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Rösler: „Es ist nicht leicht, ein Liberaler zu sein“

FDP-Vorsitzender im Interview Rösler: „Es ist nicht leicht, ein Liberaler zu sein“

Philipp Rösler, 39, steht angesichts schlechter Umfragewerte seit Monaten in der Kritik – auch in der eigenen Partei. Mit HAZ-Redakteur Dirk Schmaler sprach er über schlechte Umfragewerte, 
zermürbende Rücktrittsforderungen – und die Kunst, in schwierigen Zeiten die Nerven zu behalten.

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Hannover, 02.01.2013: Bundeswirtschaftsminister Philipp Roesler ist zu Besuch in der Redaktion der HAZ. Foto: Philipp von Ditfurth

Quelle: von Ditfurth

Hannover. Herr Rösler, haben Sie einen guten Vorsatz fürs neue Jahr gefasst?

Mein wichtigster Vorsatz ist, dass wir als Liberale erfolgreich sein werden ...

Dieser Vorsatz könnte schon am 
20.  Januar scheitern, wenn die Niedersachsen die FDP, wie es die Umfragen vermuten lassen, nicht in den Landtag wählen. Sie waren in Hannover Minister, Ihr Schicksal als Bundesvorsitzender ist eng mit der Wahl verknüpft. Wie wollen Sie das noch drehen?

Es ist keine neue Situation, dass Umfragen die FDP knapp nicht in einem Landtag sehen. Vor genau einem Jahr war es ähnlich in Schleswig-Holstein – das Wahlergebnis lag dann bei acht Prozent. In Nordrhein-Westfalen lag die FDP in Umfragen sogar bei zwei Prozent, als die Neuwahlen ausgerufen wurden. Am Ende wurden es ebenfalls mehr als acht Prozent. Ich bin davon überzeugt, dass wir eine gute Bilanz, mit Stefan Birkner einen guten Spitzenkandidaten und ein gutes Wahlprogramm haben.

Das heißt nicht, dass das auch in Niedersachsen klappt.

In Niedersachsen ist die Ausgangslage für die FDP besser, als viele denken. Ich nehme im Land Zufriedenheit mit der Regierung und keine Wechselstimmung wahr. Und jeder weiß: Wenn die erfolgreiche Regierungsarbeit von CDU und FDP in Niedersachsen fortgesetzt werden soll, braucht es eine starke FDP. Außerdem haben wir mit dem Schuldenabbau ein liberales Thema, das uns von den anderen Parteien unterscheidet.

Entwicklungsminister Dirk Niebel ist der Meinung, die Führung der Partei habe die Kampagnenfähigkeit verloren. Was sagt der FDP-Chef dazu?

Die Mitglieder achten sensibel darauf, welche Interviewaussagen der Partei und dem Wahlkampf helfen und welche nicht. Je mehr Termine man in Niedersachsen macht, desto mehr kann man sich auch von der Kampagnenfähigkeit dieser Partei überzeugen. Bestes Beispiel ist das Volksbegehren „Schluss mit neuen Schulden“ der FDP in Niedersachsen.

Wie viele Termine macht denn Minister Niebel in Niedersachsen?

Weniger, als er Interviews gibt.

Wie gehen Sie damit um, jeden Tag in der Zeitung zu lesen, dass Sie zurücktreten sollten? Machen Sie Yoga, oder gehen Sie joggen?

Joggen gehe ich nicht. In schwierigen ­Zeiten muss man die Nerven behalten. In einer Partei ist das zuerst der Vorsitzende. Und das mache ich. Der FDP-Ehrenvorsitzende Hans-Dietrich Genscher hat mir einmal gesagt, dass man die Kritik nicht persönlich nehmen darf – selbst wenn sie persönlich formuliert wird. Es geht nicht gegen die Person, sondern gegen das Amt des Vorsitzenden. Das muss man wissen.

Franz Müntefering hat den SPD-Vorsitz mal zum schönsten Amt neben Papst erklärt. Wie sehen Sie heute ihr Amt als FDP-Chef?

Die Partei macht eine schwierige Phase durch. Gerade deswegen habe ich mich damals entschieden, Verantwortung zu übernehmen und die Partei wieder zum Erfolg zu führen.

Klaus Kinkel übernahm 1993 die Parteiführung. Er war erst zwei Jahre vorher, kurz nach seiner Ernennung zum Justizminister, in die Partei eingetreten. In die Amtszeit Kinkels, der 1992 zum Außenminister ernannt wurde, fielen 14 Wahlen, bei denen die Liberalen schwere Verluste erlitten. Daraufhin trat Kinkel 1995 als FDP-Chef zurück.

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Es ist also alles so gekommen, wie Sie es sich vorgestellt hatten, als Sie im Mai 2011 das Amt übernahmen?

Ich bin lange genug in der Partei, um zu wissen, dass es nicht einfach ist, ein Liberaler zu sein. Aber es ist notwendig. Deutschland braucht die liberale Partei FDP.

Wachen Sie denn manchmal auf und wollen alles hinschmeißen?

Diese Frage habe ich mir nie gestellt.

Haben Sie Fehler gemacht?

Ich hätte mir die inhaltliche Neuausrichtung der Partei schneller gewünscht. Wir waren mehr als zehn Jahre vor allem auf ein Thema konzentriert, auf Steuerentlastungen. Ich habe versucht, die Themen Wachstum, solide Haushalte und stabiles Geld allmählich in den Vordergrund zu rücken. Zum Glück wird das von der Partei inzwischen gut angenommen.

Nicht nur die Steuerpolitik hat sich angesichts leerer Kassen geändert. 
Auch in der Atompolitik und in der Frage der Wirtschaftspolitik hat sich die gesellschaftliche Stimmung gedreht. Hat die FDP den Anschluss an den Zeitgeist verloren?

Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, wird sehr schnell Witwer. Wir haben den Ausstieg aus der Kernenergie als Koalition nach dem Unglück in Fukushima beschlossen, also eine Sachentscheidung getroffen. Gleiches gilt für die Wirtschaftspolitik. Liberale Politik im Sinne der sozialen Marktwirtschaft ist die beste Antwort auf Krisen. All das, was sich rote, grüne und linke Staatsgläubige vorstellen, wird in vielen Ländern umgesetzt. Wo der Spitzensteuersatz erhöht wird, wo die Lebensarbeitszeit verkürzt wird, zeigen sich aber die Ergebnisse einer solchen Politik: hohe Schulden, wenig Wachstum und hohe Arbeitslosigkeit. Wir können also sehen, wie unterschiedliche Konzepte auch unterschiedliche Wirkungen haben. Zum Glück wird das andernorts zunehmend erkannt, und man steuert um. Für die Opposition in Deutschland gilt das nicht.

Sie haben gerade ein Positionspapier vorgestellt, in dem sie die Privatisierung von Staatsunternehmen fordern. Die Reaktion auch in der eigenen Koalition war überwiegend ablehnend.

Dass andere Parteien unser Konzept kritisieren, ist keine Überraschung. Das Jahr 2013 wird aber wirtschaftlich schwieriger. Es ist daher meine Aufgabe als Wirtschaftsminister, Antworten zu geben, um Wohlstand und Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern. Privatisierungen zur rechten Zeit können dabei helfen, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu erhalten und zu stärken.

Sie fordern auch eine Lockerung des Kündigungsschutzes. Dabei ist die Unsicherheit unter Arbeitnehmern hoch. Ist das die alte Klientelpartei FDP, die auf die Arbeitgeber setzt?

An der Zunahme der Zeitarbeit sieht man, dass die Unternehmen mehr Flexibilität brauchen. Diejenigen, die außerhalb des ersten Arbeitsmarktes stehen, leiden häufig unter zu hohen und starren Eintrittshürden. Wer wirklich an diejenigen denkt, die arbeitslos sind, muss deshalb zu flexiblen Lösungen bereit sein.

Erklären Sie am Tag nach der Wahl, ob Sie im Mai erneut für das Amt des FDP-Chefs kandidieren?

Diese Frage steht jetzt nicht an. Ich habe immer gesagt, dass wir Schritt für Schritt gehen. Der nächste Schritt ist der Erfolg in Niedersachsen. Darauf konzentrieren wir all unsere Kräfte.

Interview: Dirk Schmaler

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