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Deutschland / Welt Syrerin kann ihre kranke Mutter nicht pflegen
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15:17 30.01.2017
Nour Ulayyet berichtet, dass ihre Schwester Sahar Algonaimi bei ihrer Ankunft am Flughafen in Chicago zurückgeschickt wurde – weil sie Syrerin ist, die in Saudi-Arabien lebt. Dabei hatte sie ein gültiges Visum. Ursprünglich wollte ihre Schwester bei der Pflege ihrer kranken Mutter helfen. Quelle: Paul Beaty/FR36811/dpa
Los Angeles

Eine Frau, die in den USA ihre krebskranke Mutter pflegen wollte. Eine Ärztin, die seit 20 Jahren in Amerika lebt. Und eine Frau, die kurz davor stand, US-Bürgerin zu werden. Sie gehören zu jenen, die sich im Netz des Einreisestopp-Erlasses von US-Präsident Donald Trump verfangen haben. Hier sind ihre Geschichten:

Syrerin kann sich nicht um ihre Mutter kümmern

Sahar Algonaimi ist 58 Jahre alt und stammt aus Syrien. Sie reiste auf Bitten ihrer Schwester Nour Ulayyet in die USA, um sich um deren 76-jährige Mutter zu kümmern. Bei ihren Verwandten in Valparaiso im US-Staat Indiana kam Algonaimi aber nie an. Ihre Ankunft am Chicagoer Flughafen am Samstag markierte die Endstation ihrer Reise. Ein Beamter rief noch ihre Schwester an, um mitzuteilen, dass Algonaimi jetzt in ein Flugzeug Richtung Saudi-Arabien gesetzt werde. Dort lebt und arbeitet sie als Lehrerin.

Algonaimi hatte die USA erst im vergangenen Jahr besucht und noch ein bis Juni 2018 gültiges Visum. Ulayyet hoffte noch, den Beamten am Flughafen umstimmen zu können. „Ich fragte, ob ich seinen Vorgesetzten sprechen könne“, sagte sie. „Er war sehr nett, sehr verständnisvoll, aber er sagte: "Wenn ich wirklich helfe, würde ich das Gesetz brechen und ich werde nicht das Gesetz brechen."

Bevor Algonaimi zurück musste, ließen die Beamten sie noch Papiere unterzeichnen, deren Inhalt sie nicht verstand, wie sie der Schwester sagte. Mit der Unterschrift war ihr Visum nicht länger gültig. „Ich kann wirklich nicht in Worte fassen, wie viel Trauer ich spüre und wie sehr wir uns ungerecht behandelt fühlen“, sagte Ulayyet am Sonntag.

Rückreise endet plötzlich am Flughafen

Sarwa Aldoori, Ärztin aus dem kalifornischen Bakersfield, wollte am Samstag von einer achttägigen Pilgerreise nach Saudi-Arabien zurück nach Hause. „Alles war okay, bis ich zum Zoll-Kontrollbereich kam und meine Kollegen und Freunde durchgingen und der Typ in meinen Pass guckte und mich beäugte und mich anhielt, zur Seite zu treten“, sagte sie am Sonntag mit zitternder und tränenerstickter Stimme.

Aldoori lebt seit 1996 in den USA, hat legalen Aufenthaltsstatus in dem Land. Im vergangenen Jahr war sie schon einmal nach Saudi-Arabien gepilgert. Damals gab es bei ihrer Rückkehr keine Probleme. Doch als sie dieses Mal am Flughafen weinend wissen wollte, warum sie nicht weitergehen dürfe, sagte ihr ein Beamter schließlich: „Es ist, weil Sie im Irak geboren wurden.“

„Ich sah ihn an und sagte: "Wissen Sie, ich bin 62 Jahre alt. Was habe ich verbrochen?"“, sagte Aldoori. „Er sagte nichts, er sah nur zu Boden und forderte mich auf, Platz zu nehmen.“ Nach neun Stunden durfte Aldoori schließlich gehen, ihr Mann wartete auf sie.

Aldoori war wütend und erschüttert, will aber eines Tages noch immer US-Bürgerin werden. „Ich werde mich von so etwas nicht aufhalten lassen“, sagte sie trotzig. „Wir hatten mal anständige Leute in der Regierung und jetzt nicht mehr.“

Iranerin wird mehr als zwölf Stunden befragt

Auch Fateme Farmad hatte sich ihre Rückkehr nach Minneapolis wohl einfacher vorgestellt: Sie wurde am Internationalen Flughafen von Los Angeles festgesetzt und mehr als zwölf Stunden lang befragt.

Farmad und ihre Familie waren im Dezember in den Iran gereist, um Verwandte zu besuchen. Ihr Mann Masud Samet war schon am 6. Januar für die Arbeit in die USA zurückgekehrt. Sie und andere Angehörige waren für eine Hochzeit im Iran geblieben.

Als die Familie am Sonnabend in Amerika eintraf, wurde ihr Bruder, ein US-Bürger, ohne Umschweife ins Land gelassen. Sie, ihr elf Monate alter Sohn und ihre Mutter wurden aber in Gewahrsam genommen. „Sie sind in Ordnung, aber sehr müde und die Situation war unerwartet und sehr schrecklich“, sagte ihr Ehemann.

Anwälte, die per Gerichtsantrag die Freilassung Farmads verlangten, warfen Flughafenbeamten vor, sie zur Unterzeichnung von Papieren zu zwingen versucht zu haben, durch die ihre unbefristete Aufenthaltsgenehmigung erloschen wäre. Farmad lebt seit fünf Jahren in den USA und sollte am 13. Februar ihren Einbürgerungseid ablegen.

Iranerin strandet in Dubai

Nasanin Sinuri war erst seit ein paar Tagen für einen Familienbesuch im Iran, als ihr Gerüchte zu Ohren kamen: Staatsbürger mehrheitlich muslimisch geprägter Länder sollten nicht länger in die USA zurückkehren dürfen. Sofort versuchte sie, die Heimreise anzutreten, doch hatten Flüge aus Teheran wegen schweren Schneefalls Verspätung. Sie kam gerade einmal bis nach Dubai, als der Einreisestopp-Erlass von Präsident Donald Trump in Kraft trat. Die Behörden ließen sie nicht in ein Flugzeug Richtung USA steigen.

Am Telefon berichtete Sinuri, sie vertreibe sich nun die Zeit damit, die Nachrichten zu verfolgen und sich Sorgen um ihren Hund Dexter, ihr Heim, ihr Auto und ihren Job zu machen. Sie arbeitet für eine Technologiefirma in South Carolina.

Was wird mit meinem Hund passieren? Mein Hund ist krank. Wird ihn irgendjemand adoptieren?“, fragte sie am Sonntag. „Werde ich für immer meinen Job verlieren?

Die 29-Jährige lebte seit fast sieben Jahren in Amerika. Sie hat einen Masterabschluss an der Northern Illinois University und einen Doktor an der Clemson University in South Carolina erworben. Im Iran hatte sie ihre Mutter, ihre Schwester und ihren Bruder besucht.

„Es ist beleidigend“

Abdollah Mostafavi war für eine Operation auf dem Weg nach San Francisco, durfte aber dort den Flughafen nicht verlassen. Der 80 Jahre alte Inhaber einer Greencard hat sowohl in den USA als auch in Kanada Verwandte. Er hält sich mal in dem einen oder anderen Land und in seiner Heimat Iran auf.

Als Mostafavi am Samstag nach sechs Stunden freigelassen wurde, rannte ihm sein achtjähriger Enkel in die Arme und drückte ihn. Seine Tochter Moshgan Mostafavi kämpfte mit den Tränen. „Ich habe mir irre Sorgen gemacht“, sagte die 46-Jährige der Nachrichtenagentur AP im Wartebereich des Flughafens. „Ich kenne keine Iraner, die in einen Terroranschlag verwickelt waren. Es ist so entmenschlichend. Es ist so beleidigend. Ich wuchs während der Iranischen Revolution auf und ich fühle nun die gleiche Erstickung. Es fällt schwer, zu atmen.“

Ihr Vater habe ihr gesagt, dass er stundenlang in einem Raum mit etwa 15 anderen Iranern festgehalten worden sei. „Er sagte, es habe so gewirkt, als ob sie Order bekommen hätten, sie festzusetzen, aber keine Ahnung hätten, was sie als Nächstes tun sollten“, sagte Moshgan Mostafavi.

Ehepaar bangt um die älteste Tochter

Ein irakisches Ehepaar schaffte es mit zwei seiner Töchter wenige Tage nach Inkrafttreten des Einreiseverbots in den US-Staat Maine. Doch Labed Alalhanfi und seine Frau Soso bangen nun um ihre älteste Tochter, die Bagdad nicht rechtzeitig verlassen konnte. Die 20 Jahre alte Bananh, die an der Amerikanischen Universität in Irak studierte, hatte vorgehabt, in Kürze zur Familie zu stoßen. „Sie ist nun sehr nervös und verängstigt“, sagte Alalhanfi.

Seine Angehörigen beschrieb er als säkulare Muslime. Dieser Umstand setze ihrer Tochter einem gewissen Risiko aus, wenn ihre Familie nicht bei ihr sei. „Den Nachbarn wird es irgendwann auffallen. Die Leute werden anfangen sich zu wundern, vor allem weil sie eine Frau ist. Es ist eine kritische Situation“, sagte Alalhanfi am Samstag in einem Interview der Zeitung „Portland Press Herald“.

Von RND/AP/John Rogers

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