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00:17 09.07.2015
Das Bild eines Graffiti-Künstlers zeigt einen zusammengekauert daliegenden Obdachlosen. Quelle: Marina Kormbaki
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Athen

Es sollte doch alles anders sein an diesem Montag. Nichts Geringeres als den Anbruch einer neuen Zeit hatten die Befürworter des Nein in Aussicht gestellt. Und dann spaziert man durch die nach langer Nacht erst allmählich erwachende Stadt, trifft Menschen, sieht müde Gesichter und versteht schon bald, dass ihre Müdigkeit nicht von den Feierlichkeiten des gestrigen Abends herrührt.„Mir macht es nichts aus, wenn Griechenland den Euro verliert“, sagt Jami, 41, irakischer Kurde, am zentralen Omonia-Platz, wo er eigentlich immer anzutreffen ist. „Null Euro sind genauso viel wert wie null Drachmen.“ „Ändern wird sich erst etwas, wenn ich Arbeit habe“, sagt Giorgos, 57. Er sitzt in einem Café an einer Seitenstraße der großen Panepistimiou, vor ihm ein Plastikbecker Leitungswasser.

"Ich gebe mir alle Mühe, hier in Europa zu bleiben"

„Viele meiner Landsleute, Albaner, die vor 20, 25 Jahren nach Griechenland kamen, sind längst zurückgekehrt nach Albanien“, sagt der Fischhändler Edmon. „Ich gebe mir alle Mühe, hier in Europa zu bleiben.“ Ein paar Schritte weiter verläuft die Grenze zum Viertel Exarchia – in der Vergangenheit oft Ausgangspunkt großer Ideen, die das Land weitergebracht haben. Häufiger macht Exarchia seit derzeit allerdings als Austragungsort von Straßenschlachten zwischen Autonomen und Polizisten von sich reden. Auch gestern Nacht wieder, als auf die Party der OCHI-Freunde am Syntagma-Platz die Pyro-Party der Autonomen in Exarchia folgte. Aus Mülltonnen dringt der Gestank verbrannten Kunststoffs, vor der Café-Zeile hat jemand die Asche schon zu Haufen zusammengekehrt. Sieht nach Routine aus. Als man ein Foto machen will, rät ein junger Mann in Schwarz von der Parkbank her recht überzeugend davon ab.Ein Blick um die Ecke, wo vor drei Tagen der Graffiti-Künstler WD ein Riesenbild an eine Hauswand gemalt hat. Es zeigt einen zusammengekauert daliegenden Obdachlosen.Vielleicht hätte dieser Morgen ja wirklich ein Montagmorgen der besseren Sorte werden können. Zumindest für all jene, die gestern Abend auf dem Syntagma-Platz ihr Glück kaum fassen konnten und voller Zuversicht eingeschlafen sein dürften. Viele von ihnen entsetzte dann am Morgen die Nachricht vom Rücktritt des Finanzministers Yanis Varoufakis - in den vergangenen fünf Monaten die Personifizierung griechischen Stolzes oder Sturheit, je nach Perspektive.

Wut über Rücktritt von Varoufakis

„Mein OCHI war doch ein Ja für Varoufakis“, sagt Evgenia, sie wartet in einer Schlange, will 60 Euro Bares abheben. „Dass er ausgerechnet jetzt hinschmeißt, macht mich wütend. War das von langer Hand geplant?“ „Aber ja!“, ruft der Mann mit Schnauzbart hinter Evgenia und erzählt unaufgefodert wilde Geschichten mit Schäuble und Obama in der Hauptrolle. Davon hört man jetzt viele in Athen. Die Stadt ist ein brodelnder Gerüchtekessel.

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