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Deutschland / Welt Ost-Berlins kühles Kalkül mit der Wut der Studenten
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20:51 22.05.2009
Von Stefan Koch
Trauer nach dem Tod von Benno Ohnesorg (Archivbild) Quelle: Wilhelm Hauschild

Am 8. Juni 1967 kam es an der DDR-Grenze zu einem einmaligen Vorgang. Die Grenztruppen gaben die Transitstrecke frei, damit der Fahrzeugkonvoi mit den sterblichen Überresten von Benno Ohnesorg ohne jede Kontrolle von West-Berlin nach Hannover fahren konnte. Entlang der Trasse standen Tausende von FDJ-Mitgliedern, die dem erschossenen Studenten die letzte Ehre erwiesen.

Dieser 8. Juni verlief genau so, wie es sich der DDR-Stratege und SED-Parteichef Walter Ulbricht gewünscht hatte. Wenige Wochen zuvor, im April 1967, hatte er auf dem VII. Parteitag der SED betont, dass die „brauchbaren Teile der westdeutschen Studentenbewegung“ integriert werden sollten. Dagegen sollten die „unbrauchbaren Teile isoliert und zur Seite gedrängt werden“.

Im Westen war es allgemein bekannt, dass die Studentenproteste von der DDR-Führung genauestens beobachtet wurden. Bis heute strittig ist allerdings, inwieweit es ihr auch gelang, diese Bewegung zu manipulieren. Dass der Student und werdende Vater Ohnesorg ausgerechnet von einem Westberliner Polizisten erschossen worden ist, der nachweislich SED-Mitglied und Stasi-Spion war, gibt den damaligen Ereignissen eine geradezu absurde Wendung. „Wir werden sicherlich einige Aspekte der Geschichte der Studentenunruhen neu schreiben müssen“, sagt Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung. „Hätte es diesen Unglücksfall nicht gegeben, hätte sich die Eskalation nicht an diesem Vorfall entzünden können.“

Tatsächlich hatte Ohnesorgs Tod eine massive Empörung unter den Studenten zur Folge. Der Funke sprang vom Campus der Freien Universität Berlin auf Westdeutschland über. Das Bild vom toten Ohnesorg galt letztlich als Beweisstück, dass der Staat repressiv agierte. „Diese Repressionen wiederum waren vorgeprägt durch die Geschichte des Nationalsozialismus“, sagt Kraushaar.

Dass die Polizei bei den Demonstrationen gegen den Schah von Persien überfordert war und vor zügelloser Gewalt gegen die Studenten nicht zurückschreckte, zeigte sich an vielen Stellen. Mit der ausdrücklichen Billigung der Polizeiführung gingen die Beamten rücksichtslos gegen die jungen Leute vor. Und als die Schah-Anhänger – die „Jubelperser“ – auf die Studenten mit Dachlatten einprügelten, hielten sich weite Teile der Polizei bewusst zurück. So weit, so bekannt.

Die Initialzündung der späteren Proteste ging jedoch nicht von diesen unverhältnismäßigen Schlägereien aus, sondern ganz konkret von dem Tod Benno Ohnesorgs. Dass der junge Mann aus Hannover ums Leben kam und der Schütze Karl-Heinz Kurras in einem zwielichtigen Verfahren freigesprochen wurde, empörte weite Teile der jungen Generation. „Es entstand eine Front von Linksradikalen bis zu Konservativen, die diesen Mord alle als Unrecht empfunden haben. Dass Kurras freigesprochen wurde, ist bis heute ein großer Skandal“, sagte Oskar Negt am Freitag der „Süddeutschen Zeitung“. Der frühere Adorno-Schüler und emeritierte Soziologie-Professor aus Hannover hatte nach Ohnesorgs Tod eine Rede vor mehr als 1000 Menschen auf dem Frankfurter Römer gehalten. „Wir waren alle bewegt.“

Und was bedeuten für ihn die neuen Erkenntnisse über den Stasi-Schützen? „Man muss das Geschehene nicht zwangsweise uminterpretieren“, hebt Negt hervor. „Wir als Achtundsechziger sind immer davon ausgegangen, dass autoritäre Systeme auf kritische Öffentlichkeiten mit Gewalt reagieren. Unabhängig davon, ob es sich um westdeutsche oder ostdeutsche Zustände handelte.“

Der Hamburger Politologe Kraushaar hält dagegen: „Wir müssen mit dem Anspruch, dass Geschichte neu geschrieben werden muss, sicherlich vorsichtig sein. Aber allein die Tatsache, dass der Täter dieser unseligen Tat neu bewertet werden muss, reicht schon aus, die Geschichte des 2. Juni 1967 neu zu schreiben.“ Immerhin habe sich die terroristische „Bewegung 2. Juni“, die den Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz entführte, auf den Tod Ohnesorgs berufen. Neu entdeckte Dokumente aus der Stasiunterlagenbehörde legen nun den Schluss nahe, dass der Todesschütze Kurras seit Mitte der fünfziger Jahre Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi gewesen ist. Das Berliner Historikerteam Helmut Müller-Enbergs und Cornelia Jabs hatte kürzlich seine Verpflichtungserklärung für den DDR-Geheimdienst entdeckt. Außerdem spürten sie sein SED-Mitgliedsbuch auf, das 1964 ausgestellt wurde. Das in Hannover erscheinende „Deutschland-Archiv“ will Ende Mai alle Details zu diesem sensationellen Fund veröffentlichen.

Für den Politologen Kraushaar steht daher fest: Kurras war ein Überzeugungstäter. Er sei nicht zu vergleichen mit Inoffiziellen Mitarbeitern, die mühsam angeworben werden mussten. Dieser Polizist habe sich für die Stasi regelrecht „engagiert“, er sei ein Topspion gewesen. Erschwerend komme hinzu, dass es sich bei Kurras offenbar um einen Waffennarr handelte, der einen Ruf als „guter Schütze“ hatte. Die DDR-Spitzeltruppen hatten sich also ganz bewusst auf einen Mann eingelassen, der mit der Hand sehr schnell an der Waffe war. Vielleicht auch voreilig.

Historisch gesehen sei allerdings etwas anderes relevant: Die Empörung der revoltierenden Studenten habe sich in erster Linie gegen einen repressiven Staat gerichtet, dessen Polizeibeamte oft noch von der NS-Vergangenheit geprägt gewesen seien. „Nun stellt sich heraus, dass es die damalige SED-Gegenwart und nicht die NS-Vergangenheit war, in die der Täter eingebunden war, und das verändert die Geschichte der Studentenrevolte sehr stark.“ Kraushaar hält daher auch weitere Überraschungen für möglich. Unklar ist für ihn auch noch, aufgrund welcher Hinweise man erst jetzt auf die Kurras-Quellen bei der Stasi-Unterlagenbehörde gestoßen ist. Die bisher bekanntgewordenen Unterlagen gäben keinen Aufschluss über die wirklichen Motive des Todesschützen. „Kurras muss endlich sein Schweigen brechen.“

Der Berliner Historiker Manfred Wilke geht noch einen Schritt weiter. Er hält der Birthler-Behörde vor, den Einfluss der SED auf die bundesdeutsche Politik nicht systematisch genug zu erforschen. Der Mitbegründer des Forschungsverbunds „SED-Staat“ der Freien Universität Berlin sieht dabei erheblichen Nachholbedarf. Immerhin sei Ohnesorgs Tod von der DDR propagandistisch genutzt worden, „um sich den empörten Studenten als der bessere, der antifaschistische Staat zu präsentieren.“ Die SED-Mitgliedschaft des Polizisten zeige nun erneut den Einfluss der Ost-Partei auf die Politik in West-Berlin und die damalige Polizei in der Westhälfte der Stadt. „Wäre schon damals bekannt gewesen, dass Kurras ein ,Panzerschrank-Kommunist’ war, hätte es den Blick der Studentenbewegung auf die Bundesrepublik als einen „militaristischen Staat“ nicht in dieser extremen Form gegeben“, vermutet Wilke. Das DDR-Lied für Ohnesorg und die DDR-Propaganda nach dessen Tod hätten sich schon damals als „politische Heuchelei“ entpuppt.

Umso wichtiger sei es heute, der historischen Wahrheit auf den Grund zu gehen. Der Bundestag sollte die Stasi-Unterlagenbehörde beauftragen, den verdeckten Einfluss des MfS auf den Bundestag systematisch zu untersuchen, fordert Wilke, einer der führenden Forscher über die Rolle der SED in der Bundesrepublik. Das ist indes gar nicht so einfach. So hatte es die Große Koalition erst 2007 abgelehnt, die Tätigkeit der Bundestagsabgeordneten von 1949 bis 1990 durch die Birthler-Behörde untersuchen zu lassen.

Vor allem bei der Ostpolitik könnte es neue Erkenntnisse über die Rolle der DDR-Staatssicherheit geben, vermutet der Wissenschaftler. Zwar habe Bonn angesichts des politischen Drucks der westlichen Alliierten und der Forderung der Sowjetunion keine andere Wahl als die Öffnung nach Osten gehabt. „Die spannende Frage ist aber, inwiefern es der SED gelungen ist, die politische Klasse der Bundesrepublik bei der vollständigen Anerkennung der DDR zu beeinflussen.“ Dazu zähle etwa die Bereitschaft, eine DDR-Staatsbürgerschaft zu akzeptieren oder die Formulierung in der Grundgesetz-Präambel über die Wiedervereinigung als Staatsziel zu streichen. Wilke: „Dazu könnte es noch Überraschungen geben.“

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