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Vom Terror gezeichnet

Ein Jahr nach "Charlie Hebdo" Vom Terror gezeichnet

Der Anschlag auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" vor einem Jahr hat die Karikaturisten-Szene verändert – aber nicht entmutigt. Zum Jahrestag des Attentats erscheint 'Charlie' mit einer Titelseite, die wieder für Aufruhr sorgt.

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"Ein Jahr danach – der Mörder ist immer noch auf freiem Fuß": Die neueste "Charlie Hebdo"-Ausgabe zum Jahrestag der Anschläge in Paris.

Quelle: afp

Hannover. Sie haben es wieder getan. Mit einem Bild von Gott als Mörder auf dem Titelblatt ist die französische Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" am Mittwoch erschienen. Der Protest kam prompt: Mit dieser Zeichnung würden die Gefühle von Gläubigen verletzt, unabhängig von ihrer Religion, zürnt der Vatikan.

Provozieren und Protestieren

Wieder haben sich alle an die Choreografie gehalten: Die Satiriker provozieren, die Provozierten protestieren. So vorhersehbar dieser Tanz ist, es liegt etwas sehr Tröstliches darin: Selbst die blutige Attacke auf die "Charlie Hebdo"-Redaktion heute vor einem Jahr hat das Team aus Paris offenbar nicht resignieren lassen.

Kompromisslos, respektlos und offenbar auch furchtlos haben die Karikaturisten ihre Sonderausgabe zum Jahrestag des Terrorakts gestaltet. "Ein Jahr danach – der Mörder ist immer noch auf freiem Fuß" steht auf Französisch neben der Zeichnung eines bärtigen Gottes im blutigen Gewand. Auf dem Rücken trägt er ein Schnellfeuergewehr – mit genau solchen Waffen hatten die Brüder Chérif und Saïd Kouachi am 7. Januar 2015 in den Räumen von "Charlie Hebdo" elf Menschen erschossen. "Bei 'Charlie' stellen wir die Idee Gottes selbst infrage", sagt Zeichner und Chefredakteur Laurent "Riss" Sourisseau, der bei dem Anschlag selbst schwer verletzt wurde. "'Charlie' muss dort sein, wo die anderen sich nicht hintrauen."

"Ein bisschen selber schuld"

Dennoch: Gott als Mörder? Selbst unter denen, die keiner Religion angehören, gibt es Zweifel daran, dass Satire wirklich auf gar nichts Rücksicht nehmen sollte. Auch die "Hebdo"-Redaktion konnte nicht allzu lange von ihrem Opfer-Bonus zehren. Wenige Wochen nach dem Gemetzel von Paris kippte die öffentliche Stimmung von vorbehaltloser Solidarität zu missbilligendem Kopfschütteln, erinnert sich Martin Sonntag. "Es hat nicht lange gedauert, bis es hieß, man müsse doch nicht ganz so krass provozieren – und wer es dennoch tue, sei auch ein bisschen selber schuld", sagt der Leiter der "Caricatura" in Kassel.

Weder für die Museumsleute noch für die Zeichner, mit denen Sonntag zu tun hat, ist voraus­eilende Zurückhaltung aber eine Option, Terrorismus hin oder her. "Niemand hier hat eine Schere im Kopf, es wird zwar viel darüber diskutiert, was ein Zeichner darf und soll, aber keiner erlegt sich künstlich Beschränkungen auf", versichert Sonntag.

Ähnliches berichtet "Titanic"-Chefredakteur Tim Wolff. "Wir machen, worauf wir Bock haben", sagt er auf die Frage nach der Befindlichkeit in seinem Team. Im Übrigen hätten die jüngsten Terroranschläge von Paris gezeigt, dass sich die Bedrohung nicht auf Satiriker beschränkt: "Wir haben gesehen, dass es schon reicht, im Straßencafé zu sitzen, um erschossen zu werden, warum sollen wir also mehr Angst haben als andere?"

Leben wie im Krieg

Besondere Sicherheitsvorkehrungen gibt es für die "Titanic"-Redaktion ebenso wenig wie Zurückhaltung bei der Themenauswahl und -umsetzung. Immerhin habe man sich in der Zeit nach "Charlie Hebdo" "etwas intensiver" mit dem Koran beschäftigt, scherzt Wolff: "Jeder hat ungefähr zwei Seiten gelesen, was deutlich mehr sein dürfte, als die meisten sogenannten Islamisten kennen."

Achim Frenz, "Titanic"-Mitherausgeber und zugleich Leiter der Frankfurter "Caricatura", erinnert sich gleichwohl an die erste Redaktionssitzung nach dem Pariser Attentat im Januar. "Wir saßen alle um den Tisch, als es plötzlich an der Tür klingelte – und zum ersten Mal sprang nicht sofort einer von uns auf, um zu öffnen", sagt er. Diese Sekunde des Zögerns habe sehr deutlich gemacht, wie angespannt man war. Kurz darauf seien aber schon wieder Witze gemacht worden, alles war wie immer – "und das wollen wir auch genau so", betont Frenz. Allerdings müsse sich jeder über eines klar sein: "Im Prinzip leben wir im Krieg."

Neue Redaktion schwer gesichert

Die Karikaturisten von "Charlie Hebdo" führen diesen Krieg mit unveränderter Konsequenz. "Für uns kommt Selbstzensur nicht infrage, sonst haben sie gewonnen", sagt Finanzdirektor Eric Por­theault. Die rund 20-köpfige Redaktion, nach dem Anschlag zunächst bei der Tageszeitung "Libération" untergekommen, hat inzwischen ein neues Gebäude bezogen – die Adresse ist geheim, die Räumlichkeiten sind schwer gesichert.

Finanziell steht die früher chronisch klamme Satirezeitung inzwischen auf soliden Füßen, 20 Millionen Euro sind in den Kassen. Der Streit um die Verwendung dieses unverhofften Reichtums ist inzwischen auch weitgehend beigelegt, die meisten Mitarbeiter sind geblieben, "Charlie Hebdo" musste jedoch im Herbst den Abgang des bekannten Zeichners Luz verkraften.

"Die Attentate dieser Wahnsinnigen haben letztlich dazu geführt, dass sich gerade Satiriker ihres eigenen Seins und Tuns noch bewusster geworden sind", formuliert es WP Fahrenberg. Der Ausstellungsmacher, Kunsthistoriker und Initiator des Satirepreises "Göttinger Elch" sieht bei vielen Karikaturisten den ehrlichen Versuch, die Motive der Terroristen zu begreifen. Zugleich seien sie aber der festen Überzeugung, dass sie sich angesichts solcher Bedrohung noch intensiver für Recht und Freiheit einsetzen müssten. "Somit haben die Täter ihre Ziele nicht erreicht und werden sie auch in Zukunft nicht erreichen."

Seyfried bleibt sich treu

Der globale Krieg gegen den Terror ist längst auch zur Angelegenheit Deutschlands geworden – Gerhard Seyfrieds Cartoon von 2014 hat nach dem "Charlie Hebdo"-Attentat wieder neue Aktualität erlangt. "Für mich persönlich hat sich seit dem schrecklichen Anschlag allerdings nichts verändert", sagt der Berliner Zeichner, Schriftsteller und Historiker. Mit dem Übertreten von "Das tut man nicht"-Linien hat der Erfinder von "Freakadellen und Bulletten" reichlich Erfahrung. Ob es um Obrigkeit, Drogenkonsum oder Regelwut geht, der 67-Jährige legt den Finger am liebsten mitten in die Wunde. Vor den Anschlägen von Paris ebenso wie seitdem.

Mette sieht neuen Respekt

Wie gefährlich ist der eigene Standpunkt? Für Til Mette stellt sich die Frage nicht unbedingt. Er hat nach dem Terror von Paris einen ganz anderen Effekt ausgemacht. "Seit den Mohammed-Karikaturen und dem Anschlag auf 'Charlie Hebdo' werden wir Zeichner ernster genommen", sagt er. Weltweit habe sich die Lage der Karikaturisten verschlechtert, im deutschsprachigen Raum jedoch habe sie sich verbessert. "Wir haben eine unglaubliche Aufwertung erfahren", erklärt Mette. In den Neunzigern hätten die Fernsehkomiker die Karikatur verdrängt. "Aber jetzt haben wir das Stigma des Witzzeichners verloren."

Ottitsch: Wir sind befangen

Mit falschen Propheten fackelt der Wiener Zeichner  Oliver Ottitsch nicht lange. Auch die Anschläge auf die französischen Kollegen hätten seine Art zu arbeiten nicht verändert, sagt er. "Komplette Unbefangenheit hat es sowieso nie gegeben, Gesellschaftskommentatoren wie etwa Karikaturisten, die meinen, einen Standpunkt vertreten zu müssen, sind immer auch damit beschäftigt, ihr eigenes Weltbild unversehrt in den kommenden Tag hinüberzuretten." Die illusionszersetzende Kraft des Humors sieht Ottitsch dadurch belegt, dass "selbst Weltreligionen Angst davor bekommen". Wenn dies helfe, selbst ernannte Autoritäten zu entzaubern, geschehe es zu Recht.

Debatten in Hannover

  • "Lachen auf Französisch" ist der ­Titel einer Schau, in der das Wilhelm-Busch-Museum vom 9. Juli bis zum 6. November "Karikaturen von Honoré Daumier bis Charlie Hebdo" zeigen will. Bereits 2015 hatte das Museum im Internet eine Ausstellung über "Charlie Hebdo" gestartet.
  • "Karikatur und Terror" ist das Thema eines Herrenhäuser Forums für Zeitgeschichte, das das Museum am Montag, 11. Januar, um 19 Uhr mit der Volkswagenstiftung im Schloss Herrenhausen veranstaltet. Zu den Referenten gehören der Kunsthistoriker Prof. Michael Diers und der Medienwissenschaftler Asiem El Difraoui.

Von Stefanie Gollasch und Christoph Oppermann

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