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Die Stadtflucht der Rechtsextremisten

Probleme auf dem Land Die Stadtflucht der Rechtsextremisten

Kahla ist für sein Porzellan und die mittelalterliche Leuchtenburg bekannt. Die Stadt südlich von Jena hat sich zuletzt aber auch zu einem Rückzugsort für Rechtsextreme entwickelt. Die Szene tritt immer selbstbewusster an die Öffentlichkeit.

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Nicht nur in Thüringen gibt es Probleme mit Rechtsextremismus. Auch in Sachsen-Anhalt wird regelmäßig gegen die rechte Szene demonstriert.

Quelle: dpa

Kahla. Der Tag beginnt für Heike Döbler mit einem Anruf bei der Polizei. Mal wieder. Am Vortag hatte ihre Bürgerinitiative in Kahla Plakate aufgehängt, die zum Protest gegen den „Thüringentag der nationalen Jugend“ am Samstag (15. Juni) aufrufen. „Die hingen keine 24 Stunden“, berichtet die 50-jährige überzeugte Christin. „Das ist schlimm in Kahla.“ Sie berichtet von Morddrohungen, Schmierereien, gestohlenen Briefkästen und eingeworfenen Fensterscheiben. „Das Problem Rechtsextremismus ist in der Stadt lange kleingeredet worden“, meint sie. Mittlerweile haben sich die Aktivitäten der Jenaer Neonazi-Szene, aus der die Terrorzelle NSU hervorging, nach Einschätzung von Beobachtern in den 7000-Seelen-Ort verlagert.

Von einer „Stadtflucht“ spricht der Soziologe Matthias Quent, der sich intensiv mit der extremen Rechten in Jena und Saalfeld befasst hat. Den Rechtsextremen sei der Widerstand in der Universitätsstadt wohl zu groß geworden, so dass sie sich neue Orte gesucht hätten. Dabei erinnert er an den enormen Protest in Jena gegen das Neonazi-Festival „Fest der Völker“ oder die Sperrung des sogenannten „Braunen Hauses“ durch die Stadt. Quent: „Das hat sich für die Akteure auch zu einer finanziellen Belastung entwickelt, und sie haben sich umgeschaut, wo es weniger Gegenwind zu erwarten gibt.“

Dabei wurden sie im etwas weiter südlich gelegenen Kahla fündig, wo der Rechtsextremist Karl-Heinz Hoffmann („Wehrsportgruppe Hoffmann“) aufwuchs und nach der Wiedervereinigung als Geschäftsmann aktiv war. Auch sogenannte Wehrsportübungen sollen dort abgehalten worden sein. Inzwischen verfügen die Rechtsextremen in Kahla über eine Immobilie, das Objekt „Burg 19“. Laut Verfassungsschutz wohnen dort auch aus anderen Bundesländern zugezogene Rechtsextreme und zudem ist dort ein Versandhandel untergebracht. Ebenso soll eine rechtsextreme Burschenschaft dort ihr neues Domizil gefunden haben.

Zwischen den Rechtsextremisten in Jena und Kahla gab es nach Einschätzung von langjährigen Beobachtern schon immer enge Kontakte. Der Verfassungsschutz spricht davon, dass die beiden Gruppierungen Freies Netz Jena und Freies Netz Kahla lediglich formell separat agieren. Die Neonaziszene der Region sei in Form einer Kameradschaft organisiert, der etwa 20 Personen zuzurechnen seien.  Hinzu kämen weitere Aktivisten, die aber keiner fest strukturierten Gruppe angehörten. „Innerhalb des rechtsextremistischen Spektrums Thüringens zählt die Neonaziszene in Jena/Kahla zu den aktiveren Zusammenschlüssen“, konstatiert das Landesamt für Verfassungsschutz.

Nach Einschätzung des Soziologen Peter Schulz, der momentan an der Universität Jena die rechtsextreme Szene in Kahla untersucht, steht die Stadt an einem Scheideweg. Bisher habe die dortige Szene noch keine überregionale Strahlkraft entfaltet, erklärt er. „Es haben sich aber belastbare Strukturen für rechtsextremes Engagement entwickelt. Und der „Thüringentag der nationalen Jugend“ ist Ausdruck ihres neuen Selbstbewusstseins.“ Sollte es ihr gelingen, das Festival ohne viel Gegenwind durchzuziehen, dann könnte sie deutlichen Schub erhalten.

Begründer dieses Musikfestivals mit Reden von Szenegrößen ist Ralf Wohlleben, der im Münchner NSU-Prozess wegen Beihilfe zum Mord angeklagt ist. 2002 fand das Festival das erste Mal in Jena statt und lockte in den folgenden Jahren jeweils mehrere Hundert Teilnehmer an – 2011 waren es in Sondershausen etwa 800. Beobachter gehen davon aus, dass sich die Szene mit dem diesjährigen Festival erneut mit Wohlleben solidarisieren will. Das Landratsamt rechnet mit bis zu 300 Rechtsextremen und mehreren hundert Teilnehmern bei den Gegenveranstaltungen.

Das Gros der Gegendemonstranten werde wohl nicht aus Kahla kommen, sagt Heike Döbler von der Initiative „BürgerInnen für Zivilcourage“. Sie beklagt das Schweigen vieler Bürger: „Viele hier meinen, es wäre besser, sich ruhig zu verhalten. Wir werden von einigen als Provokateure und Nestbeschmutzer empfunden. Das ist eine sehr belastende Situation.“

dpa

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