Volltextsuche über das Angebot:

24°/ 15° Gewitter

Navigation:
Zwölf Tote bei Anschlag auf Zeitung in Paris

Satiremagazin „Charlie Hebdo“ Zwölf Tote bei Anschlag auf Zeitung in Paris

Bei einem Anschlag auf das islamkritische französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ sind am Mittwoch mindestens zwölf Menschen getötet worden. Attentäter waren in die Pariser Redaktion eingedrungen und hatten dort um sich geschossen. In der Nacht gab es mehrere Festnahmen.

10 r nicolas appert, 75011 Paris 48.859174 2.370177
10 r nicolas appert, 75011 Paris Mehr Infos
Nächster Artikel
Hackergruppe legt Kanzleramts-Seite lahm

Einsatzkräfte kurz nach dem Anschlag auf das Redaktionsgebäude in Paris.

Quelle: afp

Paris. Beim schwersten Terroranschlag in Frankreich seit einem halben Jahrhundert ist am Mittwoch praktisch die gesamte Führungsmannschaft des islamkritischen Pariser Satiremagazins „Charlie Hebdo“ ermordet worden. Die Staatsanwaltschaft sprach von 12 Toten, darunter sind auch zwei zum Schutz des Magazins abgestellte Polizisten. Bei ihrer Flucht in einem Auto gaben die Täter weitere Schüsse ab; eine Passantin wurde verletzt. Am Morgen nach dem Anschlag teilte Frankreichs Premierminister in einem Fernsehinterview mit, dass es in der Nacht mehrere Festnahmen gegeben habe. Details nannte er aber nicht. Ein mutmaßlicher 18-Jähriger Helfer hatte sich zuvor selbst bei der Polizei gestellt.

Anschlag auf die Pariser Satirezeitung Charlie Hebdo: Nach ersten Angaben soll es mehrere Tote gegeben haben.

Zur Bildergalerie

Präsident François Hollande eilte am Mittwoch nach dem Anschlag sofort zum Tatort und rief die Nation zur Einheit auf. Er sprach von „Barbarei“ und einen „Schock für Frankreich“. Nach einer Krisensitzung des Kabinetts erklärte die Regierung, es seien drei Täter am Werk gewesen.  „Diese abscheuliche Tat“ sei ein Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit, erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel. US-Präsident Barack Obama bot dem „ältesten Verbündeten Amerikas“, Frankreich, jede Hilfe an, „um diese Terroristen vor die Justiz zu bringen“. Auch islamische Staaten wie Katar, Muslimverbände, die EU und die Nato verurteilten die Tat vehement.

Zeugen zufolge drangen zwei schwarz vermummte Männer mit Kalaschnikows in die Redaktionsräume ein und schossen kaltblütig um sich. Die Terroristen riefen „Allah ist groß“ und „Wir haben den Propheten gerächt“. „Sie sprachen perfekt Französisch“, sagte die Zeichnerin Corinne Rey, die den Anschlag überlebte, der Zeitung „l’Humanité“. Dabei hätten sie behauptet, zur Terrororganisation Al-Kaida zu gehören. Der Überfall habe etwa fünf Minuten gedauert; sie habe unter einem Schreibtisch Deckung gesucht.

Im Internet kursieren von einem Dach aufgenommene Videos von der Straße vor dem Redaktionsgebäude im Pariser Osten. Darauf ist zu sehen, wie einer der vermummten Täter mit einem Schnellfeuergewehr auf einen bereits auf dem Bürgersteig liegenden Polizisten zugeht und ihn ermordet. Auf Fernsehbildern war ein Polizeiwagen mit Einschusslöchern zu sehen.

Das Foto zeigt die Attentäter von Paris.

Das Foto zeigt die Attentäter von Paris.

Quelle: afp

Unter den Toten sind der Mohammed-Karikaturist und Redaktionsleiter Charb alias Stéphane Charbonnier und sein Leibwächter. Charb tauchte im Frühjahr 2013 im Internetmagazin „Inspire“ der Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) auf einer „Fahndungsliste“ auf. Die AQAP verübt vor allem im Jemen Anschläge. Neben Charb sind acht weitere Personen zu sehen, darunter der dänische Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard und der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders.

Unter den Toten sind auch die vier Zeichner (oben v.l.) Jean Cabut, Tignous, (unten v.l.) Chefredakteur Stéphane Charbonnier und Georges Wolinski.

Unter den Toten sind auch die vier Zeichner (oben v.l.) Jean Cabut, Tignous, (unten v.l.) Chefredakteur Stéphane Charbonnier und Georges Wolinski.

Quelle: afp

Hollandes Sozialistische Partei rief zu einem „Marsch der Republikaner“ auf; Mediengewerkschaften mobilisierten für eine Schweigekundgebung. Der Rat der Muslime in Frankreich nannte den Terroranschlag „einen „Angriff auf die Demokratie und die Pressefreiheit“.

Als Reaktion auf den Anschlag verschärften Länder wie Italien die Sicherheitsvorkehrungen für Medien. In Deutschland sehen Sicherheitskreise keine Anzeichen für erhöhte Terrorgefahr; es herrsche eine „abstrakt hohe“ Gefährdung. Für die Deutsche Polizeigewerkschaft ist es aber nur eine Frage der Zeit, bis es auch in Deutschland einen Anschlag gebe. Angriffe fanatischer Einzeltäter seien nicht zu verhindern, sagte ihr Vorsitzender Rainer Wendt.

Solidarität: In Paris versammelten sich nach dem Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ Tausende Menschen auf den Straßen. Sie trauern um die zwölf Opfer des Attentats.

Zur Bildergalerie

Erst am Mittwoch war die aktuelle Ausgabe des Wochenmagazins erschienen. Auf dem Titelbild ist der Schriftsteller Michel Houellebecq, der derzeit mit dem Roman "Soumission" (Unterwerfung) über Frankreich unter einem islamischen Präsidenten für Furore sorgt.

Die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ hatte in der Vergangenheit mehrfach mit provokanten Mohammed-Karikaturen für Schlagzeilen gesorgt. Nach der Veröffentlichung einer "Scharia"-Sonderausgabe mit einem "Chefredakteur Mohammed" waren bereits im November 2011 die Redaktionsräume in Flammen aufgegangen. Die Internetseite war zudem mehrfach von Hackern angegriffen worden.

Der britische Premierminister David Cameron verurteilte den Anschlag in Paris als "barbarisch". Großbritannien stehe an der Seite seines Verbündeten gegen "jegliche Form von Terrorismus", erklärte er im britischen Unterhaus. "Die Morde in Paris sind ekelerregend", schrieb Cameron zuvor auf Twitter.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schrieb in einem Telegramm an Hollande:  "Diese abscheuliche Tat ist nicht nur ein Angriff auf das Leben französischer Bürgerinnen und Bürger und die innere Sicherheit Frankreichs." Sie stelle auch einen Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit dar, "der durch nichts zu rechtfertigen ist". Deutschland stehe eng an der Seite "unserer französischen Freunde".

Der Rat der Muslime in Frankreich verurteilte den Terroranschlag als "barbarisch". Die Tat sei ein "Angriff auf die Demokratie und die Pressefreiheit", schrieb die Organisation in einer Erklärung "im Namen der Muslime in Frankreich". Die Zahl der Muslime in Frankreich ist nicht genau bekannt. Schätzungen gehen von bis zu fünf Millionen Menschen aus.

Anschläge von Islamisten in Frankreich

Bei Anschlägen von Islamisten in Frankreich sind bereits mehrfach Menschen getötet worden. Ein Überblick.

Dezember 2014: Polizisten erschießen im zentralfranzösischen Joué-lès-Tours einen Mann, der mit "Allahu-Akbar"-Rufen ("Gott ist groß") in ein Kommissariat stürmt und mit einem Messer drei Polizisten verletzt. Die Ermittler gehen von einer radikalislamisch motivierten Tat.

Oktober 2012: Bei einem Anti-Terroreinsatz erschießt die Polizei einen 33-jährigen Dschihadisten in Straßburg und nimmt elf weitere mutmaßliche Islamisten fest. Sidney und seine Kumpane werden für einen Anschlag auf ein jüdisches Geschäft verantwortlich gemacht.

März 2012: Der Attentäter Mohamed Merah erschießt in einer Mordserie sieben Menschen, unter ihnen drei Kinder und ein Lehrer einer jüdischen Schule. Er wird nach rund 32-stündiger Polizeibelagerung seiner Wohnung bei einer Schießerei getötet. Zuvor hatte er sich als Al-Kaida-Anhänger bezeichnet.

  November 2011: Unbekannte verüben einen Brandanschlag auf die Redaktion des französischen Satireblattes "Charlie Hebdo". Das Magazin hatte 2006 die umstrittenen Mohammed-Karikaturen aus Dänemark nachgedruckt und bereits in dem Zusammenhang Drohungen und eine Klage erhalten.

25. Juli 1995: Im Pariser S-Bahnhof Saint-Michel unmittelbar an der Kirche Notre-Dame explodiert in einem Wagen der Linie B eine Bombe. Dabei wurden 9 Menschen getötet und 116 verletzt. Es ist der Auftakt zu einer Serie von Anschlägen in Paris und anderen Städten, die einer algerischen islamistischen Gruppe zugeschrieben wird.

afp/dpa/frs

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
#JeSuisCharlie

Nach dem blutigen Anschlag auf die Satire-Zeitung „Charlie Hebdo“ äußeren Zehntausende im Netz ihr Mitgefühl und drücken ihre Solidarität aus. Sie erinnern an die Opfer – uns würdigen zugleich den Einsatz für Pressefreiheit und Demokratie.

mehr
Mehr aus Deutschland / Welt
Die Karikatur des Tages

So sehen unsere Karikaturisten die Welt.