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Nato steht in Kundus vor einem Scherbenhaufen

Fataler Fehlschlag Nato steht in Kundus vor einem Scherbenhaufen

Es ist wahrscheinlich einer der schlimmsten Fehlschläge der Nato in Afghanistan. Ein Krankenhaus wird bombardiert, Mindestens 19 Menschen sterben. Im nordafghanischen Kundus herrscht weiter Chaos. Wie soll es nun mit dem internationalen Afghanistan-Einsatz weitergehen?

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Mitarbeiter des Krankenhauses suchen nach den Angriffen Schutz in einem unversehrten Gebäudeteil.

Quelle: MSF Handout/dpa

Kundus/Berlin. Krankenpfleger Lajos Zoltan Jecs hat in der vergangenen Woche viele Schüsse und Explosionen gehört. Aber der Knall und die Erschütterung, die ihn Samstagnacht gegen 2 Uhr aus dem Schlaf reißen, sind damit nicht annähernd vergleichbar. "Zunächst verstand ich nicht, was passierte", sagt er später. Eine Bombe nach der anderen fällt in dieser Nacht auf die Klinik der internationalen Hilfsorganisationen "Ärzte ohne Grenzen" im nordafghanischen Kundus.

Neben Jecs befinden sich zu diesem Zeitpunkt rund 80 Helfer und 105 Patienten in der Klinik. Der Horror dauert eine Stunde und sieben Minuten. Als Jecs anschließend auf die Intensivstation kommt, sieht er sechs Patienten in ihren Betten brennen. Der Operationssaal ist völlig verwüstet. Mitten im Chaos liegt ein Patient auf dem Operationstisch – tot. "Ich habe keine Worte um auszudrücken, wie schrecklich es war", sagt der Krankenpfleger.

Die Bomben töten mindestens zwölf Helfer und sieben Patienten. Alles deutet darauf hin, dass die Sprengkörper von Militärflugzeugen der US-Luftwaffe abgeworfen wurden. "Ärzte ohne Grenzen" berichtet von gezielten Angriffen auf das zentrale Krankenhausgebäude. Es sei bei jedem Angriff sehr präzise getroffen worden, umliegende Gebäude dagegen fast unbeschädigt geblieben.

Die Organisation gibt in Kriegsgebieten routinemäßig die Koordinaten ihrer Krankenhäuser an alle Konfliktparteien weiter. Das geschah auch in Kundus zuletzt am 29. September, einen Tag, nachdem die radikalislamischen Taliban in die Stadt mit ihren 300.000 Einwohnern einmarschierten und die zentralen Gebäude einnahmen.

Ein tragischer Irrtum also? Die US-Streitkräfte äußern sich zehn Stunden nach dem Bombardement erstmals in hölzernem Militärjargon. Die Aktion sei gegen "Individuen" gerichtet gewesen, die die US-Streitkräfte bedroht hätten, heißt es in der Erklärung eines Sprechers. "Der Angriff könnte Kollateralschäden an einer nahegelegenen medizinischen Einrichtung zur Folge gehabt haben."

Kollateralschaden ist ein Begriff, der von der Nato während des Kosovo-Kriegs geprägt wurde. Schon damals war er heftig umstritten, weil er den Tod von Menschen verharmlost und verschleiert. Aus dem deutschen militärischen Sprachgebrauch ist er inzwischen praktisch verschwunden.

Am Samstagabend schaltet sich US-Präsident Barack Obama ein, verweist aber nur auf die noch laufenden Untersuchungen. "Wir werden die Ergebnisse dieser Ermittlung abwarten, ehe wir die Umstände dieser Tragödie abschließend beurteilen", sagt er.

Wenn sich bestätigt, dass US-Militärmaschinen die Bomben abwarfen, ist es einer der schlimmsten Fehlschläge der Nato-Streitkräfte in 14 Jahren Afghanistan-Einsatz. Einen ähnlichen Schock löste vor sechs Jahren das Bombardement zweier Tanklaster bei Kundus auf deutschen Befehl aus. Mehr als 100 Menschen wurden damals getötet, die genaue Zahl ist bis heute unklar.

Damals befand sich die Nato aber in einer offenen kriegerisches Auseinandersetzung mit den Taliban. Das ist heute anders. Seit Ende 2014 gilt der Kampfeinsatz der internationalen Truppen offiziell als beendet. Die Verantwortung für die Sicherheitslage liegt komplett bei den Afghanen.

Die Nato ist nur noch zur Beratung und Ausbildung im Land. Kämpfen darf sie eigentlich nur noch, wenn ihre eigenen Kräfte angegriffen werden. So werden auch US-Luftschläge wie die in Kundus begründet. Das wirkt aber wie eine Hilfskonstruktion, um die afghanischen Streitkräfte weiterhin aktiv unterstützen zu können.

Und was macht die Bundeswehr? Die deutschen Soldaten waren einst für Kundus verantwortlich. Deutsche Truppen haben die Taliban in den Jahren 2010 und 2011 aus der Unruheprovinz zurückgedrängt. Viele der 55 deutschen Soldaten, die Afghanistan ums Leben gekommen sind, starben hier im Gefecht oder durch Sprengstoffanschläge.

Jetzt sitzen noch 720 deutsche Soldaten in einem Camp im 150 Kilometer entfernten Masar-i-Scharif und müssen mit ansehen, wie Kundus im Chaos versinkt. Erstmals seit 14 Jahren ist es den Taliban dort gelungen, eine Provinzhauptstadt zumindest vorübergehend zu erobern. Ausrichten können die deutschen Soldaten nichts. Für Kampfeinsätze fehlt ihnen das Bundestagsmandat.

Trotzdem wird nun über eine Verlängerung des Einsatzes diskutiert. Am Donnerstag werden die Nato-Verteidigungsminister in Brüssel beraten, wie es nun weitergehen soll. Die Ausbildungs- und Beratungsmission war eigentlich zunächst auf zwei Jahre angelegt, also bis Ende 2016. Bereits Anfang 2016 sollte der Rückzug aus der Fläche in die Hauptstadt Kabul erfolgen.

Verteidigungsminister Ursula von der Leyen (CDU) hat bereits mehrfach vor einem überstürzten Abzug gewarnt. Eine Verlängerung wird aber einzig und alleine von den Amerikanern abhängen, die den überwiegenden Teil der Afghanistan-Truppe stellen. 

Von Michael Fischer/dpa

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