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So gedenkt Berlin heute des Mauerfalls

25. Jahrestag So gedenkt Berlin heute des Mauerfalls

Das Volk, die Mauer und der Schatten Gorbatschows: Die Jubiläums-Feierlichkeiten zum Mauerfall vor einem Vierteljahrhundert erreichen in Berlin ihren Höhepunkt. Am Abend sollen 7000 Ballone entlang der früheren DDR-Grenzanlagen in den Himmel aufsteigen.

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Ein kleines Mädchen an der Gedenkstätte an der Bernauer Straße.

Quelle: Reuters

Berlin. Zunächst einmal hat sich das Volk der Mauer bemächtigt. Wenn das vor einem Vierteljahrhundert mit dem Betonwall geklappt hat, weshalb sollte das nicht noch einmal gehen. Noch bevor die Dunkelheit Schutz bietet, wagt der eine oder andere Grenzläufer den schnellen Zugriff, zupft einen Ballon aus der Halterung und verschwindet in der stetig anwachsenden Menschenmenge. Niemand hält die Mauersprechte – wenn man sie denn so nennen mag – auf, unbehelligt steigt eine junge Frau mit ihrer doch beachtlich bauchigen Trophäe in die S-Bahn nach Hoppegarten. Das „Kiek ma, da hat ooch eene 'n Ballon jeklaut“ klingt kein bisschen anklagend, eher neidisch, dass man sich selbst nicht getraut hat. Ach, damit haben die Event-Agentur-Leute doch gerechnet, am Abend sind wieder genügend Leuchtkugeln da, um in den Himmel zu steigen. Soweit erst einmal der lustige Teil der Feierlichkeiten.

In zahlreichen Veranstaltungen wird heute an die Ereignisse des 9. Novembers 1989 und die Opfer der deutsch-deutschen Teilung erinnert.

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Den Tag bestimmt der ernste Teil. Zum Beispiel in der frisch aufpolierten Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Gleich am Eingang liegt ein mittelalterliches Folterinstrument. Ein Teppich aus Eisen mit 14 Zentimeter hohen, aufrecht stehenden Stacheln. 18.800 dieser "Flächensperren" wurden von den DDR-Grenzern rund um Berlin im Todesstreifen eingegraben. Sie waren nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Wer die Hinterlandmauer überwand, konnte von den Stacheln zu Fall gebracht werden. Für Axel Klausmeier illustriert dieser "Stalinrasen", wie er auch genannt wurde, die Brutalität der Berliner Mauer besser als Scheinwerfer oder Wachtürme. Der 49-Jährige ist Direktor der Stiftung Berliner Mauer und am Jubiläumstag Gastgeber von Angela Merkel. Die Kanzlerin "schätzt diesen Ort", sagt er, deswegen halte sie hier ihre Rede zum Mauerfall-Jubiläum.

Auf dem Weg zum Festakt am Sonntag fliegt der Bundeskanzlerin ein Stoß Flugblätter vor die Füße. „Wir fordern den europäischen Mauerfall - alle Grenzen abschaffen“, fordern Unbekannte darauf. Merkel sei mitverantwortlich für den „Ausbau der Festung Europa“ und Verschärfung der Asylgesetzgebung. Merkel bleibt unbeeindruckt.

Der Mauerfall, sagt sie in ihrer Festrede sei in ihren Augen auch ein Signal der Hoffnung für die Krisen- und Konfliktherde der Welt: „Wir können die Dinge zum Guten wenden - das ist die Botschaft des Mauerfalls. Sie richtet sich besonders an die Menschen in der Ukraine, in Syrien und im Irak und in vielen anderen Regionen unserer Welt, in denen Freiheits- und Menschenrechte bedroht oder gar mit Füßen getreten werden.“ Weitere Mauern könnten eingerissen werden, ist sich die Kanzlerin sicher, „Mauern der Diktatur, der Gewalt, der Ideologien, der Feindschaften“. Der Mauerfall habe gezeigt: „Träume können wahr werden. Nichts muss so bleiben wie es ist.“

Dann führt Klausmeier die Kanzlerin in die Ausstellung. Der Tag der Freude über den Fall der Mauer sei auch immer ein Tag des Gedenkens an ihre Opfer, sagt die Kanzlerin, bevor sie den Rundgang beinnt. Dieses Gedenken schließe auch jene ein, die etwa in Stasi-Gefängnissen einsaßen oder gar ums Leben kamen. Nach heutiger Kenntnis seien allein in Berlin mindestens 138 Menschen durch das DDR-Grenzregime ums Leben kamen. Auf 420 Quadratmetern bietet die Ausstellung eine knappe, klare Einführung in die Geschichte der Mauer, von ihrem Bau bis zu ihrem Fall. Ein Dialog auf kleinen Zettelchen zeigt ihre Absurdität: Da bittet ein Ost-Grenzer ein West-Berliner Ehepaar um ein Geschenk: "Würden Sie so gut sein und mir ein paar nahtlose Strümpfe über die 'Mauer' werfen, Größe 9 1/2, nicht zu hell. Bei uns bekommt man sie so schlecht."

Die Oppositionsbewegungen im Ostblock und ihre Auswirkungen auf die DDR finden ihren Platz. Angefangen von den kleinen kopierten Aufrufen "Macht es wie die Polen", die während der Solidarnosc-Streiks 1981 in Ost-Berliner Briefkästen landeten. Bis zu den Massendemonstrationen 1989, die die Mauer schließlich zu Fall brachten. Die Massen strömen auch heute in die Bernauer Straße - nicht nur zum Jubiläums-Wochenende. 850.000 Besucher wurden im vergangenen Jahr auf dem Außengelände gezählt, das sich über zwei Straßenblocks erstreckt. Hier verlief die Grenze direkt an den Häusern auf der Ostseite entlang. In den ersten Monaten nach dem Mauerbau sprangen viele aus den Fenstern in den Westen, dann wurden die Eingänge gesperrt, schließlich die Häuser abgerissen. Die Brachen hätten im Boombezirk Mitte teuer verkauft werden können, dennoch schaffte es das Land Berlin, sie für das Gedenken freizuhalten.

Berlins Noch-Regierender Klaus Wowereit ist an diesen Tagen überall. Kein Ort, kaum ein Foto dieses Jubiläums-Wochenendes ohne den scheidenden Bürgermeister. Wenn er schon den Flughafen nicht mehr eröffnen kann, prägt er doch wenigstens die Bilder, die von den Feiern in die Welt hinausgehen. In der Bernauer begleitet er die Kanzlerin zum Gottesdienst in der Kapelle der Versöhnung.

Ausgerechnet jener Staatsmann, der mit seiner Politik vor mehr als einem Vierteljahrhundert das DDR-Regime im Zaum hielt und den Fall der Mauer ermöglichte, hat einen Schatten über die Feierlichkeiten gelegt. Der frühere sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow erhebt bei einer Veranstaltung der „Cinema For Peace Foundation“ in Berlin schwere Vorwürfe gegen den Westen. Mit Blick auf den Ukraine-Konflikt sagt er: „Die Welt ist an der Schwelle zu einem neuen Kalten Krieg. Manche sagen, er hat schon begonnen.“ In den vergangenen Monaten habe sich ein „Zusammenbruch des Vertrauens“ vollzogen. Der Friedensnobelpreisträger, der als einer der Väter der deutschen Einheit gilt, wirft dem Westen und insbesondere den USA vor, ihre Versprechen nach der Wende 1989 nicht gehalten zu haben. Stattdessen habe man sich zum Sieger im Kalten Krieg erklärt und Vorteile aus Russlands Schwäche gezogen. Die Vertrauenskrise belaste auch die Beziehungen zu Deutschland. „Lasst uns daran erinnern, dass es ohne deutsch-russische Partnerschaft keine Sicherheit in Europa geben kann.“ An diesem Montag treffen sich Merkel und Gorbatschow. Die Kanzlerin verleiht dem Pensionär aus Russland eine Verdienst-Medaille der Senioren-Union. 

Von Reinhard Urschel und Jan Sternberg

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