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So erlebten Briten in Berlin den Brexit

Referendum-Party im Roten Salon So erlebten Briten in Berlin den Brexit

"With or without UK" war das Motto der Referendum Party im Roten Salon der Berliner Volksbühne. Dort fieberten in der vergangenen Nacht Briten gemeinsam dem Votum entgegen – und wurden am Ende, ausnahmlos, bitter enttäuscht.

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Dem Brexit entgegen: Viele in Berlin lebende Briten verfolgten das Referendum im Roten Salon der Berliner Volksbühne.

Quelle: Melanie Höhn

Berlin. "Schlimmer hätte es nicht werden können. Großbritannien wird jetzt eine Zeit großer politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit durchmachen", sagt der Brite Jon Worth, einer der wichtigsten Blogger über EU-Politik und Demokratie, nach dem Brexit. "Schottland und London haben für einen Verbleib gestimmt, aber die Mehrheit der Briten für den Austritt aus der EU." 

John Worth war Mitorganisator der "With or without UK EU Referendum Party" im Roten Salon der Berliner Volksbühne - die Stimmung kippte dort schon kurz vor 23 Uhr, als auf dem großen Bildschirm der BBC-Livestream aufleuchtete. Jeder, der diese Nacht unter dem Motto "No man is an island, no country by itself" zum Tag machte, hatte seine ganz eigene Verbindung zu Großbritannien. Doch eines hatten die Berliner Briten gemeinsam: Auf gar keinen Fall wollten sie einen Brexit – niemand der Anwesenden hob die Hand, als Moderatorin Daphne Büllesbach kurz vor der Podiumsdiskussion in die Runde fragte, ob jemand einen Austritt aus der EU befürwortet.

Eine Feier für Europa

Als dann der BBC-Moderator Punkt 23 Uhr sein "Big Ben has struck ten" und somit die Schließung der Wahllokale verkündete, wich die ausgelassene Partystimmung vielen ernsten Mienen. Jeder, der das Glück hatte, in dieser heißen Nacht ein kühles Getränk in seinen Händen zu halten, krallte sich jetzt daran wie an einen Strohhalm.

Zu diesem Zeitpunkt war noch die Hoffnung eines "Remains" zu spüren – wie etwa bei dem Grünen-Bundestagsabgeordneten Dieter Janicek: "Ich bin leicht optimistisch, dass die britischen Leute eine Veränderung scheuen." Für ihn bedeutete die Berliner Wahlparty mit Gleichgesinnten auch eine Feier für Europa, wie er sagte. 

Die menschliche Natur schafft Bündnisse

Im Laufe des Abends bildeten sich viele Grüppchen, die aufgeregt ihre Ansichten über einen Brexit austauschten und ein Was-wäre-wenn-Szenario durchspielten. Unter ihnen war der 27-Jährige Peter Vine aus Yorkshire, der seit März in Berlin arbeitet und für einen Verbleib in der EU gestimmt hat: "Zwar ist meine ganze Familie für den Brexit, aber ich finde es besser, zu bleiben. Es gibt keine Alternative."

Auch sein Arbeitskollege Sam Aylett sah das so. Der Londoner lebt schon seit zwei Jahren in Berlin und hat hier eine deutsche Freundin. "Ich glaube, dass Großbritannien in der EU bleibt, denn ich vertraue in die Menschlichkeit. Die menschliche Natur ist so geschaffen, dass wir Bündnisse mit Menschen und Nachbarn schließen. Im Falle eines Brexit wird sich Großbritannien isolieren. Das bringt dieses Land einen Schritt zurück. Ich als Brite möchte ein Teil Europas sein", sagte er.

"Weltweite Probleme lassen sich nur zusammen lösen"

Um Mitternacht musste die Party aus organisatorischen Gründen in den Grünen Salon nebenan verlegt werden, eine halbe Stunde später wurde es dann richtig spannend: Der erste Wahlkreis hatte abgestimmt. Gibraltar votierte mit deutlicher Mehrheit für einen Verbleib in der EU. Hoffnung machte sich breit. Johannes Kunatz von der Jungen Europäischen Bewegung, der später als einer der letzten die Wahlparty verließ, freute sich über dieses erste Ergebnis. Für ihn ist das gemeinschaftliche Verfolgen der Wahl ein bisschen wie WM-Schauen, sagte er.

Der 30-Jährige hat eine besondere Verbindung zu Großbritannien, denn er studierte ein Jahr Europapolitik in London. Er gab zu Bedenken: "Der Dominoeffekt im Falle eines Brexit wäre für alle anderen Länder zu stark. Außerdem glaube ich, dass wir die großen weltweiten Probleme nur zusammen lösen können. Europa soll vor allem den Klimawandel vorantreiben, eine gemeinsame Sprache in der Sicherheitspolitik sprechen und in Sachen Forschung und Bildung gut vernetzt zusammenarbeiten."

Hoffnung muss der Realität weichen

Gegen 3 Uhr lichteten sich die Reihen, einige konnten sich kaum noch wachhalten. Doch Mehdi Jadoual, ein überzeugter Europäer, der schon seit 2007 abwechselnd in Berlin und Paris lebt, verfolgte die BBC-Berichterstattung noch immer scharfsinnig. Jetzt stand es knapp für einen Brexit, doch er warnte: "Es wäre eine Katastrophe, wenn Großbritannien die EU verlässt", sagte der gebürtige Marokkaner. "Das Vereinigte Königreich ist ein wichtiger Markt und eine wichtige Macht in Europa."

Gegen 3.38 Uhr verkündete Mitorganisator Andreas Bock von Eurotopics, dass die Party nun zu Ende ist und verabschiedete sich mit dem hoffnungsvollen Satz "It’s too close to call" in die Nacht – Es ist zu knapp, um eindeutig zu sein. Drei Stunden später musste diese Hoffnung der Realität weichen.

Von Melanie Höhn

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