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Niger droht Hungerkatastrophe

Dürre in Afrika Niger droht Hungerkatastrophe

Der bettelarme Niger leider unter der Dürre in der Sahelzone wie kaum ein anderes Land. Bei 40 Grad beackern die Menschen die ausgedörrten Felder. Für die Zukunft gibt es schon Projekte. Aber wie kann eine Hungerkatastrophe jetzt noch verhindert werden?

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Im Rahmen des „Cash for Work“-Programms arbeiten Männer bei 40 Grad auf einem Feld in der Nähe von Maradi.

Quelle: dpa

Niamey/Maradi. Der heiße Wüstenwind wirbelt Unmengen an Müll und Plastikfetzen auf. Aus der verdörrten Erde ragen wenige knochige Bäume, während sich die Sonne schwach durch den von Sand und Staub verhangenen Himmel kämpft. Auf dem Weg von der Stadt Maradi im extremen Süden des Nigers in die umliegenden Dürregebiete ändert sich am tristen Landschaftsbild stundenlang kaum etwas. „Wie können hier überhaupt Menschen leben?“, fragen sich Besucher in diesem Teil der von einer furchtbaren Dürre heimgesuchten Sahelzone unvermittelt. Doch plötzlich tauchen wie aus dem Nichts Hunderte Menschen am Rand der Sandpiste auf, die in regelmäßigen Bewegungen ein Feld beackern.

Die Männer und Frauen gehören zum sogenannten „Cash for Work“-Programm (CfW), das das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) gemeinsam mit mehreren Partnerorganisationen durchführt. Ziel ist es, von der Krise besonders schlimm betroffene Familien im Gegenzug für zukunftsorientierte Nebentätigkeiten mit Bargeld zu versorgen. „Ohne dieses Programm wäre ich wahrscheinlich nach Nigeria gegangen, um zu versuchen, dort Geld zu verdienen“, sagt Dorfchef Garba Moussa.

Dabei weiß der 47-Jährige, dass die politische Situation im Nachbarland prekär ist und die islamische Sekte Boko Haram dort immer wieder blutige Anschläge verübt. Aber einen anderen Ausweg hätte es für den Vater von acht Kindern kaum gegeben. Stattdessen schwingt er nun sechsmal die Woche täglich vier Stunden lang einen Rechen, um das Feld für die Saat von Tierfutter zu präparieren. 25.000 CFA-Franc (etwa 40 Euro) verdient er sich so monatlich dazu.

In einem anderen Ort, Guidan Kaché, haben die Bewohner hingegen für bares Geld eine 3,8 Kilometer lange Straße gebaut, die das Dorf mit der Hauptstraße verbindet. So können die Bewohner fortan auch in der Regenzeit nahe liegende Märkte erreichen und sind nicht mehr von der Außenwelt abgeschnitten.

Lariya Sabiou ist eine der Frauen, die von dem Projekt profitiert. Aber das Geld reicht trotzdem vorne und hinten nicht, um ihre sechs Kinder und den Rest der Familie durchzubringen. Ihr Mann ist schon vor Monaten nach Nigeria gegangen. „Er war schon in den vergangenen Jahren immer mal wieder dort, aber dieses Mal schickt er kein Geld, und ich bin sehr besorgt um ihn“, erzählt sie mit Tränen in den Augen.

Einer der ärmsten Staaten der Welt

Der Niger im April 2012. Das Land, das ohnehin eines der ärmsten Staaten der Erde ist und auf dem UN-Entwicklungsindex einen der ganz unteren Plätze belegt, leidet vielleicht mehr als jedes andere unter der derzeitigen Dürrekrise. „Früher kamen solche Dürren alle fünf bis zehn Jahre, nun war aber die letzte erst 2010, und die Leute hier haben sich davon noch lange nicht erholt“, erläutert Rodrigo Ordóñez von der Hilfsorganisation CARE. Und Klimaexperten zufolge wird die Sahel künftig regelmäßig mit solchen Krisen zu kämpfen haben.

Zudem sind seit vergangenem Oktober die Lebensmittelpreise stark gestiegen, während gleichzeitig die Preise für Vieh abgestürzt sind. Die Menschen sind hin- und hergerissen, ob sie ihre Tiere - die oft das einzige Eigentum darstellen - überhaupt noch verkaufen sollen, denn mit Ziegen und Kühen macht man derzeit kaum noch Profit.

Der Unterschied zur verheerenden Hungerkrise am Horn von Afrika 2011 ist Experten zufolge, dass eine Katastrophe in Westafrika gerade noch verhindert werden kann. Aber die Zeit wird knapp. Zwar wurden die Alarmglocken schon früh geläutet, und internationale Hilfe kam schnell. Aber nun gehen die Mittel zur Neige. Und die nächste Ernte wird erst im Oktober eingefahren - vorausgesetzt, der heiß ersehnte Regen lässt die Nigrer nicht schon wieder im Stich.

„Wir haben noch ein Zeitfenster bis Ende Mai, um genügend Getreide ins Land zu bringen“, sagt WFP-Länderdirektorin Denise Brown. Da die Helfer lokal kaum etwas einkaufen können, dauert es in einem Land ohne Meerzugang mehr als zwei Monate, um Hilfsmittel zu den Bedürftigen zu schaffen. Wenn jetzt keine finanzielle Unterstützung kommt, werden laut Brown „alle Erfolge, die wir seit November erzielt hatten, zunichtegemacht werden“.

200 Millionen Dollar fehlen

Von den 15 Millionen Nigrern werden bis Oktober rund drei Millionen dringend Hilfe brauchen. Das kostet Geld, insgesamt braucht allein das WFP 320 Millionen Dollar (242 Millionen Euro). „Aber davon fehlen uns noch fast 200 Millionen“, warnt der Chef des deutschen WFP-Büros, Ralf Südhoff, der sich nun selbst vor Ort ein Bild von der Lage machte. Es seien nur noch vier Wochen Zeit, bis die Krise zur Katastrophe wird, mahnt er.

Immerhin, politisch tut sich was in dem bettelarmen Land. Nach dem Militärputsch im Februar 2010 wurde Mahamadou Issoufou im April vergangenen Jahres als Präsident vereidigt. Anders als seine Vorgänger macht er keinen Hehl aus der kritischen Lage und versucht tatkräftig, die Zukunft des Nigers in eine neue Richtung zu lenken. „Der neue Präsident ist sehr besorgt über die Situation, und es ist eine seiner Prioritäten, die Basis für Ernährungssicherheit im Land aufzubauen“, erläutert der Hohe Kommissar der Regierung für das Programm „3N“, Amadou Allahoury Diallo.

Hinter der Abkürzung verbirgt sich die Initiative „Nigeriens Nourish Nigeriens“, also „Nigrer ernähren Nigrer“. Innerhalb der nächsten fünf Jahre will Issoufou zusammen mit seinen Beratern den Hunger-Kreislauf durchbrechen und die Bewässerungssysteme in der Landwirtschaft und den Zugang zu Märkten verbessern, Getreidespeicher errichten und die natürlichen Ressourcen stärker nutzen. Das öl- und uranreiche Land plant, selbst einen großen Teil der hierfür nötigen 1,5 Milliarden Euro aufzubringen und bis zu 20 Prozent des Gesamtbudgets in die Landwirtschaft zu investieren.

Aber all dies ist derzeit noch Zukunftsmusik. Die Krise ist jetzt. Und die Menschen leiden. Zwischen Plastikfetzen und knorrigen Sträuchern versuchen sie zu retten, was zu retten ist. Ihr Leben, und das Leben ihrer Familien. „Aber oft muss ich meine Kinder mit leerem Magen in die Schule schicken, weil ich nichts für sie zum Frühstück habe“, sagt Dorfchef Moussa. Dann nimmt er seinen Rechen, wischt sich den Schweiß von der Stirn und geht zurück aufs Feld.

dpa

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