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Deutschland / Welt Tausende bei Montagsdemos gegen „Islamisierung“
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08:10 26.11.2014
Die jüngste Demo lockte 5500 Menschen auf den Dresdener Theaterplatz. Quelle: dpa
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Dresden

Anders als in Köln, Hamburg oder Berlin gibt es in Dresden keine große Moschee. Nur eine im orientalischen Stil gebaute ehemalige Zigarettenfabrik steht am Innenstadtrand, hinter deren kunstvoll gestaltetem Minarett sich ein Schornstein verbirgt. Auch sonst spielt der Islam in der sächsischen Landeshauptstadt bisher eine eher untergeordnete Rolle. Der Anteil der hier lebenden Muslime wird auf gerade einmal 0,4 Prozent geschätzt. In Köln liegt er bei zehn Prozent.

Trotzdem treibt die Angst vor „Islamisierung“ und Überfremdung seit Wochen Tausende Dresdener immer montagabends auf die Straße. Dabei ist schon der Termin eine Provokation. Die sogenannten Montagsdemonstrationen waren ein bedeutender Bestandteil der friedlichen Revolution im Herbst 1989.

Organisiert wird der islamfeindliche Protest von einer Gruppierung namens Pegida. Der Begriff steht für „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Woche für Woche ruft Pegida zu Demonstrationen „gegen Glaubenskriege auf deutschem Boden“ oder „für unsere Kultur“ in der Dresdener Innenstadt auf. Und immer mehr kommen. Zog Ende Oktober noch ein Häuflein von 200 Personen durchs barocke Zentrum, so waren es bei der sechsten Demonstration am vergangenen Montag schon 5500 Menschen. Die Demonstranten vertreten gleich zwei vorurteilsbeladene Anliegen: Sie protestieren gegen die sogenannte Islamisierung Deutschlands und gegen ein angeblich ausuferndes Asylrecht.

Tausende Teilnehmer haben in Dresden gegen die „Islamisierung des Abendlandes" demonstriert.

Die Abkürzung Pegida erinnert an das Bündnis HoGeSa, „Hooligans gegen Salafisten“, das Ende Oktober in Köln und kürzlich auch in Hannover mehrere Tausend gewaltbereite Rechtsextreme und Hooligans mobilisierte. Doch die Pegida-Bewegung will sich von den Schlägertypen der HoGeSa abgrenzen. Sie gibt sich betont bürgerlich.

Pegida trat just in dem Moment auf den Plan, als das Konzept der Dresdener Stadtverwaltung für neue Asylbewerberheime öffentlich wurden. Die Zahl der Antragsteller, die Dresden aufnehmen muss, hat sich mehr als verdoppelt. Laut Sozialbürgermeister Martin Seidel (parteilos) hat die Verwaltung mehr als 100 Standorte für Übergangsheime geprüft, bevor sie sich für zwölf entschied. Galten die am Anfang als gesetzt, schließt Seidel inzwischen Alternativen nicht mehr aus. Doch mit Blick auf die steigenden Asylbewerberzahlen – bis 2016 rechnet Dresden mit 4000 Flüchtlingen – gehe es eigentlich eher um mehr Standorte als um Alternativen. Es ist offenbar auch die Eile, die nun notgedrungen an den Tag gelegt werden muss, die betroffene Anwohner Pegida in die Arme treibt. Eine Verwaltung, die erst Tatsachen schafft und dann eher verhalten diskutiert, weckt Ärger – selbst bei Bürgern, die sich sonst nicht mit rechtsextremem Gedankengut identifizieren.

Die organisierten Rechten sind bei den Demonstrationen in der Minderheit – aber ihre Parolen verfangen. Bürgerliche Dresdener marschieren gemeinsam mit bekannten Neonazis, NPD-Kadern und Hooligans. Mittlerweile hat sich Widerstand gegen das Treiben formiert. Die örtliche SPD warnt vor scheinbaren Biedermännern. Ein Bündnis aus Glaubensgemeinschaften, Kirchen, Gewerkschaften, Parteien und Initiativen ruft zu Gegenprotesten auf. Sie alle werfen dem Pegida-Bündnis vor, nationalistische und islamfeindliche Vorurteile zu bedienen und fordern Toleranz.

Von Thomas Baumann-Hartwig, Hauke Heuer und Ingolf Pleil

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