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Terror gegen Teenager trifft Israel ins Herz

Trauer um ermordete Jugendliche Terror gegen Teenager trifft Israel ins Herz

„Die Hamas ist verantwortlich, und die Hamas wird zahlen“: Nach der Ermordung von drei israelischen Jugendlichen verlangt Premier Netanjahu Vergeltung.

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„Das ganze Volk weint mit den Familien“: Zahllose Israelis trauerten auf dem zentralen Rabin-Platz in Tel Aviv um die drei von Terroristen ermordeten Jugendlichen.

Quelle: afp

Hebron. Den Fährtensuchern, die den israelischen Soldaten bei der Suchaktion nach drei entführten Schülern halfen, kam die Stelle auf dem gelben Brachacker bei Hebron gleich eigenartig vor: „Da lagen Büsche, die nicht in der Erde verwurzelt waren, auf einem Haufen Steine“, sagte einer der freiwilligen Helfer gestern israelischen Medien.

Die Männer vom Geheimdienst mussten nicht lange graben, bis sie den schrecklichen Fund machten: Unter einer dünnen Erdschicht fanden sie die Leichen der 16-jährigen Schüler Gilad Schaer und Naftali Frenkel und des 19  Jahre alten Ejal Jifrach. Sie wollten vor mehr als zwei Wochen von einer ­Toraschule im Westjordanland per Anhalter nach Hause fahren. Doch zehn Minuten, nachdem sie ins Auto des 29-jährigen Marwan Kawasme und des 33 Jahre alten Amar Abu Aischa aus Hebron eingestiegen waren, erkannten sie ihren Fehler. Einer der Jungen rief bei der Polizei an, flüsterte „Wir wurden entführt“ ins Handy, doch die Dienststelle nahm den Anruf nicht ernst – anders als die Entführer. Die sollen die Jugendlichen kurz darauf erschossen haben. Danach fuhren sie zu dem Acker bei Hebron, verscharrten die Leichen und tauchten unter. Seither brodelt es in Israel und Palästina.

In der größten Militäraktion seit zehn Jahren durchkämmten Tausende Soldaten das Areal Haus für Haus, Höhle für Höhle auf der Suche nach den Vermissten. Und lösten so immer mehr Spannungen mit der palästinensischen Zivilbevölkerung aus. Denn hier litten nun Hunderttausende unter einer Ausgangssperre, hörten alle, wie in nächtlichen Razzien rund 450 Verdächtige verhaftet wurden. Immer wieder kam es dabei zu gewaltsamen Zwischenfällen. Bislang starben dabei sechs Palästinenser.

Und die Israelis trauern. Gleich, nachdem bekannt geworden war, dass die Leichen der Teenager gefunden wurden, strömten Tausende auf die Straßen, hielten spontane Trauerfeiern und zündeten Gedenkkerzen an. Selbst in New York organisierte die große jüdische Gemeinde einen Protestmarsch zum Hauptgebäude der Vereinten Nationen. Doch gleichzeitig wird der Ruf nach Vergeltung laut. „Für Kindermörder darf es keine Nachsicht geben“, sagte Wirtschaftsminister Naftali Bennett. Premier Benjamin Netanjahu erklärte: „Unsere Herzen bluten, das ganze Volk weint mit den Familien. Selbst der Teufel ist nicht schlimm genug, um das Blut kleiner Kinder zu ­rächen und auch nicht das Blut unschuldiger Jugendlicher.“ Er wiederholte die Anschuldigung, die radikalislamische Hamas habe den Mord begangen: „Die Hamas ist verantwortlich, und die Hamas wird zahlen“, sagt Netanjahu.

Die zwei Hauptverdächtigen saßen wiederholt in israelischer Haft. Noch wurden keine handfesten Beweise gegen sie veröffentlicht, doch es ist bekannt, dass sie zeitgleich mit den Jugendlichen von der Bildfläche verschwanden. Und nun führt eine weitere Spur zu ihnen: Der Acker, auf dem man die Leichen fand, gehört einem ihrer Verwandten. Für Israel war die Entführung Anlass, reflexartig gegen die Infrastruktur der Hamas im Gazastreifen vorzugehen. Es seien Präzisionsschläge gegen 34 Ziele in dem Küstenstreifen geführt worden, hieß es gestern von der Armee. Militante Palästinenser hätten seit Sonntagabend mehr als 20 Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel abgefeuert.

Doch dieses bereits übliche Arsenal der Eskalation genügt manchen nicht mehr: Im Westjordanland und in Jerusalem verübten radikale Siedler erste Racheakte. Schon vor dem Fund der Leichen hatte Netanjahu Anweisung gegeben, den Kampf gegen die Hamas zu verschärfen. In der Nacht sprengten israelische Soldaten die Häuser der zwei Hauptverdächtigen – ein Mittel der Abschreckung, das Israel seit Jahren nicht mehr eingesetzt hat. Andere Minister schlugen vor, Hamas-Aktivisten in den Gazastreifen abzuschieben. Koalitionspartner Netanjahus forderten, auf den Mord mit massivem Siedlungsbau zu reagieren, nach dem Motto: „Sie zerstören, wir bauen.“ Der Raketenbeschuss aus Gaza tut ein Übriges, um die Gemüter anzuheizen. Transportminister Israel Katz sagte, „lieber sollen die Dächer in Gaza beben“ als die in Israel. Außen­minister Avigdor Lieberman drängte, Gaza wieder zu erobern. Was Hamas-Sprecher Sami Abu Zuhri zur Drohung veranlasste, solch ein Angriff würde für Israel „die Tore der Hölle öffnen“. Laut Schätzungen des Militärs verfügt die radikalislamische Organisation über Hunderte Raketen, die Tel Aviv treffen könnten. Allerdings ist die Hamas noch geschwächt von den Folgen der Angriffe auf Israel 2009 und 2012. Und: Seit in Ägypten wieder das Militär regiert und gegen die Islamisten am Nil vorgeht, ist der einst florierende Nachschub durch die Tunnel an der Grenze zum Gazastreifen fast zum Erliegen gekommen.

Auch innerhalb beider Gesellschaften radikalisierte die Entführung die Lager. So griffen palästinensische Jugendliche in Ramallah erstmals eine palästinen­sische Polizeistation an – aus Protest gegen die Kooperation mit Israel. Präsident Mahmud Abbas hatte sich gegen die Entführung ausgesprochen, obschon viele Palästinenser diese befürworteten. Seine klare Position und die Zusammenarbeit mit Israel gefährden nun auch den Zusammenhalt der erst vor Kurzem gebildeten Einheitsregierung mit der Hamas, die die Entführung begrüßte und Abbas des Verrats bezichtigt.

In Israel verschärft sich der Ton ebenfalls – zwischen jüdischen und arabischen Israelis. Die arabische Politikerin Hanin Suabi löste einen Skandal aus, als sie sich weigerte, das Kidnapping der Teenager zu verurteilen. Am Wochen­ende demonstrierten arabische Israelis gegen die Suchaktion der Armee und forderten, weitere Israelis zu entführen, um Palästinenser freizupressen, was unter Juden neuen Hass schürte.

Doch trotz eskalierender Rhetorik reagierte das Kabinett vorerst besonnen. In der nächtlichen Krisensitzung wurden keine dramatischen Entschlüsse gefasst. Moderate Minister wie Zipi Livni mahnten, Israel müsse vor einer Entscheidung erst „tief durchatmen“. Selbst Verteidigungsminister Mosche Jaalon warnte vor einer Eskalation in Richtung eines Krieges. Am Dienstagabend wurden die Leichen der drei Opfer beerdigt. Erst danach, so hieß es, werde das Sicherheitskabinett konkret über das Vorgehen gegen den Hamas-Terror beraten.

Auch in Deutschland wurden gestern Stimmen laut, die Israel zur Mäßigung mahnten. „Es darf nicht ein lang anhaltendes Vergelten geben“, sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Norbert Röttgen (CDU). Der SPD-Abgeordnete und Nahostexperte Rolf Mützenich betonte, er hoffe, dass „die Vergeltungsaktionen Israels kontrollierbar bleiben“. Sollte der Mord an den Jugendlichen politisch geplant gewesen sein, „dann haben die Hintermänner ihr mutmaßliches Ziel erreicht, die gesamte Lage in Nahost zu destabilisieren“.

Von Gil Yaron 
und Alexander Dahl

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