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Deutschland / Welt Olaf Glaeseker gibt sein Amt auf
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Olaf Glaeseker gibt sein Amt auf
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08:29 23.12.2011
Von Klaus Wallbaum
Hannover/Berlin

Ziemlich eigenbrötlerisch kann er sein. Dann gibt es Phasen, in denen er tagelang abtaucht, nicht ans Telefon geht und schweigt. Auch im kleinen Kreis und gegenüber denen, die zu seinen Mitstreitern zählen.

Diese Phasen hat es in den vergangenen zwei Wochen seit Beginn der Wulff-Affäre wieder gegeben. Enge Mitstreiter wollten den Sprecher des Bundespräsidenten erreichen, mit ihm reden. Doch Olaf Glaeseker schottete sich ab, brütete im stillen Kämmerlein. Womöglich hat er schon seit Tagen über seinen Rückzug nachgedacht, weil die Affäre von ihm nicht mehr beherrscht werden konnte, sondern ausuferte. Denn empfindlich und verletzlich ist der stämmige Mann, der in seiner Jugend erfolgreicher Mehrkämpfer und Niedersachsen-Meister im Weitsprung war, immer gewesen. Da war er als Mensch ganz anders als das Bild, das er öffentlich abgab – anders als der abgeklärte Profi, der sich durch nichts erschüttern lässt, selbst im größten Chaos noch den Überblick behält und immer sagt: „Nun mal ruhig, alles wird gut.“

Den Überblick hatte Glaeseker womöglich schon länger verloren, und vielleicht lag das an seiner falschen Einschätzung des Medienbetriebs. Eine Variante, die in Berlin und Hannover erzählt wird, lautet: Als im Jahr 2010 Journalisten  Gerüchten nachforschten, bei Wulffs Hauskauf sei einiges nicht mit rechten Dingen zugegangen, wollte Glaeseker auf die gewohnte Weise vorgehen: im kleinen Kreis ausgewählte Journalisten informieren – in der Erwartung, dass dieses Entgegenkommen mit Zurückhaltung in der Berichterstattung belohnt wird, sollte sich der vermutete Skandal als Skandälchen erweisen. Dass nicht AWD-Gründer Carsten Maschmeyer der Kreditgeber Wulffs war, wie viele vermutet hatten und dahinter eine Amigo-Affäre witterten, hätte dann von den Medien als Entwarnung aufgefasst werden können. Doch es kam anders: Der Name des wirklichen Geldgebers Egon Geerkens, eines eigentlich uninteressanten alten Freundes von Wulff, gab den Medien Anlass für bohrende Nachfragen und für kritische Darstellungen.

Es wurde gesucht und gefunden, etwa in halbwahren Antworten des damaligen Ministerpräsidenten Wulff im Landtag. Vermutlich hatte Glaeseker gehofft, die Medien würden auf Geerkens nicht richtig anspringen. Als er dann vor zehn Tagen merkte, dass er sich getäuscht hatte, war es zu spät. „Bild“, „Spiegel“ und „stern“ lieferten sich jetzt einen Wettlauf bei der Suche nach weiteren schwarzen Flecken auf Wulffs weißer Weste. Und Glaeseker, der den Medienbetrieb begreift als Spiel des Gebens und Nehmens, der gern Informationen gesteckt und sich damit auch Wohlwollen erkauft hat, wurde von einer medialen Welle zur Seite gedrückt. „Spätestens seit Donnerstag war ihm klar, dass er das nicht mehr beherrschen kann. Er merkte, dass sein Krisenmanagement nicht mehr funktionierte“, sagt einer, der Glaeseker lange kennt. Er hält die Darstellung für wahrscheinlich, dass Wulffs Sprecher von sich aus seine Ablösung anbot.

Das Verhältnis zum Chef, dem Bundespräsidenten, soll sowieso nicht mehr das engste gewesen sein – schon räumlich rückten beide auseinander, der eine im prunkvollen Schloss, der andere im nüchternen Amtsbau. Damit endet das Verhältnis Wulff/Glaeseker so, wie es einst begonnen hat, mit großer Distanz.

Es war der Landtagswahlkampf 1994, als der Bonner Korrespondent Olaf Glaeseker, der für die Oldenburger „Nordwest Zeitung“ und die „Augsburger Allgemeine“ aus der Hauptstadt berichtete, einen ungünstigen Artikel über den damals jungen CDU-Ministerpräsidentenkandidaten Wulff schrieb. Glaeseker deckte auf, dass es bei Teilen der protestantischen CDU-Altvordern um den Ehrenvorsitzenden Wilfried Hasselmann große Vorbehalte gegenüber dem Osnabrücker Katholiken Wulff gab. Im Wahlkampf war der Zeitungsbericht, der von intimen Kenntnissen über die CDU zeugte, für den jungen Wulff fast tödlich. Wulff kochte anfangs vor Wut. Aber dieser Ärger sollte der Beginn einer engen Freundschaft sein. Jahre später, 1998, hatte Wulff seine zweite Niederlage bei einer Landtagswahl erlebt, parteiinterne Kritiker wetzten schon die Messer. Glaeseker aber, der als Journalist nie von Bonn in das hektische Berlin wechseln wollte, suchte eine neue berufliche Aufgabe und fand sie an der Seite des angeschlagenen Wulff, der dringend gute Berater benötigte. Es begann eine Zeit des rasanten Aufstiegs.

Glaeseker sorgte für ein neues Image des bis dahin verkniffen wirkenden Wulff – lockerer, lebenslustiger, häufiger umgeben von Schauspielern und Showgrößen. Weder Wulff noch Glaeseker waren eigentlich Typen, die Glanz und Glamour suchten. Doch beide fanden daran immer mehr Gefallen, ignorierten auch Hinweise von Parteifreunden in Hannover, die mehr landespolitische Kleinarbeit wollten. Trotzdem ging Glaesekers Rechnung auf: Wulff wurde in der Bundespolitik bekannter, sein Name bekam mehr Gewicht, er wurde zum wichtigsten CDU-Mann neben Angela Merkel. Wulffs Zuarbeiter Glaeseker blieb meistens im Hintergrund, war im Kontakteknüpfen und Strippenziehen jedoch überaus effektiv. Er managte auch den schwierigen Machtkampf zwischen VW und Porsche, sodass sogar das VW-Urgestein Ferdinand Piëch ihm anerkennend auf die Schulter klopfte – und dafür verdutzte Blicke umstehender Wirtschaftsführer erntete. Kaum ein Sprecher war je mächtiger und effektiver als Glaeseker. Aber auch Wulff hatte kaum jemanden, auf den er sich stärker stützen konnte.

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