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Rösler erklärt 2011 zum Jahr der Pflege: Bestandsaufnahme aus der Praxis

Interview mit Studenten Rösler erklärt 2011 zum Jahr der Pflege: Bestandsaufnahme aus der Praxis

Gesundheitsminister Rösler hat 2011 zum Jahr der Pflege erklärt. Manuel Ahting, Ulrike Schumacher und Sandra Mehmecke sind Studenten der Fachhochschule für Diakonie, Gesundheit, Soziales in Hannover. Sie alle sind examinierte Krankenpfleger, sie studieren in ihrer Freizeit. Im Folgenden ein Gespräch über einen zukunftssicheren Beruf, dem es vor allem an einem mangelt: Anerkennung.

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Europäischen Standards nicht gewachsen? Pflege in einem deutschen Seniorenheim.

Quelle: dpa (Archiv)

Schlechte Arbeitsbedingungen, schlecht bezahlt – und eine Ausbildung, die neue Entwicklungen verschlafen hat. Um die Pflege und die Pflegekräfte in deutschen Altenheimen und Krankenhäusern ist es schlecht bestellt. In der Pflege hält das Land, in dem die medizinische Versorgung eigentlich vorzüglich ist, dem europäischen Vergleich nicht stand. Jetzt soll die Ausbildung durch ein neues Berufsgesetz grundlegend modernisiert werden. Im kommenden Jahr, so hat Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) angekündigt, soll die Ausbildung der Alten- , Gesundheits- und Krankenpflege erstmals zu einer gemeinsamen Pflegeausbildung zusammengeführt werden. Experten fordern zudem seit Längerem eine Akademisierung der bislang dualen Ausbildung in Pflegeschulen (theoretisch) und Pflegeeinrichtungen (praktisch) wie in anderen Ländern längst üblich. Erste Schritte dazu gibt es seit 1988 mit berufsbegleitenden Bachelorstudiengängen an Fachhochschulen, unter anderem in Hannover. Ein eigenständiges Hochschulstudium nach skandinavischem oder französischem Muster wird bislang nur erprobt.

An der Fachhochschule für Diakonie, Gesundheit, Soziales in Hannover liegen die Schwerpunkte bei Patienten- und Angehörigenberatung, Pädagogik, Organisation und Management. Manuel Ahting (24), Ulrike Schumacher (47) und Sandra Mehmecke (27) stehen kurz vor dem Abschluss ihres siebensemestrigen Studiums. Sie alle sind examinierte Krankenpfleger, sie studieren in ihrer Freizeit. Im Folgenden ein Gespräch über einen zukunftssicheren Beruf, dem es vor allem an einem mangelt: Anerkennung.

Sie sind etwas Besonderes. Sie gehören zu den drei bis sechs Prozent der Schulabgänger, die sich für einen Pflegeberuf entschieden haben. Wie kam´s?

Mehmecke: Ich habe mich früh in der Familie mit dem Tod auseinandersetzen müssen. Bereits mit 17 Jahren, nach dem Realschulabschluss, habe ich mich für diese Ausbildung entschieden.

Viele wollen nichts mit dem Tod zu tun haben.

Mehmecke: Ich habe erfahren, dass Pflege von Menschen sehr viel Freude machen kann – auch in kritischen Situationen.

Ahting: Bei mir liegt der Beruf sozusagen in der Familie. Meine Oma hat im Krankenhaus geputzt. Meine Mutter ist gelernte Krankenschwester. Meine Schwester ist Köchin im Krankenhaus. Es ist ein sehr sozial eingestelltes Elternhaus. Nach dem Abitur habe ich ein soziales Jahr gemacht. Dann hat es Klick gemacht. Ich wollte helfen.

Haben Ihre Freunde Ihre Wahl verstanden?

Ahting: Nein. Viele Freunde sagen, dass sie sich nicht vorstellen könnten, anderer Leute Ausscheidungen zu beseitigen. Auch das Leid schreckt viele ab. Pflege ist eine nahe Arbeit am Menschen. Viele wollen lieber Abstand halten.

Schumacher: Ich bin auf dem Land groß geworden. Die Ausbildung zur Krankenschwester war meine Chance rauszukommen. Damals hatte ich auch noch die Idee, in die Welt zu ziehen, auch mal nach Afrika. Ich habe 50 Bewerbungen geschrieben, und da es in den achtziger Jahren nicht viele Ausbildungsstellen gab, war es für mich ein großes Privileg, einen Platz zu bekommen. Die Krankenpflege gehörte zu den bestbezahlten Ausbildungsberufen.

Athing: Das ist heute noch so. Ich habe im dritten Ausbildungsjahr mit 800 Euro deutlich mehr verdient als ein Freund, der Kfz-Mechatroniker gelernt hat. Aber er verdient heute wesentlich mehr, denn der Gehaltssprung, den man nach der Ausbildung als examinierte Pflegekraft macht, der ist nicht groß.

Schumacher: Alle Fort- und Weiterbildungen schlagen sich nicht im Gehalt nieder. Man macht es fürs Ego, aber nicht wegen des Geldes. In der freien Wirtschaft ist das anders.

Jetzt studieren Sie alle drei in Ihrer Freizeit. Warum?

Mehmecke: Für mich war es eine politische Entscheidung. Als immer mehr gespart wurde und Stellen abgebaut wurden, wurde mir klar, dass sich die Pflege professionalisieren muss. Wir müssen die Rahmenbedingungen für Pflegende und Patienten ändern.

Warum ist ein Studium eine politische Entscheidung?

Mehmecke: Weil ich den Weg, den viele wählen, nicht wollte. Viele Pflegekräfte resignieren und kündigen innerlich. Oder sie steigen aus dem Beruf aus – im Schnitt nach acht Jahren. Ich will die Rahmenbedingungen verändern, denn ansonsten könnte ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, noch in diesem Beruf zu bleiben.

Dann lassen Sie uns darüber reden, warum viele aussteigen.

Schumacher: Weil die Arbeitsverdichtung in den letzten zehn Jahren enorm gestiegen ist. Früher habe ich als Krankenpflegerin in der Intensivmedizin zwei schwerstkranke, beatmete Patienten versorgt. Heute sind es drei und mehr. Hinzu kommt die Entwicklung der Medizintechnik. Die Geräte müssen ja bedient werden. Die Frage, wem Sie sich in der knappen Zeit zuwenden, müssen Sie mit ihrem eigenen Gewissen aushandeln. Das ist ein immenser Druck.

Wie kommt man mit diesem Druck klar?

Schumacher: Ich komme nur damit klar, weil ich entschieden habe, nicht voll zu arbeiten. Ich kann es mir leisten, weil ich nicht der Hauptverdiener bin. Mein Hauptmotiv für das Studium war der Wunsch, der Pflege eine Stimme zu geben.

Ahting: Bislang schreien andere lauter, und die kriegen auch was. Der Pflege fehlt Anerkennung und Ansehen. Notwendig ist die Akademisierung des Berufs, denn Akademisierung bedeutet mehr Standing und Ansehen.

In vielen Ländern werden Pflegekräfte längst generell an Fachhochschulen ausgebildet.

Ahting: Viele Länder sind weiter. Wir haben zwar mittlerweile 50 Studiengänge, aber die Arbeitsangebote sind noch mangelhaft.

Ich denke, die Pflege hat Zukunft?

Ahting: Klar, niemand muss Angst haben, arbeitslos zu sein. Aber wenn ich heute Stellenangebote in der Kranken- und Altenpflege anschaue, dann stammen zwei Drittel von Zeitarbeitsfirmen. Wir wünschen uns eine Arbeit, die zufrieden macht.

Wäre der Pflege geholfen, wenn weniger dokumentiert werden müsste?

Ahting: Die Dokumentation ist wichtig und unverzichtbar. Aber sie sollte den Pflegeprozess abbilden, einschließlich wichtiger Dinge wie Gespräche mit dem Patienten. Derzeit dient sie nur der rechtlichen Absicherung.

Mehmecke: Dieser Hype um Entbürokratisierung lenkt von den wirklichen Problemen der Pflege ab. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass dies nicht zu mehr Zeit für die eigentliche Pflege führt.

Die Politik hat vorgeschlagen, Hilfskräfte mit der Dokumentation zu betreuen.

Athing: Das ist doch Kokolores. Was soll jemand über einen Patienten aufschreiben, den er nicht kennt? Was bringt das dann an Zeitgewinn, wenn ich einer Hilfskraft berichte, was sie aufzuschreiben hat?

Mehmecke: Es ist doch eine anspruchsvolle Aufgabe. Und die sollen nun Hilfskräfte übernehmen? Viele Pflegekräfte wandern wegen der schlechten Rahmenbedingungen in Deutschland aus.

Wohin?

Mehmecke: In die Niederlande, die Schweiz, nach Norwegen. 2003, während meiner Ausbildung, kamen Vertreter von norwegischen Pflegeeinrichtungen in die Pflegeschule, um uns abzuwerben. Sie boten auch Sprachkurse an. Viele machen es.

Lockt das Geld?

Mehmecke: Die Anerkennung lockt, und die besseren Arbeitsbedingungen. Pflegenden wird mehr zugetraut. In Norwegen heißt Pflege, Begleitung der Menschen im Kranksein und Gesundwerden. Oft ist die Pflegefachkraft die erste Ansprechpartnerin; sie ist die Lotsin. Diese zukunftsorientierten Konzepte wünschen wir uns auch für Deutschland. Langfristig spart man damit Kosten und erhöht die Qualität der Versorgung.

Warum ist die Pflege in Deutschland so schlecht angesehen? Hat die Politik versagt?

Mehmecke: Das wäre zu einfach.

Schumacher: Wir haben ein sehr auf Ärzte zentriertes Versorgungssystem. Die Ärztefunktionäre stimmen der Delegation von Aufgaben an die Pflegekräfte zu, aber die Substitution lehnen sie ab. Dabei übernehmen wir bereits sehr viel, aber unter der Hand

Ahting: Die Ärzte sehen sich als die maßgeblichen Verantwortlichen im Gesundheitswesen. Substitution hieße, dass sie auch Verantwortung abgeben. Das wollen sie nicht.

Schumacher: In der Praxis führt das zu absurden Abläufen. Eine Kollegin in der ambulanten Altenpflege erzählt, dass sie einen halben Tag unterwegs ist, weil sie erst ein Rezept vom Arzt besorgen muss, damit ihr Patient seine Sondenkost bekommt. Was für eine Verschwendung von Ressourcen.

Gesundheitsminister Philipp Rösler hat 2011 zum Jahr der Pflege erklärt. Freut Sie das?

Ahting: Es ist schon ein großer Fortschritt, dass nun endlich über die Pflege und den Fachkräftemangel diskutiert wird. Aber an der Diskussion sollten auch Praktiker beteiligt werden.

Was erhoffen Sie sich von dem Pflege-Dialog und den geplanten Reformen?

Mehmecke: Ich wünsche Professionalisierung, damit der Beruf attraktiver wird.

Ahting: Wir brauchen eine menschenorientierte Pflege. Und die Pflege braucht mehr Personal, um den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.

Schumacher: Das ist auch Aufgabe der Gesellschaft. 260 Milliarden Euro werden jährlich im Gesundheitssystem ausgegeben. Gerade einmal zehn Prozent davon gehen an die Pflege, die größte Berufsgruppe. Ich denke, wir brauchen nicht mehr Geld, sondern müssen es anders verteilen.

Haben Sie jemals überlegt auszusteigen?

Schumacher: Ja. Ganz oft, immer wieder. Wenn ich voll gearbeitet hätte, hätte ich es wohl auch getan.

Ahting: Ja. Es gibt Tage, an denen ich abends weiß, dass ich wichtige Dinge, die für den Patienten nötig gewesen wären, nicht getan habe. Sie sind liegen geblieben, weil die Zeit fehlte. Dann denke ich, dass ich nicht viele Jahre so weitermachen kann. Der Minister hat kürzlich gesagt, dass der Umgang mit dem Tod und mit Leid die Pflege zu einer seelischen Belastung macht. Das stimmt nicht. Damit kann ich umgehen.

Schumacher: Das haben wir gelernt!

Ahting: Genau. Da fühle ich mich sehr gut ausgebildet. Der Grund, warum ich manchmal seelisch angeschlagen und erschöpft nach Hause gehe, ist ein anderer. Ich merke, dass ich dem Patienten nicht gerecht werde. Und dann, in diesem Moment, möchte ich lieber nicht mit Menschen arbeiten.

Mehmecke: Ich habe mir gesagt, weglaufen ist zu einfach. Wir haben eine hohe Verantwortung. Deshalb bleiben wir.

Gabi Stief

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