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Einer der letzten Auschwitz-Wachmänner vor Gericht

Prozess gegen 95-Jährigen Einer der letzten Auschwitz-Wachmänner vor Gericht

In Detmold beginnt am Donnerstag der Prozess gegen einen früheren Auschwitz-Wachmann – wegen 
Beihilfe zum Mord an 170.000 Menschen. Der Angeklagte ist 94. Weitere Verfahren werden folgen.
 Die Frage ist: Hat das jetzt noch Sinn?

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Späte Strafe für die Wächter des Unrechts: Von rund 6500 SS-Angehörigen, die in Auschwitz eingesetzt waren und den Krieg überlebt haben, sind nur 43 verurteilt worden.

Quelle: Daniel Naupold/dpa

Detmold. Sie waren Boten des Todes. Mörder. Sadisten. Wenn Justin Sonder an die SS-Männer in Auschwitz denkt, dann hat er klare Bilder vor Augen, Szenen des Schreckens. Er sieht sie, wie sie eine Mütze fortwerfen, wie sie einem Häftling befehlen, sie zu holen, "und wenn er sich bückt, erschießen sie ihn". Oder sie reißen morgens die Tür der Baracke auf, brüllen "Selektion", und dann müssen alle Häftlinge nackt draußen antreten und auf ihr Urteil warten. Er sieht sie vor sich. Bis heute.

Angeklagter war zweieinhalb Jahre in Auschwitz

"Ich habe 17 Selektionen überlebt", sagt Justin Sonder. 17-mal Todesangst. Ob es irgendwelche Ausnahmen gab? Jemanden, der anders war? Der 90-Jährige überlegt, er prüft seine Erinnerung, ein schmaler alter Herr in Sakko, kariertem Hemd, Krawatte. "Nein", antwortet er dann. „Die waren alle so.“

Einen dieser Männer wird Justin Sonder am Donnerstag wiedertreffen. Er heißt Reinhold H. und ist 94 Jahre alt, ein Rentner aus der ostwestfälischen Kleinstadt Lage. Der Ort der Begegnung wird ein Saal der Industrie- und Handelskammer von Detmold sein. Dorthin ist das Landgericht umgezogen, weil der Gerichtssaal zu klein ist für all die Journalisten und Bürger, die diesen Prozess verfolgen wollen. Der SS-Mann H. war zweieinhalb Jahre in Auschwitz, von Januar 1942 bis Juni 1944. Beihilfe zum Mord in 170. 000 Fällen wirft ihm die Staatsanwaltschaft Dortmund deshalb vor.

Überlebender freut sich auf den Prozess

Der Auschwitz-Überlebende Justin Sonder aus Chemnitz ist Nebenkläger in diesem Prozess, einer von 25. Er wird auf dem Stuhl vor der Richterin sitzen, ganz in der Nähe von H., und wird sagen, wie es war in Auschwitz. "Ich freue mich darauf", sagt Sonder. Es ist für ihn ein später Moment der Genugtuung.

Der Prozess gegen Reinhold H. ist der Beginn einer neuen Reihe von Auschwitz-Prozessen. In Neubrandenburg, Hanau und vielleicht auch Kiel werden in den nächsten Wochen weitere Verfahren gegen ehemalige SS-Männer – und eine SS-Frau – beginnen, die in Auschwitz eingesetzt waren. Gegen sieben Personen ermittelt die NS-Zentralstelle in Ludwigsburg noch, sieben weitere Verfahren hat sie bereits an die örtlichen Staatsanwaltschaften abgegeben.

Ein Akt später Gerechtigkeitssuche?

71 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz besinnt sich die deutsche Justiz also plötzlich darauf, dass einige der Beteiligten ja noch leben. Ist das ein Akt sehr später Gerechtigkeitssuche? Oder ein verzweifelter Versuch, jahrzehntelange Untätigkeit zu sühnen – auf Kosten von Greisen, die das Pech hatten, das Erwachen der Justiz noch zu erleben? Klar ist: Es gibt keine neue Rechtslage. Es gibt nur den Ehrgeiz einer jüngeren Generation von Juristen, die sich mit der beschämenden Bilanz der bisherigen Verfolgung nicht zufriedengeben will.

Tatsächlich sind von rund 6500 SS-Angehörigen, die in Auschwitz eingesetzt waren und den Krieg überlebt haben, nur 43 verurteilt worden. Als Haupthindernis galt jahrzehntelang, dass auch den grausamsten SS-Schergen ganz konkrete einzelne Taten nachgewiesen werden mussten, um sie wegen Mordes verurteilen zu können – was schon wegen der geringen Zahl von Überlebenden, die in den Prozessen als Zeugen hätten auftreten können, schwierig war.

Anwalt: Demjanjuk-Prozess war der Startschuss

Das änderte sich erst durch den Prozess gegen den SS-Mann John Demjanjuk 2011. Das Landgericht München verurteilte den früheren Wachmann des Vernichtungslagers Sobibor wegen Beihilfe zum Mord zu fünf Jahren Haft. Die NS-Vernichtungslager seien ein einziges großes Verbrechen gewesen, argumentierten die Staatsanwälte damals erfolgreich.

Der Mann, der als Chefermittler der NS-Zentralstelle die Anklage gegen Demjanjuk vorbereitet hatte, heißt Thomas Walther. Heute vertritt der 73-Jährige als Anwalt Justin Sonder in dem Prozess in Detmold. "Die Untersuchungen zu Demjanjuk waren der Startschuss", sagt Walther.

Mit 18 freiwillig zur Waffen-SS

Der erste SS-Mann, dem die neue Rechtsinterpretation zum Verhängnis wurde, war im vergangenen Jahr Oskar Gröning. Das Landgericht Lüneburg verurteilte den 94-jährigen "Buchhalter von Auschwitz" zu vier Jahren Haft. "Ohne die vielen kleinen Rädchen hätte die Vernichtungsmaschinerie nicht funktioniert", sagt Jens Rommel, der 43-jährige neue Leiter der Zentralstelle zur Aufarbeitung der NS-Verbrechen.

Ein kleines Rädchen: Das trifft es wohl auch im Falle H.s gut. H. war, wie sein Vater, Fabrikarbeiter, als er sich im Juni 1940 mit gerade mal 18 Jahren freiwillig zur Waffen-SS meldete. In der Division "Das Reich" kämpfte er auf dem Balkan und in Russland, bis er zu den Wachmannschaften des Totenkopfsturmbanns nach Auschwitz versetzt wurde.

Angeklagter will nichts gewusst haben

Vom einfachen Sturmmann stieg er dort bis zum Unterscharführer auf, heute wäre das ein Unteroffizier. Zuständig war seine Einheit dort vor allem für die Bewachung des sogenannten Stammlagers Auschwitz I, aber auch der Rampe, an der die Züge mit den Deportierten ankamen – und von wo sie direkt in die Gaskammern getrieben wurden.

Man kann H. anrufen. Der 94-Jährige ist am Telefon kurz angebunden. Vor dem Prozess wolle er nichts mehr sagen, er legt auf. Ja, er war in Auschwitz, so hat es H. in frühen Befragungen zugegeben, bestätigt sein Anwalt Johannes Salmen. Vom fabrikmäßig organisierten Mord an den Juden jedoch habe er nichts gewusst.

Knobloch: Kein Mitleid für die Täter

Ist das glaubwürdig? Wohl kaum. Aber reicht es, um ihn zu verurteilen? Ist es angemessen, diesen Prozess jetzt noch gegen einen Mann zu führen, gegen den die deutsche Justiz in den 70 Jahren zuvor noch nicht einmal ermittelt hat?

Charlotte Knobloch, frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, hält das Verfahren für wichtig: "Die Bundesrepublik macht mit der Verfolgung der letzten noch lebenden NS-Verbrecher deutlich, dass es in Deutschland keinen Schlussstrich unter die NS-Zeit gibt", erklärt sie. Das Alter der Täter spiele keine Rolle. Mitleid hätten die SS-Männer in Auschwitz schließlich auch nicht gehabt – daher dürften sie auch selbst heute keines erwarten.

Historiker bezweifelt den Sinn der Prozesse

Der Historiker Michael Wolffsohn dagegen hat große Zweifel. "Was bringt eine Gefängnisstrafe von maximal fünf Jahren angesichts solcher Verbrechen?", fragt er. Sinnvoll sei allein die öffentliche Zurschaustellung der Täter, der "lebenslange Makel". Das Urteil hingegen hält er für sinnlos: "Es bringt nichts. Weder als Strafe noch als Abschreckung."

Zudem stehen alle Urteile gegen ehemalige SS-Männer unter einem mächtigen Vorbehalt: Der Bundesgerichtshof hat die neue Rechtsprechung noch nicht bestätigt. Im Sommer könnten die obersten Richter über die Revision der Verteidiger Oskar Grönings entscheiden. Bis dahin ist das Urteil gegen ihn nicht rechtskräftig, der 94-Jährige sitzt nicht im Gefängnis. Sollte der BGH das Lüneburger Urteil verwerfen, wäre das ein herber Rückschlag für die engagierten Juristen.

Es wird, in Detmold, ein mühsamer Prozess gegen Reinhold H. Auf zwei Stunden haben die Ärzte die tägliche Verhandlungdauer beschränkt, inklusive 15-minütiger Pause. Das Urteil jedoch, sagt Justin Sonder, sei ihm gleichgültig. "Ich bin völlig einverstanden, wenn er nicht ins Gefängnis muss", erklärt er. "Die Hauptsache ist: Wir können darstellen, was gewesen ist."

Was meinen Sie?

Ein ehemaliger SS-Mann muss sich wegen seiner Taten in Auschwitz vor Gericht verantworten – obwohl er bereits 94 Jahre alt ist. Was halten Sie davon?

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