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Sicherheit bei Bahnfahrten soll steigen

Verkehrs- und Innenministertreffen Sicherheit bei Bahnfahrten soll steigen

Am Sonnabend wollen die Innen- und Verkehrsminister aus acht europäischen Ländern diskutieren, wie Sicherheit für Bahnreisende in Zukunft gewährleistet werden kann. Experten regten an, wenigstens in alle Fernverkehrszüge Überwachungskameras einzubauen und bewaffnete Sicherheitsleute mitfahren zu lassen.

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„Wir können nicht in jeden Zug Sicherheitsbeamte stellen“: Fahrkartenkontrolle in einem ICE, mit doppelter Absicherung.

Quelle: Lajos-Eric Balogh / dpa

Scheinbar lässig hakt der Hüne seine Daumen im Hosengürtel ein. Langsam lässt er sich zurückfallen, bis er ans Waggongeländer stößt. Die Handschellen an der Gürtelschlaufe klirren leise; der Schlagstock im Halfter wippt ein bisschen.

Die Zeiten, in denen allein die Uniform eines Schaffners in den Zügen genug Autorität verströmte, ist auch bei der Deutschen Bahn lange vorbei. In den Abendstunden, nachts kommt der Kontrolleur jetzt oft in - bewaffneter - Begleitung eines Sicherheitsbediensteten. Bislang war das die Ausnahme, eine wohlgesetzte Demonstration, die Fahrgäste beruhigen und potenzielle Störenfriede verschrecken soll. Bislang. Wird die Fahrkartenkontrolle unter Polizeischutz bald europäischer Alltag?

Wie kann Sicherheit für Bahnreisende gewährleistet werden?

An diesem Sonnabend wollen die Innen- und Verkehrsminister aus acht europäischen Ländern in Paris genau darüber sprechen. Und am 11. September, einem symbolträchtigen Datum, beginnt eine EU-Arbeitsgruppe mit Beratungen darüber, wie nach der Thalys-Attacke die Sicherheit für Bahnreisende gewährleistet werden kann.

Auf dem Weg von Amsterdam nach Paris sind die 554 Passagiere des Schnellzugs dank des beherzten Eingreifens von vier Reisenden einem Massaker entgangen. Ein mutmaßlicher Islamist hatte unbemerkt eine Kalaschnikow und sehr viel Munition an Bord gebracht. Er hätte ein Blutbad damit anrichten können, wäre er nicht überwältigt worden.

Eins aber hat der Attentäter erreicht: Er hat Zweifel gesät. Zweifel daran, dass Bahnfahren in Zeiten von Terror und Selbstmordattentaten so unkompliziert und spontan bleiben kann wie bisher. Auch in Deutschland. Wie viel Kontrolle ist möglich, wie viel ist nötig?

Lückenlose Kontrolle ist unrealistisch

Rund 7,3 Millionen Menschen befördert die Deutsche Bahn täglich; eine lückenlose Kontrolle wie im Flugverkehr, darin sind sich alle Experten einig, ist unrealistisch. Deutsche Bahnhöfe, meist als Prestigebauten im 19. Jahrhundert errichtet, sind architektonisch ungeeignet, engmaschige Personenkontrollen vor den Bahnsteigen zu machen. Eine Überwachung würde in den Stoßzeiten des Berufsverkehrs angesichts des Massenandrangs zusammenbrechen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière kann sich denn auch schlicht „nicht vorstellen, in jede S-Bahn und in jeden Zug Sicherheitsbeamte zu stellen“.

So beschränkt sich die Kontrolle der Bahn auf Streifengänge der Bundespolizei in den Bahnhöfen, auf Videoüberwachung und eben auf den sporadischen Einsatz von Sicherheitsleuten in den Zügen. Und: Seit zwei libanesische Studenten im Jahr 2006 Regionalzüge in Köln mit Kofferbomben zu sprengen versuchten, dürfen Polizisten in ganz Deutschland kostenfrei Bahn fahren - egal, ob sie dienstlich oder privat unterwegs sind. Einzige Bedingung: Sie müssen dabei Uniform tragen.

Ein bisschen Augenwischerei ist also auch dabei. „Zurzeit haben wir noch nicht mal genug Personal, um Taschendiebe zu stellen“, sagt der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jörg Radek. Daher hält die GdP einen Einsatz von Sicherheitsbegleitern in Zügen nach dem Vorbild der „Sky Marshalls“ im Luftverkehr für sinnvoll. Es gibt aber einen gewichtigen Unterschied: Die Luftfahrt hat ein internationales Gremium, das die Regeln für Verkehrssicherheit bestimmt - die Internationale Zivilluftfahrtorganisation. Für den Straßen- und Schienenverkehr gibt es so ein Gremium nicht. Spätestens im grenzüberschreitenden Verkehr stößt jedes Konzept damit eben doch an Grenzen.

Scharfe Kontrollen bislang nur in London, Paris, Lille und Brüssel 

Deutschland gehört neben der Schweiz und Frankreich zu den Ländern Europas, die auf Kontrollen der Reisenden beim Einstieg oder auch nur vorm Zugang zu den Gleisen verzichten. Italien hat dies seit dem 1. Mai für die großen Bahnhöfe eingeführt. Scharfe Kontrollen wie an Flughäfen gibt es derzeit nur in London, Paris, Lille und Brüssel, an den Bahnhöfen des Eurostar, der das europäische Festland mit Großbritannien verbindet. Dass Reisende hier regelrecht einchecken müssen, ihre Pässe kontrolliert und die Gepäckstücke durchleuchtet werden, ist jedoch nur möglich, weil Großbritannien nicht Mitglied des Schengen-Raums ist.

Um für andere internationale Züge oder Intercitys eine wirkliche Sicherheitskontrolle zu schaffen, wäre wie beim Eurostar „ein komplett geschlossener Bereich“ vonnöten, sagt der französischen Bahnchef Guillaume Pepy. Das Kontrollsystem von Flughäfen auf alle wichtigen Bahnhöfe zu übertragen, hält er denn auch für unrealistisch: „Entweder man macht das umfassend, oder es ist nicht wirklich effizient.“

Experten der EU-Kommission regten in dieser Woche an, wenigstens in alle Fernverkehrszüge Überwachungskameras einzubauen und bewaffnete Sicherheitsleute mitfahren zu lassen. Über Scannertunnel wird nachgedacht, durch die Reisende mit ihrem Gepäck laufen müssen und dabei durchleuchtet werden. Für die Deutsche Bahn würde das Milliardeninvestitionen bedeuten, es gibt allein mehr als 150 Fernverkehrsbahnhöfe. Und wer Sicherheit garantieren will, müsste nicht nur in München oder Berlin Schleusen einrichten, sondern auch in Castrop-Rauxel oder Dessau.

So wirken auch in Ländern mit traumatischen Erfahrungen Kontrollen im Schienenverkehr fast hilflos.

Seit am 7. Juli 2005 vier Selbstmordattentäter in drei U-Bahn-Zügen und einem Doppeldeckerbus in London 52 Menschen ermordeten, hat Großbritannien in den Großbahnhöfen der Hauptstadt Gepäckschließfächer abgeschafft und auf den Bahnsteigen schwarze Abfallbeutel durch transparente ersetzt. Auf den Bahnhöfen wird jede Bewegung aufgezeichnet, auf zehn Briten kommt inzwischen eine Überwachungskamera.

Auf dem Madrider Atocha-Bahnhof erwartet den Fahrgast vor dem Zustieg in AVE-Schnellzüge - das spanische Gegenstück zum ICE - ein Abfahrtsbereich, der dem eines Flughafens ähnelt. Um ihn zu betreten, muss man am Zugang sein Gepäck durchleuchten lassen. Nur: All dies ist keine Antwort auf die Terroranschläge vom 11. März 2004. Damals sprengten Islamisten vier Vorortzüge in die Luft, einer der Züge fuhr gerade in den Atocha-Bahnhof ein. 191 Menschen starben. „Wir hatten vorher unsere Sicherheitsstrategie, und wir haben sie weiter“, sagt ein Sprecher der staatlichen Eisenbahngesellschaft.

Japans Shinkansen sind nicht nur die schnellsten, sie gelten auch als die ­sichersten Züge der Welt. Ende Juni dieses Jahres aber übergoss sich während der Fahrt von Tokio nach Osaka ein Mann mit Öl, zündete sich an und riss eine Frau mit in den Tod. Der Schock sitzt tief: In 40 Jahren Shinkansen war es der erste Todesfall. Das Betreiberunternehmen will jetzt jede Ecke jeden Waggons mit Kameras überwachen. Bislang gab’s pro Wagen nur eine.

Ähnliche Vorstellungen hat Frankreichs Innenminister Bernard Caze­neuve. Er tritt zum Gespräch mit den EU-Kollegen am Sonnabend mit den weitreichendsten Vorschlägen an: verbindliche Kontrolle der Papiere aller Passagiere, stichprobenartige Gepäckkontrollen und multinationale Polizeiteams für Schnellzüge. Es würde das Reisen in Europa verändern.

Von Alexander Dahl, Felix Lill, Martin Dahms und Katrin Pribyl

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Foto: Der Bahnverkehr soll nicht systematisch kontrolliert werden.

Bahnreisende sollen auch künftig nicht systematisch kontrolliert werden. Euroopas Verkehrs- und Innenminister sprachen sich dagegen aus. Intensivere Zusammenarbeit in Europa soll mehr Sicherheit vor Terrorattacken bringen. 

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