisch: "Mit meinem Vater war totale Konfrontation angesagt, er hielt meine Kontakte für Terroristen."

Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden vor, den IS finanziell und tatkräftig unterstützt zu haben. Ayoub B. soll mit der Waffe in der Hand gekämpft haben, Ebrahim H.B. soll sich bereit erklärt haben, als Selbstmordattentäter Menschen mit in den Tod zu reißen. Beide blieben nur einen Sommer im Dschihad, bevor sie über Umwege zurück nach Deutschland kamen

Zum Beten nach Syrien

Im Laufe der Zeit radikalisiert sich Ayoub B. Als erste Wolfsburger sich auf den Weg in den Dschihad nach Syrien und dem Irak aufmachen, sei auch auf ihn der Druck gestiegen. Doch er habe seinen Job und seine Freunde nicht aufgeben wollen, außerdem hatte er sich gerade verlobt und wollte heiraten. Er sei dann aber doch gereist, weil ihm zwei Dinge versprochen worden seien: Er könne im Norden Syriens, weit weg von Kampfhandlungen, in einer Islamschule auf IS-Gebiet das Leben in einer konsequent muslimischen Gesellschaft kennenlernen. Und er könne jederzeit wieder nach Hause.

Die Bundesanwaltschaft hat daran Zweifel, schließlich habe Ayoub B. nur ein Hinreiseticket in die Türkei gekauft. Das habe daran gelegen, dass er sich habe offenhalten wollen, wann er wieder zurückreisen wolle, sagt der Angeklagte.

"Hier müssen alle kämpfen"

In Syrien angekommen habe er dann aber keine Wahl gehabt, nicht am Dschihad teilzunehmen, sagt Ayoub B. Er habe das gleichwohl mehrfach im Gespräch "mit dem Emir" eingefordert, was ihm den Ruf eingebracht habe, aufsässig zu sein. "Hier müssen alle kämpfen", habe ihm ein Saudi gesagt. Als die Gruppe vor die Wahl gestellt worden sei, entweder als Kämpfer oder als Selbstmordattentäter dem IS zu dienen, habe er sich als Kämpfer gemeldet. "Ich wollte mich nicht in die Luft sprengen. Also meldete ich mich als Kämpfer, das erschien mir die einzige Chance, zu überleben."

Weil er als Spion galt, keine Chance zur Flucht gehabt und um sein Leben gefürchtet habe, habe er sich als linientreuer IS-Anhänger dargestellt. "Ich habe mich verstellt", lässt er über seinen Anwalt erklären. Er habe deshalb auch auf Facebook und in Chats erzählt, dass er sich sehr wohl fühle in Syrien - schließlich seien auch die Handys bei Kontrollen überprüft worden.

Von der Situation überfordert

Die Bundesanwaltschaft wirft Ayoub B. vor, nach seiner Ausbildung an der Waffe zunächst als Krankenwagenfahrer und später selber als Kämpfer mitgemacht zu haben. Ayoub B. erzählt in seiner Erklärung vom Krankenwagen-Einsatz. Ein weißer Ford mit Pritsche sei das gewesen, hinten drauf lagen Matratzen. Bei seinem ersten Einsatz musste er drei Tote und sechs Verletzte bergen. "Ich war völlig überfordert. Ich musste mich mehrfach übergeben." Die Verletzten hätten geschrien, die Toten hätten nach Blut und Exkrementen gestunken. In rasender Fahrt und ohne jede Beleuchtung sei er mehrfach zum Krankenhaus und zurück gefahren. Auf einer der Fahrten sei er dann frontal mit einem ebenfalls unbeleuchteten anderen IS-Krankenwagen zusammengestoßen. Er sei dabei verletzt worden, habe den Unfall aber überlebt, weil er angeschnallt gewesen sei. Nach diesem "glorreichen Einsatz" sei er als Krankenwagenfahrer ausgemustert worden und habe damit rechnen müssen, tatsächlich als Kämpfer an die Front geschickt zu werden.

Über die Türkei zurück nach Deutschland

Er habe dann den Entschluss zur Flucht gefasst. Doch um von Syrien aus in die Türkei zu kommen habe er sein doppeltes Spiel auf die Spitze treiben müssen: Nach außen gläubiger IS-Anhänger, in Wahrheit aber schon auf Distanz und auf der Flucht. Auf Facebook und in Chats habe er sich linientreu gegeben, dann sei er aber unerlaubt in Richtung türkische Grenze aufgebrochen. Ohne Passierschein des IS. An Checkpoints habe er die Kontrolleure überrumpelt, indem er einfach in die Offensive ging. "Du sitzt hier in deiner sicheren Kontrollstelle und ich komme aus dem Kampf", habe er ihn angeherrscht und seine Unfall-Verletzungen vorgezeigt. Damit sei er durchgekommen. "Ich hatte viel Glück", sagt Ayoub B. heute.

Mit weiteren Wirrungen schaffte er es dann über die Grenze in die Türkei, wo er immer noch Angst hatte aufzufliegen, "schließlich hatte ich immer noch meine Alladin-Hosen und die Gummilatschen an". Doch dort traf er seinen Vater, der ihn nach Wolfsburg zurück brachte. "Ich will mit dem IS nichts mehr zu tun haben", ließ er gestern erklären.

Zweifel an der Aussage

Die Bundesanwaltschaft glaubt ihm das nicht. Sie wirft Ayoub B. und Ebrahim H.B. nicht nur das Mitwirken in einer terroristischen Vereinigung vor, sondern glaubt auch, dass sie nach Deutschland zurückgekehrt sei, "ohne dass sie die Übereinstimmung mit den Zielen des IS aufgegeben" hätten. Bei Ayoub B. nehmen sie unter anderem zum Anlass, dass er bei seiner Verhaftung laut "Allahu akbar" (Gott ist groß) gerufen habe. Gegen ihn spricht unter anderem auch, dass er Ende April im Gefängnis Maschinengewehrgeräusche und religiösen Singsang intoniert habe. Das sei nur geschehen, weil er unter der Isolationshaft gelitten und ausgerastet sei, erklärte Ayoub B. dazu am Montag.

Ebrahim H.B. will dazu vor Gericht noch eine Erklärung abgeben, er hat sich aber in einem Interview schon vom IS distanziert. Ayoub B. würde am liebsten alles vergessen, "und da wieder ansetzen, wo ich im Mai 2014 aufgehört habe." Er wisse aber, dass das nicht gehe, "auch wenn es mein sehnlichster Wunsch ist."

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