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Deutschland / Welt Putschisten wurden möglicherweise gelyncht
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17:54 16.07.2016
Eine der beiden teilweise gesperrten Bosporus-Brücken am Tag nach dem Putschversuch. Quelle: dpa
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Istanbul

Während des Putschversuchs in der Türkei in der Nacht zu Samstag sollen nach unbestätigten Berichten womöglich Soldaten misshandelt oder sogar gelyncht worden sein. Auf einem Video, das offenbar auf einer der Bosporus-Brücken in Istanbul aufgenommen wurde, ist ein Soldat zu sehen, der blutüberströmt auf dem Boden liegt. Derjenige, der das Video aufnimmt, sagt auf Türkisch: "Vier haben wir umgebracht, jetzt sind wir beim fünften. Hund!" Schüsse sind zu hören. Andere rufen "Gott ist groß", "Ungläubiger!" und "Krepier!". Mehrere treten auf den leblos wirkenden Körper ein. Das Video wurde via Twitter verbreitet.

Die dem Militär nahestehende Zeitung "Sözcü" berichtete am Samstag, ein aufgebrachter Mob habe einem Soldaten in Istanbul die Kehle durchgeschnitten. Regierungskreise bestätigten den Bericht zunächst nicht. Auf weiteren Aufnahmen ist zu sehen, wie Putschgegner einen Panzer umzingeln. Ein Demonstrant steigt auf das Dach und tritt auf den Soldaten in der Luke ein. Stimmen sind zu hören, die auf Türkisch rufen: "Schlag ihn! Schlag ihn!" Andere flehen: "Das ist ein Soldat! Hört auf!" Ein Polizist eilt dem Soldaten schließlich zur Hilfe.

Bereits am Mittag war bei einer Pressekonferenz von Ministerpräsident Binali Yildirim die Frage nach möglichen Lynchopfern aufgekommen. Auf die Frage einer Journalistin, ob er angesichts der Lynch-Stimmung auf einigen Straßen in der Nacht zum Samstag zur Mäßigung aufrufen wolle, sagte Yildirim, in der Hitze des Gefechts könnten Fehler passiert sein. "Dafür entschuldige ich mich." Er sei der Tag der Solidarität und nicht der Spaltung. Zur Frage, ob die Todesstrafe wieder eingeführt werden solle, sagte Yildirim, diese sei aus dem türkischen Gesetz gestrichen worden. Es werde jedoch über "zusätzliche Maßnahmen" diskutiert, die solche "Verrücktheiten" in Zukunft verhindern sollen.

An einer der beiden teilweise gesperrten Bosporus-Brücken, auf der es möglicherweise zu Lynchübergriffen kam, hatten Soldaten in der Nacht das Feuer auf demonstrierende Regierungsanhänger eröffnet. Zuvor hatte türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan seine Anhänger dazu aufgerufen, auf die Straße zu gehen und gegen den Putsch zu protestieren. Zehntausende folgten dem Aufruf, danach flog Erdogan zum Atatürk-Flughafen in Istanbul, wo er von jubelnden Anhängern empfangen wurde. Zeitgleich mobilisierte die Regierung alle loyalen Kräfte und schlug zurück. Unter dem Einsatz von Kampfflugzeugen und Panzern lieferten sich Putschisten und regierungstreue Truppen in Ankara und Istanbul schwerste Gefechte, wie sie das Land seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt hat. 

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Erdogan-Unterstützer und Polizisten sammeln sich an einem zurückgelassenen Panzer auf der Bosporus-Brücke in Istanbul.

Lage "vollständig unter Kontrolle"

Am Samstagmittag erklärte Ministerpräsident Yildirim in Ankara, die Regierung habe die Lage "vollständig unter Kontrolle". Nach seinen Angaben wurden 161 Zivilisten und Sicherheitskräfte getötet. Nach Angaben des Militärs starben außerdem 104 Putschisten. Mehr als 1440 Menschen wurden verletzt, wie Yildirim weiter mitteilte. Mehr als 2800 mutmaßliche Putschisten seien festgenommen worden. Acht Putschisten versuchten, sich in einem Militärhubschrauber nach Griechenland abzusetzen. Die türkische Regierung forderte die sofortige Auslieferung der "Verräter", wie der TV-Sender Habertürk berichtete.

Yildirim bezeichnete den Putschversuch als einen "Schandfleck für die türkische Demokratie". Die "Feiglinge" würden ihre gerechte Strafe bekommen. Auch der amtierende Armeechef Ümit Dündar drohte den Gegnern der Regierung in den Streitkräften mit Vergeltung. Dündar war als kommissarischer Generalstabsschef eingesetzt worden, nachdem die Putschisten Armeechef Hulusi Akar vorübergehend in ihre Gewalt gebracht hatten.

Die Hintergründe des Umsturzversuches blieben zunächst weiter im Dunkeln. Erdogan machte die Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen für den Umsturzversuch verantwortlich, was dieser vehement zurückwies. Erdogan forderte die Bevölkerung auf, auf der Straße zu bleiben. Es müsse mit einem "Wiederaufflammen" des Aufstands gerechnet werden, warnte er im Kurzbotschaftendienst Twitter.

Merkel warnt Türkei nach Putschversuch 

Unterdessen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den Putschversuch "auf das Schärfste" verurteilt, zugleich aber die Regierung in Ankara vor Überreaktionen gewarnt. Die beste Grundlage für die Wiederherstellung des inneren Friedens im Land sei "die Demokratie, die die Rechte aller achtet und Minderheiten schützt", sagte Merkel am Samstag in Berlin. Sie mahnte zudem, bei der Bestrafung der Umstürzler rechtsstaatliche Verfahren einzuhalten. "Gerade im Umgang mit den Verantwortlichen für die tragischen Ereignisse der letzten Nacht kann und sollte sich der Rechtsstaat beweisen", sagte die Kanzlerin, die erst am Samstag vom Europa-Asien-Gipfel in der Mongolei zurückgekehrt war. 

frs/dpa/afp

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