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Der Kinderzimmerstar der salafistischen Szene

Prozessauftakt gegen Safia S. Der Kinderzimmerstar der salafistischen Szene

Sie sind die neue Gefahr: Muslimische Jugendliche, die in Europa aufwachsen und vom IS ferngesteuert Anschläge begehen. Unter ihnen sind immer mehr Mädchen – wie Safia S., die ab Donnerstag vor Gericht steht.

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Die heute 16-jährige IS-Unterstützerin Safia S. steht ab Donnerstag in Celle vor Gericht.
 

Quelle: Elsner/Polizei/Montage

Celle. Sie muss sich auf die Tat gefreut haben. Darauf, ein Zeichen zu setzen, berühmt zu werden, den Herrschern jenes mörderischen Kalifats namens IS zu gefallen. Jedenfalls ist es sehr schwer, die Nachrichten, die das Mädchen Safia S. eines Abends Ende Januar von Istanbul aus an ihre Freundin namens Ameena schickte, anders zu verstehen denn als eine glasklare Ankündigung.

„Ich werde die Ungläubigen überraschen, wenn Du verstehst, was ich meine“, schrieb Safia an jene Frau, die sie noch nie getroffen hatte. Ein paar Smileys setzte sie noch dahinter, dazu die Zeile: „U know Popcorn, it blows up.“ Du kennst doch Popcorn, es explodiert. Eine mörderische Drohung, verpackt in einen kleinen Scherz.

Viele Hinweise und Warnungen

Vier Wochen später, am Nachmittag des 26. Februar 2016, hat Safia S. die Ungläubigen, wie sie Nicht-Muslime nennt, tatsächlich überrascht . Dass eine 15-jährige Schülerin einem 34-jährigen Bundespolizisten im Hauptbahnhof von Hannover ein Messer in den Hals rammen könnte, damit hat nicht nur ihr Opfer nicht gerechnet. Die Tat hat auch die deutschen Sicherheitsbehörden vollkommen überrascht. Auch wenn es, wie inzwischen klar ist, viele Hinweise und Warnungen gab.

Wenn am Donnerstag vor dem Oberlandesgericht Celle der Prozess gegen die mittlerweile 16-jährige Deutsch-Marokkanerin Safia S. beginnt, dann ist das in doppelter Hinsicht ein besonderes Verfahren: Zum einen, weil die Tat nach Überzeugung der Ermittler der erste direkt vom „Islamischen Staat“ inspirierte und gelenkte Anschlag in Deutschland war. Zum anderen, weil dieses Vorgehen offenbar zum Modell für Nachahmer in Würzburg, Ansbach und zuletzt in Leipzig wurde.

„Hauptquelle der Gefahr“

Der Terrorismusexperte Peter Neumann vom King’s College in London nennt die ferngesteuerten Einzelgänger des Terrors gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) die „Hauptquelle der Gefahr“. Jugendliche, die sich hier im Stillen radikalisieren und dann den Anweisungen des IS folgen: „Das ist ein Szenario, das die Sicherheitsbehörden stark beunruhigt.“

Safia S. fand nicht in Aleppo oder Rabat zum radikalen Islam – es geschah mitten in Deutschland. Ihre aus Marokko stammende Mutter nimmt sie und ihre Geschwister schon als kleine Kinder mit zum Deutschsprachigen Islamkreis, einem Treffpunkt von Salafisten in der hannoverschen Nordstadt. Hier, in dem gelb verklinkerten zweigeschossigen Bau, wächst sie in die Welt der radikal konservativen Koranauslegung hinein. Ihr Vater, ein konvertierter ehemaliger Messebauer, der sich früh von der Familie trennte, gibt der Mutter eine Mitschuld an der Entwicklung: Safia „wurde viel gezwungen, den Koran auswendig zu lernen“, sagt er in einem Interview.

Kinderzimmerstar der salafistischen Szene

Ihr Eifer macht Safia S. zum Kinderzimmerstar der salafistischen Szene: Mit neun tritt sie mit dem radikalen Prediger Pierre Vogel in einem Youtube-Video auf. Ein großäugiges Mädchen mit Hidschab, das konzentriert Koransuren rezitiert und den bekannten Mann neben ihr flüsternd bittet, noch eine Erklärung zur Eröffnung der Moschee abgeben zu dürfen: „Wir Kinder wollen hier aufwachsen“, erklärt sie. Vogel ist entzückt – und freut sich über den deutschen Nachnamen des Mädchens: „Freunde, das ist die Zukunft“, ruft er.

Was aus dem strengen, in der Schule zurückhaltenden Mädchen dann die Terrorsympathisantin macht, ist nicht klar. Klar ist nur, dass sie den 13. November 2015, den Tag der Anschläge von Paris, in einem Chat, aus dem der „Spiegel“ zitiert, als ihren „Lieblingstag“ bezeichnet. Dass sie die Attentäter „unsere Löwen“ nennt. Und dass sie am 22. Januar in Hannover ein Flugzeug nach Istanbul besteigt. Ihr Ziel, nach Überzeugung der Ermittler: das IS-Gebiet in Syrien.

Niedrigschwelliges Angebot des Terrors

Für den IS-Experten Neumann folgte sie damit einem düsteren Trend: Früher sei der perspektiv­lose Mittzwanziger aus einem Problemstadtteil das Paradebeispiel für den typischen IS-Sympathisanten gewesen. „Seit der Gründung des Kalifats wurde der IS jedoch zunehmend auch für junge Frauen attraktiv“, erklärt Neumann. Als staatsähnliches Gebilde biete die Terrormiliz nun auch ­ihnen vermeintlich attraktive Lebensentwürfe.

„Die Demokratisierung des Dschihad“, so nennt Neumann in seinem gerade erschienenen Buch „Der Terror ist unter uns“ die neue Strategie der Terrormiliz: „Al-Kaida zum Beispiel akzeptierte lange nur besonders strenge männliche Muslime, der IS ist da viel weniger wählerisch.“ Ungebildete, Weltliche, selbst 15-jährige Mädchen: Für alle haben die Islamisten Verwendung. Selbst Sprengstoffkenntnisse sind nicht nötig, ein Gemüsemesser oder eine Axt reichen für einen Mord. Ein niedrigschwelliges Angebot des Terrors, das über das Internet verbreitet wird – und das zunehmend auch für Jugendliche hierzulande attraktiv wird. So folge Deutschland nun einer Entwicklung, die Experten in Frankreich oder Großbritannien schon länger beobachten: die der „home­grown terrorists“, jener im eigenen Land aufgewachsenen jungen Männer und Frauen, die hier geprägt sind, Schulen besuchen, vielleicht sogar wie Safia S. gute Zukunftschancen haben – und dann doch zur Waffe greifen.

Kommunikationsüberwachung extrem schwierig

Vor welche Probleme diese Gruppe die Ermittler stellt, auch das zeigt der Fall Safia S. Ende Januar gelang es der Mutter, sie von der Fahrt nach Syrien abzuhalten. Sie flog ihrer Tochter in die Türkei hinterher. Den zwei Jahre älteren Bruder Saleh, der ebenfalls auf dem Weg nach Syrien war, stoppten die türkischen Behörden, steckten ihn ins Gefängnis. Die Tochter nahm die Mutter wieder mit nach Hannover. Allerdings war Safia offenbar lange genug in Istanbul, um Kontakt zu Gewährsleuten des IS zu knüpfen – und diesen Kontakt auch von Hannover aus zu halten.

Die Kommunikation mit verschlüsselten Messenger-Diensten zu überwachen sei für die Sicherheitsbehörden allerdings extrem schwierig, sagt Neumann. „Selbst die Amerikaner haben da große Mühe.“ Im Falle von Safia S. kommt hinzu, dass die Ermittler die Jugendliche offenbar unterschätzen – und an rechtliche Grenzen stoßen. Zwar eröffnet die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen sie. Die Lehrer weisen die Behörden auf die Videos mit Pierre Vogel hin. Die Polizei beschlagnahmt das Handy von Safia S. Die arabischsprachigen Passagen der Chats können die Beamten aber erst Anfang März, einen guten Monat nach ihrer Rückkehr, übersetzen. Da ist es bereits zu spät.

Angst vor „hausgemachter Radikalisierung“

Offenbar erhielt Safia S. genaue Anweisungen für ihre Tat, so ergaben es später die Ermittlungen. Ihre Kontaktperson beim IS wies sie an, dem Polizisten seine Waffe zu entwenden und ihn damit zu erschießen. Sie könne damit nicht umgehen, wendet Safia noch ein. Am Tag vor der Tat nimmt sie, so schreibt es die Bundesanwaltschaft in ihrer Anklage, ein Bekennervideo auf und schickt es ihrer Kontaktperson beim IS. Dann steckt sie zwei Messer ein und geht in den Hauptbahnhof von Hannover.

Die Tat ähnelt damit in vielen Punkten den Anschlägen von Ansbach und Würzburg, die im Sommer die Republik aufschreckten. Auch jene Attentäter standen bis unmittelbar vor den Taten mit IS-Kontaktpersonen in Verbindung, erhielten Anweisungen und schickten Bekennervideos. Ein wichtiger Unterschied: Es handelte sich um Flüchtlinge. Neumann warnt davor, sich nur auf die Neuankömmlinge zu fokussieren: „Langfristig werden die meisten Fälle mit der hausgemachten Radikalisierung im Zusammenhang stehen.“

Mitangeklagter hatte sich nach Griechenland abgesetzt

Darauf deutet auch das Umfeld von Safia S. hin. Ihr Bruder, der 18-jährige Saleh, steht im Verdacht, im Februar zwei Molotowcocktails vom Dach der Ernst-August-Galerie geworfen zu haben. Mit Safia S. steht in Celle auch der 20-jährige Mohamad Hasan K. aus Hannover-Misburg vor Gericht: Er soll in ihre Anschlagspläne eingeweiht gewesen sein. Zudem ermittelt die Bundesanwaltschaft auch wegen der Bedrohung des Länderspiels im November 2015 in Hannover gegen ihn. Mohamad Hasan K. hatte sich vor Prozessbeginn noch nach Griechenland absetzen wollen, war aber Ende September dort von Polizeibeamten gefasst worden.

Von dem Prozess in Celle erhofft sich Neumann nähere Aufschlüsse darüber, wie genau der IS die Schülerin zu lenken versuchte. Unklar ist, ob die Öffentlichkeit viel davon erfahren wird: Wegen des jugendlichen Alters der Angeklagten könnte der Prozess hinter verschlossenen Türen stattfinden. Neumann prophezeit jedoch, dass es nicht der letzte dieser Art sein wird: „Ich befürchte, dass Deutschland noch mehr dieser ferngesteuerten Anschläge erleben wird.“

Von RND/Thorsten Fuchs

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Messerattacke auf Polizisten

Am Oberlandesgericht Celle hat der Prozess unter hohen Sicherheitsvorkehrungen gegen die mittlerweile 16 Jahre alte Safia S. begonnen – die Öffentlichkeit wurde aus Jugendschutzgründen ausgeschlossen. Sie hatte einem Bundespolizisten im Hauptbahnhof Hannover ein Messer in den Hals gerammt und schwer verletzt.

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