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Kritik an Israel wird zur Hetze gegen Juden

Gazakrieg Kritik an Israel wird zur Hetze gegen Juden

Im Windschatten des Protestes gegen den Gazakrieg greift der Antisemitismus Raum – und in Berlin, Paris, Rom fürchten jüdische Menschen wieder um ihr Leben.

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„... als ob wir uns im Jahr 1938 befinden“: Aus propalästinensischen Kundgebungen in Berlin heraus dringen immer lautere antisemitische Parolen.

Quelle: dpa

Berlin / Paris. Deutschland im Juli 2014. „Jude, Jude feiges Schwein – komm heraus und kämpf allein“, dröhnt es aus Megafonen über den Berliner Kurfürstendamm. „Scheiß Juden“, schreit der, ja, Mob in Kassel. „Ihr Juden seid Bestien“, tragen sie als Hassparole auf Plakaten in Frankfurts Innenstadt spazieren. In Essen, in Leipzig, in Chemnitz, in Hannover wird ein beängstigender Hass zu Markte getragen. Und ein Jude, erkennbar an der Kippa auf seinem Hinterkopf, wird beim Abendspaziergang mit seiner Frau auf dem Berliner Boulevard „Unter den Linden“ bedroht.

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, hätte sich „niemals im Leben vorgestellt, dass wir so eine Hetze gegen Juden in Deutschland wieder hören könnten“. Israels Botschafter Yakov Hadas-Handelsman findet sogar: „Sie verfolgen Juden in den Straßen Berlins, als ob wir uns im Jahr 1938 befänden.“ Aber etwas ist anders als 1938. In die antijüdischen Schmährufe mischt sich immer wieder der Ruf „Allahu akbar“ („Gott ist groß“). Und beides, die Schmährufe wie die islamische Gottesanrufung, ertönen nicht nur auf deutschen Straßen, sondern auch in Paris, Wien, Rom. Islamistisch eingefärbter Antisemitismus lässt die jüdischen Gemeinden an ihre Mitglieder appellieren, sich eher unauffällig in der Öffentlichkeit zu bewegen.

In Frankreich brennen Barrikaden und Geschäfte, die Juden gehören. In Paris sind Hunderte Demonstranten mit dem Ruf „Tod den Juden“ durch die Straßen gezogen. In einer Synagoge mussten die Gläubigen nach dem Gebet zwei Stunden ausharren, um nicht dem aufgebrachten Mob ausgeliefert zu werden. Das sei traumatisierend gewesen, sagt Frankreichs Oberrabbiner Haïm Korsia. Und auch hier: „Ein Herr von 90 Jahren gestand mir mit Tränen in den Augen, dass er sich an die Reichskristallnacht erinnert fühlte.“

Was geschieht da gerade? Müssen europäische Juden wieder um ihr Leben fürchten – weil sie Juden sind? Wer macht aus dem Protest gegen Israels Krieg mit der Hamas im Gazastreifen eine antijüdische Hetzkampagne?
Die Demonstrationen, meint Prof. Stefanie Schüler-Springorum, Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, sind „Anlass für alle möglichen Bevölkerungskreise, ihre antijüdischen Ressentiments auf die Straße zu bringen“ – sozusagen im Schutze der moralischen Empörung über einen Krieg. Wie in Frankreich sind in Berlin diese Demonstrationen von jungen Menschen muslimischer Herkunft getragen. Doch Schüler-Springorum sieht: „Die rechtsradikale Szene weiß diese Ressentiments ebenfalls auszunutzen – und einige linke Gruppierungen sollten sich vor falschen Demonstrationspartnern hüten, wollen sie als Anti-Rassisten nicht unglaubwürdig werden.“

Wann wird die Grenze überschritten zwischen legitimer Israel-Kritik und Antisemitismus? „Immer dann“, sagt Schüler-Springorum, „wenn nicht das Handeln der israelischen Regierung kritisiert wird, sondern ,die Juden‘ verdammt werden. Und besonders dann, wenn dabei Vokabular mit Referenz zur NS-Zeit benutzt wird: Die Forderung ,Netanjahu raus aus Gaza‘ ist eine legitime politische Meinungsäußerung. In der Aussage ,Stoppt den jüdischen Holocaust in Gaza‘ dagegen stecken gleich mehrere antisemitische Attacken.“

Auf eben diese Attacken sucht die Politik jetzt Antworten, die stärker sind als wohlfeile Soldaritätsbekundungen mit Israel. Die Gewerkschaft der Polizei fordert von den Innenbehörden, sie mögen bei Landfriedensbruch und Volksverhetzung rasch und konsequent auch vom Ausländerrecht und seinen Abschiebemöglichkeiten Gebrauch machen.

Die Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Italiens verkünden gemeinsam: „Nichts, einschließlich der dramatischen militärischen Konfrontation in Gaza, rechtfertigt ein solches Handeln bei uns in Europa. Antisemitische Hetze gegen Juden, Angriffe auf Menschen jüdischen Glaubens und Synagogen haben in unseren Gesellschaften keinen Platz.“ Nur: Jüngeren Studien zufolge ist jeder fünfte Deutsche latent antisemitisch. Der Historiker Christian Hardinghaus sagt: „Wenn ich junge Leute befrage, sagen 30 Prozent, dass sich die Juden charakterlich von anderen Menschen unterscheiden. Genannt werden fast nur negative Eigenschaften wie Geldgier, Geiz oder Arroganz.“

Auch Frankreichs jüdische Gemeinschaft beklagt zunehmende Judenfeindlichkeit, für die der Gazakrieg nur als Vorwand diene. Dieser habe in Frankreich ein besonders lautes Echo, sagt der Rektor der Großen Moschee von Bordeaux, Tareq Oubrou: „Das hat eine fast dogmatische Dimension erreicht.“ Allerdings gehen die anti-israelischen Proteste wie in Deutschland nicht nur von arabo-muslimischer Seite aus, sondern auch von politisch linken Bewegungen. Der Chef der Antikapitalistischen Partei hat neue Demonstrationen für diesen Sonnabend angekündigt – trotz Verbots.

In Berlin steht am Freitag der nächste Höhepunkt des Demonstrationskriegs bevor: Anlässlich des islamischen Kuds-Tages erwartet die Polizei ein paar Hundert Aktivisten mit antisemitischen Parolen. Man befürchtet Übergriffe aus einer Pro-Hamas-Demonstration heraus.

„Die Vorgänge in der Al-Nur-Moschee in Berlin geben zu großer Sorge Anlass“, sagt Oliver Malchow, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. Hier soll der Protestzug starten. Beim Verfassungsschutz gilt die Moschee als Anlaufpunkt von Salafisten und Predigern, die einen besonders militanten Islam propagieren. Die Polizei ist beauftragt, die Meinungsfreiheit zu achten – aber bei illegaler Hetze einzugreifen.

Aber auch Zivilcourage ist gefordert. Vor zwei Jahren ist Daniel Alter, Rabbiner aus Berlin-Friedenau, zusammengeschlagen worden. Er hatte die Frage einer Gruppe Jugendlicher, ob er Jude sei, bejaht. Ein paar Tage später gab es einen „Kippa-Flashmob“ in Berlin. Hunderte, auch Nicht-Juden, gingen mit Käppchen spazieren. Rabbi Alter sagte damals, mit gebrochenem Jochbein: „Meinen Willen, mich für den interreligiösen Dialog und die Verständigung von Völkern und Nationen einzusetzen, haben diese Typen nicht gebrochen.“ Die Gegendemonstration für den Berliner Al-Kuds-Tag ist bereits beantragt.

Dieter Wonka, Birgit Holzer und Susanne Iden

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