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Wo ist die demokratische Mitte?

AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt Wo ist die demokratische Mitte?

In Raguhn in Sachsen-Anhalt ist die AfD stärkste Kraft. Jeder Dritte hat die Rechtspopulisten gewählt. Sogar der örtliche SPD-Kandidat glaubt, dass die AfD etwas richtig gemacht hat. Besuch in einem neuen Deutschland.

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"Ich bin rechts, aber nicht inhuman": Sarah Sauermann, Volker Olenicak und Daniel Roi, Gewinner der AfD-Direktmandate.

Quelle: Jan Sternberg

Raguhn/Bitterfeld. Die Brücke im Zentrum von Raguhn ist klobig und neu. Sie wurde nach dem großen Hochwasser 2002 errichtet, als die Mulde große Teile der flachen Landschaft überschwemmt hatte. Nun ist eine neue Flut nach Raguhn gekommen. Hier, in der 10.000-Einwohner-Stadt nördlich von Bitterfeld, hat die rechtspopulistische AfD ihr bundesweit bestes Ergebnis eingefahren: 35 Prozent Erststimmen für den AfD-Direktkandidaten Volker Olenicak. Er hat mit großem Abstand das Direktmandat geholt. Auch bei den Zweitstimmen liegt die AfD mit 34 Prozent um Längen vor der CDU mit 27,5 Prozent.

"Die AfD ist jetzt hier Volkspartei"

Die Sozialdemokraten sind bei jämmerlichen 8,6 Prozent gelandet. Sie werden vertreten von einem Tischlermeister, der an der Tür seiner kleinen Werkstatt lehnt und traurig in die Sonne blinzelt. "Es ist Zeit für Steffen Berkenbusch", steht auf seinem Plakat an der Brücke. Steffen Berkenbusch fürchtet, dass die Zeit für die SPD in Sachsen-Anhalt abgelaufen ist. "Wir haben den Staffelstab abgegeben", sagt der schwere 43-Jährige, "die AfD ist hier jetzt die Volkspartei." Wann die SPD wieder auf die Beine kommt? Der Meister ist ratlos.

In seiner Werkstatt liegt ein wurmstichiger Holzschrank aufgebockt, den kriegt Berkenbusch wieder hin, das ist sein täglich Brot. Die Aufträge des Staates, sagt er, gingen eh nicht an die ortsansässigen Handwerker. Der Tischler lebt von Leuten, die Rente oder Mindestlohn bekommen, seine Gewinnspanne ist mager.

Sozialdemokrat schimpft über die eigene Partei

Um die kleinen Leute müsste sich die SPD wieder kümmern, um ihre Ängste und Sorgen, sagt er. Die AfD, die mache genau das. "Die wurden nicht nur aus Protest gewählt, sondern vor allem aus Unzufriedenheit", sagt Berkenbusch. Die AfD habe 100.000 Nichtwähler mobilisiert, "das ist nie einer von uns etablierten Parteien gelungen".

Der Sozialdemokrat schimpft über die SPD in Sachsen-Anhalt, wie es ein AfD-Wähler nicht besser könnte. Eine schwache Partei ohne klare Linie, die nur die Steigbügel für die CDU hält und die kleinen Leute alleine lässt. Wenn es nach Berkenbusch ginge, sollten sich die Sozialdemokraten aus der Regierung zurückziehen. "Haseloff kann doch mit den Linken koalieren", grummelt er. "Oder die AfD in die Pflicht nehmen. Die sollen mal zeigen, was sie können."

Aus dem Schreckgespenst wird Realität

Die AfD in Raguhn, das ist zunächst einmal Sarah Sauermann, eine 27-jährige Architektin, die in ihrem Elternhaus an der Hauptstraße lebt und mit Berkenbusch in Stadtrat und Kreistag sitzt. Berkenbusch hat nur gute Worte für sie. "Eine sehr intelligente Person", nennt er sie, "und die Partei steht geschlossen hinter ihrer Sache." Die Volkspartei AfD, ein Schreckgespenst ist das für Berkenbusch nicht mehr. Es ist die Realität.

Sarah Sauermann hat im nahen Bernburg das Direktmandat geholt, Volker Olenicak in Bitterfeld und Raguhn, der Kreisvorsitzende Daniel Roi in Wolfen. Alle haben über 30 Prozent eingefahren, keiner von ihnen hat mit so einem Erdrutschsieg gerechnet.

"Sie wollen nicht bei den etablierten Parteien mitmachen"

Am Vormittag danach stehen sie auf dem Marktplatz von Bitterfeld, noch voller Adrenalin, und geben ein Interview nach dem anderen. Arte, Spiegel Online, Lokalpresse. Sie reden sich den Mund fusselig, manchmal reden sie sich auch um Kopf und Kragen. Sauermann, schmal, blass, schwarzhaarig, hält dabei einen Strauß AfD-Luftballons fest.

Gleich nach der Parteigründung vor drei Jahren ist sie in die AfD eingetreten, endlich gab es eine politische Kraft im Land, die ihr zusagte. "Ich war eigentlich immer schon politisch", sagt sie, "und die Jugend in Sachsen-Anhalt ist allgemein wacher, als einige behaupten. Aber sie wollen nicht bei den etablierten Parteien mitmachen."

"Ich bin rechts, aber nicht inhuman"

Vielleicht ist das der Schlüssel zum Problem Sachsen-Anhalts: Wenn eine intelligente junge Frau wie Sarah Sauermann die Parteien quer durch die Bank für verschnarcht, potenziell korrupt und auf keinen Fall dem Bürger zugewandt hält, dann muss jenseits aller Ideologie irgendetwas schief gelaufen sein zwischen Harz und Elbe. "Wir sind überall Schlusslicht", sagt Sauermann. Drei Viertel ihrer Freunde sind weggezogen, der Arbeit hinterher.

Volker Olenicaks Tochter hat es bis ans andere Ende der Welt verschlagen, seit sechs Jahren lebt sie in Australien. "Wir müssen unsere Heimat schützen", sagt er, und meint damit auch, dass die jungen Leute eine Perspektive im Land behalten sollen. Was er noch mit solchen Sätzen meint, bleibt vage. "Ich bin rechts", sagt er, "schließlich bin ich in einer rechtskonservativen Partei. Aber ich bin nicht inhuman. Ich will die Flüchtlinge nicht in ein Lager sperren und einen Zaun drumherum ziehen."

Spagat zwischen Parlament und Straße

Seit einem Jahr steht Olenicak, 49, wöchentlich auf dem Bitterfelder Marktplatz, hält Mahnwachen ab und organisiert "Spaziergänge". Es nimmt teil: das übliche Spektrum von besorgten Bürgern über Verschwörungstheoretiker bis zu ganz Rechten. "Es sind auch Leute dabei, da muss man noch einiges nachkorrigieren", sagt Olenicak, und dass er niemanden aufgeben will. Die Demos gehen weiter, kündigt er an. Die AfD will in Sachsen-Anhalt den Spagat wagen, gleichzeitig im Parlament zu sitzen und auf der Straße außerparlamentarische Opposition zu sein.

Zurzeit funktioniert das perfekt. Immer wieder beglückwünschten ihn gestern Passanten und verabschiedeten sich mit: "Wir sehen uns auf dem Marktplatz." Wer ihn als Nazi beschimpfe, stachele ihn nur noch mehr an, sagt Olenicak. Und dass ihn die Parteienlandschaft in Sachsen-Anhalt allzu sehr an die DDR erinnert habe: "Ihre Stimme den Kandidaten der Nationalen Front", grinst er. "Die haben sich doch alle nicht voneinander unterschieden. Aber jetzt sind wir da."

Roi ist der gefährlichste unter den AfD-Stars

Auch Daniel Roi will weiter demonstrieren, jeden zweiten Sonntag in Raguhn. Auf Facebook hat er ein Bild von der Demo als Profilbild, darauf ein Wegweiser mit den Worten "Refugees welcome" und einem Pfeil Richtung Kanzleramt. "Ich werde berichten, wie es mir im etablierten Mief ergeht", sagt er lachend.

Der 28-jährige Diplom-Landwirt ist vielleicht der gewiefteste und gefährlichste unter den neuen AfD-Stars. Er hat Frauke Petry und den Nationalisten Björn Höcke nach Raguhn eingeladen. Er gibt sich verbindlich, tendiert aber nach weit rechts. Wie Höcke und André Poggenburg nennt er das neurechte "Institut für Staatspolitik" als Inspirationsquelle. "Wir müssen wieder die Frage nach der deutschen Identität stellen", sagt er.

In Raguhn überquert Rosmarie Hahn die neue Brücke. Die Seniorin schimpft auf die Politiker, die sich nur um die Flüchtlinge kümmerten und nicht um die Deutschen, die in Armut lebten. "Die wollen nur, dass es den Ausländern gut geht. Der Erfolg der AfD wundert mich überhaupt nicht." Hat sie denn AfD gewählt? "Nein, SPD, wegen Steffen Berkenbusch. Die AfD kann nicht mehr, als immer nur 'Merkel muss weg' zu rufen." Man wird sehen.

Von Jan Sternberg

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