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00:15 25.01.2014
Von Michael B. Berger
Wiedersehen im Landgericht: Christian Wulff und Olaf Glaeseker Quelle: dpa
Hannover

Da sitzen sie nun vor Gericht, die zwei, die sich einst als siamesische Zwillinge bezeichneten: Bundespräsident a. D. Christian Wulff und Olaf Glaeseker, Staatssekretär a. D. Heftig wippende Füße unter den Tischen verraten ihre innere Anspannung.„Netzwerke“, sagt Glaeseker, der einstige Sprecher von Christian Wulff, „der Aufbau und die Pflege von Netzwerken gehörte zu meinem Kerngeschäft.“ Netzwerke, die Verbindung von Menschen, das ist ein wichtiges Stichwort an diesem elften Tag des Wulff-Prozesses, an dem die hannoversche Staatsanwaltschaft mit einem Joker aufwarten will – mit dem Zeugen Glaeseker.

Von ihm erwarten die Staatsanwälte nähere Auskunft über die Beziehung zwischen Wulff und dem Filmfinanzier David Groenewold, der Wulff um die Mithilfe bei dem Filmprojekt „John Rabe“ gebeten haben und ihn dafür über Jahre mit Aufmerksamkeiten „angefüttert“ haben soll. Was Wulff entschieden bestreitet.
Es ist der Tag des Wiedersehens. Ein Tag der Wiederbegegnung zweier Männer, die sich früher sehr nah waren. Es geht um Freundschaften an diesem Tag – und darum, was von ihnen bleibt, wenn sie längst beendet sind.

Jahrelang waren Christian Wulff und Olaf Glaeseker untrennbar. Wo immer Wulff im In- und Ausland auftrat, war Glaeseker nicht weit. Im Januar trafen die beiden vor Gericht aufeinander: Im Prozess gegen den Ex-Bundespräsidenten war Glaeseker als Zeuge geladen.

Seit 1994 begleitet der hünenhafte Glaeseker den Politiker aus Osnabrück, der es bis ins Bundespräsidentenamt brachte. Zu Wulffs Hochzeiten in Niedersachsen galt Glaeseker sogar als mächtiger als die meisten Minister. Bis die „Causa Wulff“ ihren Anfang nahm und Wulff zwei Tage vor Weihnachten 2011 seinem Sprecher den Laufpass gab. Da war bekannt geworden, dass Glaeseker Urlaube auf den Anwesen des Eventmanagers Manfred Schmidt verbrachte, mit dem er die illustren „Nord-Süd-Dialoge“ organisiert hatte.

Mit Schmidt verbinde ihn eine enge Freundschaft, hat Glaeseker, der sich selbst in einem Korruptionsprozess zu verantworten hat, immer und immer wieder betont. Heute sitzt ihm mit Groenewold, dem Filmfinanzier, auch ein Freund gegenüber. „Er ist ein Freund, weil wir uns privat besuchen“, sagt Glaeseker – und Groenewold wirft ihm einen aufmunternden Blick von der Anklagebank aus zu: „Die Freundschaft dauert bis heute.“

Mit Schmidt verbinde ihn eine enge Freundschaft, hat Glaeseker, der sich selbst in einem Korruptionsprozess zu verantworten hat, immer und immer wieder betont. Heute sitzt ihm mit Groenewold, dem Filmfinanzier, auch ein Freund gegenüber. „Er ist ein Freund, weil wir uns privat besuchen“, sagt Glaeseker – und Groenewold wirft ihm einen aufmunternden Blick von der Anklagebank aus zu: „Die Freundschaft dauert bis heute.“

Von der Inanspruchnahme eines günstigen Privatkredits über kostenlose Urlaube bei Unternehmern bis zur staatlichen Mitfinanzierung einer umstrittenen Lobby-Veranstaltung: Bundespräsident Christian Wulff wurde vielen Vorwürfen ausgesetzt. Geblieben ist wenig.

„Er ist eher ein Tankstellentyp“, sagt Glaeseker. Tankstellentyp? Ja, bei gemeinsamen Autofahrten habe Wulff oft haltgemacht, um etwas Süßes von der Tankstelle mitzubringen. „Und wie war das bei Restaurantbesuchen, Hotelaufenthalten?“, will der Richter wissen. „Da hat meist die Staatskanzlei bezahlt“, entgegnet Glaeseker.

Nein, der ehemalige Sprecher hat heute erkennbar keine große Lust zu sprechen oder gar womöglich heikle Details preiszugeben. Er habe große Erinnerungslücken, beteuert er, und wisse fast nichts über jenen Oktoberfestbesuch in der letzten Septemberwoche im Jahr 2008, der im Mittelpunkt des Prozesses steht. Obwohl auch Glaeseker vom Filmfreund Groenewold dazu eingeladen worden war.

Die Übernachtung im teuren „Bayrischen Hof“, zu der Groenewold Wulff einen Zuschuss gab, hatte Glaeseker allerdings von vornherein ausgeschlagen und sich ein eigenes Hotel gesucht. Doch dann hat er noch am Freitag, als er eigentlich mit seiner Ehefrau nach München reisen wollte, abgesagt. Krank sei er geworden, berichtet Glaeseker. Zudem habe er schon einige Tage später mit Wulff zu einer Asienreise aufbrechen wollen.

Vom Filmprojekt „John Rabe“, bei dem Groenewold Wulff um Vermittlungshilfe bat, will Glaeseker erst ganz spät erfahren haben. Und an eine an ihn direkt gerichtete E-Mail in der John-Rabe-Sache könne er sich nicht mehr erinnern.

„Ich habe am Tag zwischen 100 und 150 Mails bekommen. Da ich mit dem Projekt nicht befasst war, habe ich das wohl weitergeleitet. Dann ist das erledigt, aus dem Kopf raus, einfach weg.“ Weg ist weg?, fragt Richter Rosenow. „Weg ist weg“, sagt Zeuge Glaeseker.

Weg soll auch die Erinnerung an ein Foto sein, das am Abend des 26. September 2008 mit dem Handy Groenewolds aufgenommen worden ist. Staatsanwalt Clemens Eimterbäumer konfrontiert den Zeugen Glaeseker mit diesem Bild, das den Dienstherrn Wulff mit einem selbstgemalten Plakat zeigt. „We miss You“, signalisiert Wulff aus München dem kranken Glaeseker in Hannover.

„Herr Staatsanwalt, führt das jetzt weiter?“ will der genervte Richter wissen. Der nickt mit dem Kopf. Tatsächlich könnte es belegen, dass sich Wulff und Groenewold doch bereits einen Tag vor dem gemeinsamen Besuch des Oktoberfests getroffen haben – und möglicherweise in einem Restaurant des Bayerischen Hofes gegessen haben. Wulff kann sich an dieses angebliche Essen nicht erinnern.

Dass der Filmfinanzier jedenfalls ein Rieseninteresse daran hatte, Wulff bei der Vermarktung des Films „John Rabe“ einzuspannen, vermitteln Aussagen der früheren Chefsekretärin Groenewolds, die gestern auch vernommen wurde. „Das war eine sehr wichtige Sache, für die Odeon Film fast überlebensnotwendig“, sagt die Frau, die kurz nach dem Oktoberfestbesuch einen Bittbrief an Wulff abgesandt haben will. „Hätte ich den nicht abgeschickt, hätte mir der Chef den Kopf abgerissen.“ Groenewold hingegen behauptet, das Schreiben sei gar nicht abgeschickt worden.

Richter Rosenow hat offenbar kein Interesse mehr an solchen Details. Er will den Prozess möglichst schnell zu Ende bringen. Am 6. Februar will sich das Gericht mit weiteren Beweisanträgen beschäftigen. Am 27. Februar könnte das Urteil fallen. Wenn nicht alles täuscht, dürfte Wulff ein Freispruch erwarten. Was Glaeseker gestern aussagte, wird dem nicht entgegen stehen. Es war ein loyaler, ja fast freundschaftlicher Auftritt des früheren Sprechers. Bald kann sich Wulff revanchieren. Am 10. Februar soll er aussagen – im Prozess gegen seinen ehemaligen Freund Olaf Glaeseker.

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