Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Schneider tritt Käßmann-Nachfolge an EKD-Spitze an
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Schneider tritt Käßmann-Nachfolge an EKD-Spitze an
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:57 08.11.2010
Nikolaus Schneider tritt die Käßmann-Nachfolge an der EKD-Spitze an. Quelle: dpa

Auch ohne Margot Käßmann verliert die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) nicht an Biss: Wenn Präses Nikolaus Schneider an diesem Dienstag zum Nachfolger der nach einer Alkoholfahrt zurückgetretenen Ex-Bischöfin gewählt wird, bekommt die Kirche einen Steuermann mit politischem Profil. Die Atompolitik, der Afghanistan-Einsatz, die Integrationsdebatte, Hartz IV oder die Ladenöffnung an Sonntagen - zu allem findet der 63-jährige Rheinländer ebenso kritische und klare Worte wie seine Vorgängerin.

Als mit Käßmann vor einem Jahr erstmals eine Frau an die Spitze der 25 Millionen Protestanten gewählt wurde, fiel Schneider das Amt des Stellvertreters im Schatten der medienpräsenten Bischöfin zu.

Nach dem plötzlichen Abgang im Februar trat Schneider in stürmischen Zeiten ans Ruder, Bedenkzeit hatte er praktisch keine. Unter seinem amtierenden Vorsitz glätteten sich schon bald die Wogen. Und schnell war klar, dass der Präses regulärer Nachfolger Käßmanns werden soll.

Andere auftrittsstarke Kandidaten hat die Kirche derzeit ohnehin nicht. Das hatte sich bereits vor einem Jahr gezeigt, als Käßmann als klare Favoritin ins Rennen um den EKD-Ratsvorsitz ging.

Schneider wurde 1947 in Duisburg als Sohn eines Stahlarbeiters geboren. Nach seiner Ordination im Jahr 1976 arbeitete er zunächst als Gemeindepfarrer in Duisburg-Rheinhausen, wo er sich stark für die vom Strukturwandel betroffenen Stahlarbeiter und Bergleute einsetzte.

Auch als Superintendent des Kirchenkreises Moers ab 1987 blieb er seinem Motto treu, „den Sorgen der Menschen Ausdruck und eine Stimme geben“ zu wollen. Der fußballbegeisterte Familienvater suchte stets das Gespräch mit allen Gesellschaftsschichten. 1997 wurde er Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland. 2003 trat er die Nachfolge des rheinischen Präses Manfred Kock an und wurde damit zum Oberhaupt der mit rund drei Millionen Gläubigen zweitgrößten deutschen Landeskirche.

Die Aufgaben, vor denen der künftige Ratsvorsitzende der EKD steht, sind binnen eines Jahres nicht leichter geworden. Immer weniger besuchte Gottesdienste, absehbar weiter schrumpfende Finanzen und eine in weiten Teilen stärker säkulare Gesellschaft - die christliche Kirche in Deutschland befindet sich weiterhin in der Krise.

„Entscheidend für uns wird es sein, ob es uns gelingt, so von Gott zu reden, dass die Menschen uns verstehen, dass es einladend ist“, sagte Schneider auf der EKD-Synodentagung in Hannover. Dazu hat die evangelische Kirche 2007 eine Reform ihrer Strukturen angestoßen, zur Diskussion stehen in Hannover auch Rolle und Bild des Pfarrers in der Zukunft.

Dass die Protestanten die Politik auch künftig kritisch ins Gebet nehmen, das hat Schneider in seiner Antrittsrede vor der Synode bereits bewiesen. Ohne ethische Legitimation sei der Afghanistan- Einsatz, unverantwortbar der Atomkurs, erschreckend die Bildungsungleichheit - Schneider bringt die kirchliche Sicht auf den Punkt.

Und diese liegt nicht immer klar fest, wie sich beim strittigen Thema der Präimplantationsdiagnostik (PID) bereits gezeigt hat. Die EKD war bisher gegen Embryonentests, Schneider indes empfiehlt auch angesichts des medizinischen Fortschritts eine ethische Neubewertung. Er präsentiert sich dem Kirchenparlament dabei auch als Mann der Debatte und vielleicht weniger als Käßmann als charismatische Führungsfigur im ständigen Rampenlicht.

Wenn Schneider am Dienstag (9. November) in das Spitzenamt gewählt wird, wird Käßmann dies nur aus der Ferne verfolgen. Erstmals seit vielen Jahren ist sie nicht mehr bei dem Spitzentreffen der Protestanten dabei - sie hält sich für einen Studienaufenthalt in den USA auf. Schneider verliert Käßmann dennoch nicht aus dem Blick: „Wir freuen uns, wenn sie eine wichtige Stimme unserer Kirche bleibt.“

dpa

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Grünen wollen politisch nach allen Seiten offen in den Wahlkampf um das Berliner Abgeordnetenhaus ziehen.

08.11.2010

Nach den vereitelten Paketbombenanschlägen macht Innenminister de Maizière Druck: Er will schärfere Kontrollen durchsetzen - auch wenn das Geld kostet. Das Verkehrsministerium warnt vor den Folgen.

08.11.2010

Mit mehr als 24 Stunden Verspätung hat der Castor-Transport den Verladebahnhof in Dannenberg erreicht. Aufgehalten wurde der Zug von der größten Massenblockade in der Geschichte der Castor-Transporte: Mehr als 3500 Menschen hatten die Nacht auf der Bahnstrecke verbracht, 1500 in einer Polizeiwagenburg.

09.11.2010