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„Willkommensklasse“ - und dann?

Flüchtlingskinder in der Schule „Willkommensklasse“ - und dann?

Auf die Schulen kommt jetzt Großes zu: Sie müssen Hunderttausende Flüchtlingskinder integrieren. Wie soll das gehen? Den Anfang machen die Kinder der Flüchtlinge, aber auch die der Einwanderer aus EU-Staaten heute zunächst in „Willkommensklassen“, „Integrationsklassen“ oder „Sprachlernklassen“.

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„Deutsch als Zweitsprache“ heißt die Schulstunde, an der der sechsjährige Edison aus Albanien (vorn rechts) in einer Heidenauer Grundschule teilnimmt.

Quelle: dpa

Berlin. Drei Sprachlernklassen gibt es an der Grundschule von Schulleiter Holger Leimbach, alle drei sind mit je zwölf Schülern voll belegt. Auf einer Warteliste stehen zehn Namen, es könnten mehr werden - denn in der benachbarten Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Moabit treffen Tag für Tag Kinder mit ihren Eltern ein. Neue Kollegen unterrichten jetzt an der Schule, ältere buchen Fortbildungen, um zu lernen, wie sie Migrantenkindern am besten Deutsch beibringen. Kurzum: Von Routine kann eigentlich keine Rede sein an der Miriam-Makeba-Grundschule. Aber für Schulleiter Leimbach ist das kein Grund, nervös zu werden.

Ob die Flüchtlingskinder den Schulbetrieb vor Probleme stellen? „Überhaupt nicht“, sagt Holger Leimbach. Es klingt nach Tatkraft, nach dem von der Kanzlerin vorgegebenen „Wir schaffen das“-Optimismus dieser Tage. Und es klingt für manchen auch etwas blauäugig angesichts der neuesten Berichte, nach denen die Regierung intern davon ausgeht, dass in diesem Jahr nicht bis zu einer Million, sondern sogar bis zu 1,5 Millionen Flüchtlinge nach Deutschland kommen könnten.

Integration ist ein kühles, technokratisches Wort. Es verschleiert die harte Arbeit, die Integration bedeutet. Zum Beispiel an Schulen. Viele jener Menschen, die jetzt in Deutschland Schutz suchen, sind Kinder. Sie können kein Deutsch, wurden seit Jahren nicht oder auch noch nie unterrichtet, haben häufig Schlimmes erlitten. Sie stellen das Schulwesen vor eine große Aufgabe.

Wie viel Aufwand und wie viel Geld nötig sein werden, damit diese Kinder eines Tages ihren Platz in der Gesellschaft finden können, lässt sich nur schwer abschätzen. Irgendwie aber muss man ja auf die neue Lage reagieren, und deswegen hat Marlis Tepe, Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, eine Rechnung aufgestellt: „Wir gehen für die nächsten zwölf Monate von bundesweit rund 300.000 zusätzlichen Schülern aus, die allein oder mit ihren Eltern geflüchtet sind.

25 000 Lehrkräfte zusätzlich notwendig

Um diesen ein qualitativ gutes Schulangebot zu machen, sind rund 25 000 Lehrkräfte zusätzlich notwendig.“ Tepe lobt die Bemühungen der Bundesländer, neue Lehrerstellen zu schaffen. „Das Problem aber ist: Der Markt für Lehrer, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten, ist leer gefegt.“ Die Gewerkschafterin plädiert für pragmatische Lösungen: „Es muss auch über den Einsatz pensionierter Lehrkräfte mit der Qualifikation für Sprachen und über Crashkurse im Unterrichten von Deutsch als Zweitsprache für pädagogisch qualifizierte Menschen nachgedacht werden.“

Flexibilität ist das Gebot der Stunde. Oder, wie es Stefan Kaufmann, Obmann der Unionsfraktion im Bildungsausschuss des Bundestags, ausdrückt: „Es sind jetzt unbürokratische Lösungen gefragt.“ Auch Kaufmann wirbt dafür, die formellen Hürden für den Sprachunterricht nicht wachsen zu lassen: „Neben Deutschkursen, für die qualifizierte Lehrkräfte - aber nicht zwingend zwei Staatsexamina - benötigt werden, braucht es Selbstlernprogramme.“ Und die Kosten? „Bei der Finanzierung der Sprachkurse müssen die Kommunen durch Bund und Länder unterstützt werden.“ Überhaupt sei mehr Zentralisierung nötig. „Ich bin zuversichtlich, dass wir die große Herausforderung meistern werden - wenngleich der Bildungsföderalismus hierbei sicherlich eher hinderlich als förderlich ist.“

Die vielen Bilder von Menschen, die jetzt ins Land kommen, erwecken den Eindruck einer nie da gewesenen Ausnahmesituation. Aber Deutschland ist ja nicht erst seit diesem Sommer Einwanderungsland. „Wir haben in der Vergangenheit bereits vielfältige Erfahrungen gesammelt und Konzepte entwickelt. Wir müssen jetzt das Rad nicht neu erfinden“, sagt Prof. Viola Georgi, Bildungsexpertin an der Uni Hildesheim. „Schon seit Langem vermitteln wir Lehramtsstudenten eine Pädagogik, die kulturelle Unterschiede und Mehrsprachigkeit von Schülern nicht mehr als Problem betrachtet, wie es in früheren Jahrzehnten der Fall war.“

Gastarbeiter kamen in die „Ausländerklassen“

In den Sechzigerjahren steckte man die Kinder der Gastarbeiter in die „Ausländerklassen“. Dort saßen sie ihre Schulzeit ab, getrennt von ihren deutschen Mitschülern. Das Erlangen eines Schulabschlusses war nicht wichtig. Die Gastarbeiterkinder würden ja bald wieder mit ihren Eltern heimkehren in die Türkei, nach Griechenland oder Italien - so die folgenschwere Annahme.

„In der Bildungspolitik der Vergangenheit wurden viele Fehler gemacht“, sagt Georgi. „Daraus haben wir inzwischen eine Menge gelernt.“ So lernen die Kinder der Flüchtlinge, aber auch die der Einwanderer aus EU-Staaten heute zunächst in „Willkommensklassen“, „Integrationsklassen“ oder „Sprachlernklassen“ - jedes Bundesland, jede Schule hat da ihre eigene Bezeichnung. „Diese Klassen sind ein Schon- und Schutzraum für die Kinder. Dort können sie langsam ankommen in ihrem neuen Alltag, sich mit der neuen Sprache vertraut machen. Dass Kinder dort auf Kinder treffen, die die gleiche Muttersprache sprechen, vermittelt ein Gefühl von Vertrautheit und Geborgenheit.“

Wichtig ist allerdings, und das betont die Forscherin Georgi, dass die Kinder möglichst schnell in Regelklassen aufgenommen werden. Länger als sechs bis zwölf Monate solle die Eingewöhnung in der Integrationsklasse nicht dauern. „Der Wechsel kann auch schrittweise geschehen - zum Beispiel können Flüchtlingskinder in Fächern wie Sport, Kunst und manchmal auch Mathematik recht schnell in den Regelunterricht integriert werden.“

Die Integrationsarbeit solle aber nicht allein Lehrern aufgebürdet werden: „Es müssen mehr Psychologen, Sozialarbeiter und Dolmetscher in die Schulen“, sagt Georgi. Und noch etwas sei wichtig: die Stimmung im Klassenraum, die Haltung im Kollegium. „Zurzeit ist in den Schulen sehr viel guter Wille zu spüren“, sagt Georgi.

Guter Wille - bei Schulleiter Holger Leimbach tritt diese Einstellung als zupackender Pragmatismus in Erscheinung. Er mag nicht von „Willkommensklassen“ sprechen. „Willkommen ist bei uns jedes Kind“, sagt der Berliner. „Sprachlernklassen, so heißt das bei uns. Die Kinder lernen halt die Sprache.“

Onlinekurse an der
 Uni für Flüchtlinge

Eigentlich müssen Flüchtlinge, die in Deutschland studieren wollen, nicht nur ihre Identität, sondern auch Schulabschluss, Deutschkenntnisse und die Anerkennung vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nachweisen. Ohne diese Unterlagen dürfen sie meist nur Gasthörer sein.
Doch Zeugnisse haben viele auf der Flucht verloren. Bis sie fließend Deutsch sprechen und ihr Abitur nachgeholt haben, vergeht viel Zeit. Zeit, die junge Leute viel besser nutzen könnten, meint der Berliner Markus Kreßler.
Mit einem Freund hat Kreßler deshalb die Kiron-Universität gegründet. Hier soll jeder ohne bürokratische Hürden studieren können. Dokumente, Sprachprüfungen, Aufenthaltsstatus? All das spielt zunächst keine Rolle. Zum Einschreiben braucht man nicht einmal einen Pass. Erst nach zwei Jahren, wenn die Studenten von Onlinekursen an eine richtige Uni wechseln, müssen sie Papiere einreichen.
Einige haben sich an der Kiron-Uni für Wirtschaftswissenschaften eingeschrieben. Auch Ingenieurwesen, Informatik, Architektur und interkulturelle Studien werden angeboten. „Medizin war noch viel gefragt“, berichtet Kreßler. Das sei über Onlinekurse aber schwierig.

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