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Deutschland / Welt Es gilt das gestammelte Wort
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00:17 19.04.2015
Von Reinhard Urschel
Hannover

Ausgerufen hat dies Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte in Bonn, als er das gute Stück endlich in den Händen hielt. Es handelt sich um den vorübergehend verschollenen Notizzettel des SED-Politbüro-Mitglieds Günter Schabowski aus seiner historischen Pressekonferenz vom 9. November 1989. Mit diesem Zettel, so wollte der Zeithistoriker wohl zu verstehen geben, hat Schabowski schließlich die Mauer aufgebrochen. Weltgeschichte, fürwahr.

Natürlich ist das Blatt, das platzfüllend mit schwarzem Kugelschreiber krakelig beschrieben ist – einzelne Passagen sind rot markiert –, ein feines Stück, aber die Weltgeschichte beeinflusst hat es nur um ein paar Ecken herum. Wenn Politiker mit einem Sprechzettel anrücken, heißt es, die Ohren zu spitzen und nicht zu sehr dem Geschriebenen zu vertrauen: Es gilt nämlich stets „das gesprochene Wort“. Im Fall Schabowski muss man sagen, ohne dem hohen Funktionär nachträglich zu nahe zu treten, es galt das gestammelte Wort.

Der entscheidende Vermerk auf dem Zettel steht ganz unten: „Verlesen Text Reiseregelung“. Gemeint war damit die zuvor beschlossene Regelung, wonach DDR-Bürgern künftig Reisen in den Westen erlaubt sein sollten. Die DDR-Führung hatte es damit nicht so eilig, die Reisen in den Westen sollten vielleicht vor Weihnachten beginnen, aber nicht noch in derselben Nacht. All das war Schabowski entgangen, weil er bei der Besprechung nicht dabei gewesen war. Und so antwortete er auf die Frage eines italienischen Journalisten, ab wann die neue Regelung denn gelte: „Das tritt ... nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich.“ Was wiederum, genial in dieser einzigartigen Verknappung, zum geflügelten Wort wurde.

Die Mauer war durchlässig, und Schabowski hatte Ärger am Funktionärshals. Den Zettel gab er im Jahr darauf einem Bekannten, der ihn mindestens einmal weiterreichte. Nun meldete sich der Besitzer, der anonym bleiben will. Ihm kaufte das Bonner Museum das Dokument für 25 000 Euro ab. Kein hoher Preis, sagen die Museumsleute, denn wäre es erst auf den Auktionsmarkt gelangt, hätte es ungleich mehr gekostet.

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