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Polizei Hannover ließ NSU-Terroristen laufen

Beate Zschäpe vor Gericht Polizei Hannover ließ NSU-Terroristen laufen

Hätte die Polizei in Hannover womöglich die Mordserie des NSU verhindern können? Die mutmaßlichen Terroristen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sind kurz nach ihrem Abtauchen Anfang 1998 in Hannover in eine Verkehrskontrolle geraten und wären fast aufgeflogen. Die Polizei ließ die drei mit Haftbefehl gesuchten Neonazis jedoch weiterfahren.

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Beate Zschäpe neben ihrem Anwalt Mathias Grasel im Oberlandesgericht in München.

Quelle: dpa

München. Zwei Tage, bevor sich Beate Zschäpe am 8. November 2011 der Polizei stellte, war sie in Hannover. Frühmorgens ist die mutmaßliche NSU-Terroristin mit dem Zug am Hauptbahnhof angekommen. Für neun Stunden verliert sich danach ihre Spur, bevor sie weiter mit dem Zug durch Nord- und Mitteldeutschland irrte und ihre Flucht schließlich im thüringischen Jena aufgab.

Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt waren tot, sie hatten sich am 4. November 2011 in einem Wohnmobil in Eisenach das Leben genommen. Zehn Morde, zwei Bombenanschläge und 15 Raubüberfälle haben die Männer verübt. So hat es auch Zschäpe im Prozess vor dem Oberlandesgericht München zugegeben. Sie selbst habe von den Taten immer erst hinterher erfahren, behauptet sie. Die Bundesanwaltschaft sieht das anders. Sie hat Zschäpe als Mittäterin an allen Verbrechen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) angeklagt.

Zschäpe: "Beinahe bei Polizeikontrolle aufgeflogen"

Warum es Zschäpe nach dem Tod von Mundlos und Böhnhardt nach Hannover zog, ist ungeklärt. Doch nach dem, was sie am Donnerstag im NSU-Prozess erklären ließ, hätte die Geschichte des NSU schon viel früher in Hannover enden können. Vor dem ersten Mord im September 2000. 1998 sei sie mit Mundlos und Böhnhardt in der Innenstadt von Hannover gewesen. Dabei wären sie laut Zschäpe bei einer Polizeikontrolle beinahe aufgeflogen. Stattdessen seien sie weiter zu Holger G.s Wohnung in der Dreihornstraße in Bothfeld gefahren. Sie wollten ihn bitten, ihnen eine Wohnung zu besorgen. Doch Holger G. war nicht zu Hause, so zog die Gruppe weiter.

Als Zschäpe am 6. November 2011 in Hannover war, war Holger G. schon festgenommen. Grund: Das Wohnmobil, in dem Böhnhardt und Mundlos sich das Leben nahmen, war auf ihn angemietet - ebenso wie andere Fahrzeuge, mit denen Böhnhardt und Mundlos zum Morden fuhren. Das Bundeskriminalamt wollte von G. auch wissen, warum bei den Leichen sein Führerschein lag. Die mutmaßlichen Terroristen nutzten häufig Holger G.s Identität. Sein Name und seine Adresse in Hannover, später in Lauenau, tauchen immer wieder in den Akten auf.

Von der Stadt ausgestellte Personalausweise 

Holger G. kennt Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt aus ihrer gemeinsamen Jugend in Jena. Sie hielten noch Kontakt, als der heute 41-Jährige 1997 erst nach Bothfeld und dann nach Lauenau zog und die drei mutmaßlichen NSU-Terroristen längst untergetaucht waren. Sie trafen sich am Kröpcke, fuhren gemeinsam in Urlaub, gingen in Kneipen.
Schon die RAF hatte in Hannover ihre Waffenwerkstatt und ihr Fälscherlabor. Auch der NSU hat sich den Großteil seiner Papiere hier besorgt. Holger G. hat eingeräumt, Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt mehrere Ausweise gegeben zu haben. Bereits 2001 gab er Mundlos und Böhnhardt einen Personalausweis, den er bei der Stadt Hannover beantragt hatte. Im Brandschutt des letzten NSU-Verstecks in Zwickau fanden die Ermittler auch die Krankenkassenkarte einer Freundin von Holger G. Zschäpe ließ sich damit zahnärztlich behandeln. Die Ermittler fanden weitere Dokumente, etwa einen Bibliotheksausweis aus Herrenhausen - alle ausgestellt auf Adressen in Hannover und Umgebung.

Holger G. beteuert, er habe nichts von den Morden gewusst. Auch Zschäpe lässt ihren Anwalt an diesem Donnerstag erklären, sie habe Holger G. nichts von den Morden, auch nichts von den Bombenanschlägen erzählt. „Ich wollte über dieses Thema nicht reden“, so Zschäpe. „Schon gar nicht mit Holger G., dem ich nicht vertraute.“ Ob Mundlos und Böhnhardt ihm von den Morden und Anschlägen berichtet hatten, wisse sie jedoch nicht.

Holger G. sitzt an diesem Tag zwei Reihen hinter Zschäpe auf der Anklagebank. Er hört sehr aufmerksam zu, was sie vortragen lässt. Er wirkt angespannt, als Zschäpe sagen lässt, er habe von den Raubüberfällen gewusst. „Er wusste, dass wir von Banküberfällen lebten.“ Mundlos und Böhnhardt hätten es Holger G. im Jahr 2000 oder 2001 erzählt.

G. hat Zschäpe vor Gericht mehrfach belastet. Er bezeichnete Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos vor Gericht allesamt als „Mitglieder einer terroristischen Vereinigung“. Er habe sie als Einheit erlebt. Schon dem Bundeskriminalamt hatte er gesagt, Zschäpe sei ein „gleichberechtigtes Mitglied“ in der Gruppe gewesen. Sie sei „durchsetzungsstark“ und „kein Typ, der sich unterordnen würde“.

Zuletzt besuchten die mutmaßlichen NSU-Terroristen ihn im Sommer 2011 in Lauenau. Das bestätigt auch Zschäpe vor Gericht. Der Reisepass, den G. Böhnhardt Jahre vorher gegeben hatte, war abgelaufen. Bei der Meldestelle in Rodenberg beantragte er 2011 einen neuen. Holger G. ist wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Anders als Zschäpe und ein weiterer Angeklagter sitzt er nicht in Untersuchungshaft. Jede Prozesswoche fährt er vom Hauptbahnhof Hannover mit dem Zug nach München zum NSU-Prozess.

Kritik am Verfassungsschutz

Überraschung bei Ermittlungen gegen den NSU: Das überraschend aufgetauchte Privat-Mobiltelefon des Ex-V-Mannes „Corelli“ sorgt für neuen Wirbel im NSU-Komplex. Das Gerät lag jahrelang unentdeckt im Panzerschrank eines Verfassungsschützers. Die SPD ruft nach einem Sonderermittler.

„Corelli“ hat das Handy laut Verfassungsschutz aber nur nach dem Tod der Rechtsterroristen genutzt. Die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt waren am 4. November 2011 tot in einem ausgebrannten Wohnmobil im thüringischen Eisenach von der Polizei gefunden worden. „Corelli“ war bis 2012 für das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) tätig. Er galt lange als eine Schlüsselfigur im NSU-Skandal und bei den Ermittlungen um mögliche Verwicklungen des Verfassungsschutzes in die Aktivitäten der rechtsterroristischen Gruppe. Kontakte „Corellis“ zu Mundlos und Böhnhardt während deren Zeit im Untergrund konnten bislang jedoch nicht nachgewiesen werden.

Das BfV hatte den NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages am Mittwoch über das Handy informiert. Dessen Vorsitzender Clemens Binninger (CDU) nannte die Umstände des Fundes kritikwürdig. Welche Daten auf dem Mobiltelefon gespeichert sind, prüft das Bundeskriminalamt. Der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Burkhard Lischka, sagte der „Stuttgarter Zeitung“ und den „Stuttgarter Nachrichten“, er wolle mit dem früheren NSU-Sonderermittler und Ex-Grünen-Abgeordneten Jerzy Montag über das weitere Vorgehen beraten. Darüber sei er mit dem Chef des parlamentarischen Gremiums zur Kontrolle der Geheimdienste, Binninger, übereingekommen. Lischka erwägt, Montag erneut als Sonderermittler einzusetzen.

Die Ombudsfrau der Bundesregierung für die Opfer und Hinterbliebenen des NSU kritisierte mit Blick auf das BfV in der „Frankfurter Rundschau“: „Es entsteht der Eindruck, dass es an dem notwendigen Ernst bei der Aufklärung weiter hapert.“ Der Verfassungsschutz führe ein Eigenleben     

von Wiebke Ramm

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