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Egon Bahr – der Unterhändler

Nachruf Egon Bahr – der Unterhändler

Ohne Frieden ist alles nichts. So lautete Zeit seines Lebens eine der Maximen Egon Bahrs. Er prägte den Begriff der „Politik der kleinen Schritte“. Jetzt ist das SPD-Urgestein im Alter von 93 Jahren gestorben. Ein Nachruf von Reinhard Urschel zum Tode des früheren Bundesministers.

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Er prägte den Begriff der "Politik der kleinen Schritte": SPD-Urgestein Egon Bahr ist tot.

Quelle: dpa

Berlin. Am Ende seines Lebens ist Willy Brandt von seinem Sohn Lars gefragt worden, wer seine Freunde gewesen seien. Der greise Altkanzler hat einen einzigen Namen genannt: „Egon“. Mehr nicht. Egon Bahr also, der Entspannungspolitiker, der Unterhändler, der getreue Eckehardt, das „Alter Ego“ von Willy Brandt. Der eine ist ohne den anderen kaum denkbar. Man darf es sogar so formulieren, wie Brandt es selbst getan hat, nämlich dass der Friedensnobelpreis zu einem guten Stück auch Egon Bahr gebührte. Die erste seiner Maximen lautete Zeit seines Lebens: Ohne Frieden ist alles nichts.

Egon Bahr gilt als Baumeister der deutschen Ostpolitik. Die Karriere des 1922 im thüringischen Treffurt geborenen SPD-Politikers war eng mit dem ersten SPD-Bundeskanzler Willy Brandt verknüpft.

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Das hat nicht allen gefallen im Deutschland des Kalten Krieges, weil es bedeutete, im Zweifel mit Kommunisten zu verhandeln, die die Menschenrechte missachteten. Für die Ostverträge mit der Sowjetunion, Polen, der DDR und der CSSR spendete die Welt Beifall, während in der Bundesrepublik vom „Ausverkauf deutscher Interessen“ und von „Vaterlandsverrat“ die Rede war. Mittendrin stand seinerzeit Egon Bahr mit seiner Formel „Wandel durch Annäherung“, die ursprünglich lediglich eine Überschrift über einen Vortrag vor dem Politischen Club der Evangelischen Akademie in Tutzing im Jahr 1963 war. Ein kleines Apercu, das das Verhältnis der beiden deutschen Staaten langsam, aber nachhaltig, veränderte. Das Hineinversetzen in die Denkweise des Anderen, das Dialektische, das Diskursive steckte tief in ihm drin, dafür hat er enorm heftige politische Prügel bezogen. Der – körperlich – kleine Mann hat sie ausgehalten.

Egon Bahr wird 1922 in Thüringen geboren, in Treffurt an der Werra. Die Mutter ist Bankbeamtin, der Vater Lehrer. Er muss ein weitsichtiger Mann gewesen sein, denn er habe, berichtet der Sohn später, bereits 1933 gewusst, dass Hitlers Machtergreifung Krieg bedeuten werde. Als die Nazis von Bahrs Vater verlangen, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen, gibt er lieber den Beruf auf. Die Bahrs ziehen nach Berlin, wo der junge Egon 1940 in Friedenau sein Abitur macht.

„Unangefochtene demokratische Überzeugung“, schreibt Bahr in seiner Autobiographie „kann ich mir im Rückblick nicht bescheinigen.“ Er findet manches gut, was „der Adolf“ macht und auch als Schütze an der Flak ist er vom Krieg zunächst nicht entsetzt. Das Entsetzen über die eigene kriegerische Empfindungslosigkeit kommt erst später. Es ist ein Prozess, die Desillusionierung der Generation der um 1920 Geborenen vollzieht sich in Etappen. Eine Zeiterscheinung, die in ähnlicher Weise auch Helmut Schmidt erlebt und beschrieben hat.

Als die NS-Behörden entdecken, dass der Fahnenjunkerunteroffizier Bahr mütterlicherseits jüdische Wurzeln hat, wird er 1944 als „wehrunwürdig“ aus der Wehrmacht entlassen. Diese Erfahrungen tragen dazu bei, dass der junge Bahr entgegen seinen jugendlichen Irrungen ein politisches Bewusstsein ausbildet, eine Haltung, einen Lebensantrieb: Nie wieder darf so etwas passieren, sagt er sich, „nie wieder“. Die Generation, der Bahr angehört, muss nach dem Krieg das zerstörte Land wieder aufbauen. Bahr wäre gerne Musiker geworden, aber die Aussichten waren düster. „Ich bildete mir ein, schreiben zu können“, hat er im Alter seine Berufswahl demütig umschrieben, keine schlechte Selbsteinschätzung.

Chefredakteur beim RIAS

Er schreibt für verschiedene Zeitungen und landet schließlich beim RIAS, dem „Rundfunk im amerikanischen Sektor“. Rasch steigt er zum Chefredakteur auf, er ist eine bekannte politische Stimme West-Berlins. Sein Lebensthema drängt sich ihm förmlich auf, schließlich spielt es unmittelbar vor der Studiotür: die Teilung Berlins und Deutschlands, die deutsche Frage also. Bahr fühlt sich zur SPD Kurt Schuhmachers hingezogen, weil sie es, so gibt er später als Begründung an, als einzige Partei ernst meint mit der Deutschen Einheit. 1956 tritt er in die Partei ein, vier Jahre später engagiert ihn der Regierende Bürgermeister Willy Brandt von seiner Korrespondentenstelle in Bonn weg als Pressesprecher des Berliner Senats und entdeckt, dass der mitunter scheu wirkende Mann nicht bloß ein fähiger und diskreter Vermittler ist, sondern auch konzeptionelle Kühnheit und diplomatisches Gespür besitzt.

Seit dieser Zeit bilden Bahr und Brandt gewissermaßen eine politische Einheit. 1966 begleitet er seinen Freund und Chef bei der Bildung der Großen Koalition ins Auswärtige Amt. Von 1969 an dient er ihm im Bundeskanzleramt. Von 1972 bis 1990 ist Bahr auch Mitglied des Deutschen Bundestages. Die Ära Brandt-Scheel beschert der erwachsen gewordenen Bundesrepublik eine neue Ostpolitik, heftig umstritten und mit großen Gefühlen belastet.

Auch wenn Willy Brandt als Gestalter der Ostpolitik in die Geschichtsbücher eingeht, in jener Zeit ist Egon Bahr ihr Gesicht, wenn er von Reportern bedrängt aus den Verhandlungen mit dem DDR-Unterhändler Michael Kohl („Rotkohl“) oder dem sowjetischen Außenminister Andrej Gromyko scheinbar nur Floskeln berichtet.

„Politik der kleinen Schritte“

Er lässt alle Welt im Unklaren über den Stand der Dinge, zumindest die Welt, die ihn seiner Meinung nach hätte behindern können. Im Hintergrund treibt Bahr die Ostpolitik wie ein Geheimdiplomat des 19. Jahrhunderts voran. Er operierte und sondierte über Geheimkanäle, was er nur deshalb kann, weil er das uneingeschränkte Vertrauen des Bundeskanzlers besitzt. Für sein Vorgehen prägt Bahr den Begriff „Politik der kleinen Schritte“. Euphorisch wird er nie, im Gegenteil. Die Eröffnung Ständiger Vertretungen der beiden deutschen Staaten in Bonn und Ost-Berlin kommentiert Bahr 1972 mit dem Satz: „Früher hatten wir keine Beziehungen zur DDR, jetzt haben wir wenigstens eine schlechte.“

Zu den bleibenden Erinnerungen der Bonner Jahre gehören die Bilder des weinenden Egon Bahr. Als am 7. Mai 1974 der wegen der Guillaume-Affäre aus dem Amt geschiedene Bundeskanzler vor die SPD-Fraktion tritt und Herbert Wehner mit einem Blumenstrauß in der Hand in den Saal bellt „Willy, wir alle lieben Dich!“, sackt Bahr in sich zusammen. Er ist nicht der einzige im Raum, der weiß, dass die Worte aus dem Mund dieses Mannes nichts als reine Heuchelei sind.

In seinem Erinnerungsbuch über Brandt nennt Bahr die SPD-Ikone Wehner einen „Verräter“. Gemeinsam mit Erich Honecker habe er die Zweistaatlichkeit Deutschlands zementieren wollen, die deutsche Einheit sei in seinem Weltbild nicht vorgesehen gewesen. In den achtziger Jahren vertritt Bahr selbst dann die Auffassung, es könne niemals einen Friedensvertrag für Deutschland als Ganzes geben, es könne letztlich nur „um zwei Friedensverträge für die beiden deutschen Staaten gehen“.

Dem Schattenmann Bahr gelingt es zeitlebens weitgehend, sein Privatleben privat zu halten. Von seiner ersten Frau Dorothea, die er 1945 geheiratet hat, trennt er sich 1977, bleibt aber mit ihr bis zu ihrem Tod 2011 verheiratet. Im selben Jahr heiratet er die fünfzehn Jahre jüngere Adelheid Bonnemann-Böhner, mit der er seit 2002 zusammenlebt. Die Wissenschaftlerin im Ruhestand war von 1974 bis 2001 Professorin am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Kiel und 1981 deren erste Dekanin.

Bahr erwähnt das in seinen Erinnerungen mit einigem Stolz. „Meine Lebensgefährtin hat mir einen schriftlichen Heiratsantrag gemacht und dem konnte ich, nach einigem Nachdenken, nicht widerstehen, zumal ihre Mutter 105 Jahre alt geworden ist, sodass ich einigermaßen sicher sein kann, dass meine Frau mich überlebt.“

Von der Antwort Willy Brandts auf die Frage nach seinen Freunden erfährt Bahr erst nach dem Tod seines Mentors. Er lässt sie nicht unkommentiert: „Das ist für mich der höchste Orden, den ich je bekommen habe.“

 

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