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"Wir müssen uns an solche Bilder gewöhnen"

Terrorexperte zu Nizza "Wir müssen uns an solche Bilder gewöhnen"

Mindestens 84 Menschen starben am Donnerstag bei einem Terroranschlag im südfranzösischen Nizza. Terrorismusexperte Rolf Tophoven beantwortet die wichtigsten Fragen zum Attenat.

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Der Terrorismusexperte Rolf Tophoven warnt: "Wir müssen uns an solche Bilder - so traurig es ist - gewöhnen."

Quelle: Institut für Krisenprävention/dpa/Montage

Hannover. Rolf Tophoven gehört zu den renommiertesten Terrorismusexperten in Deutschland. Er warnt davor, in Deutschland die Gefahr zu unterschätzen und ist sich sicher: Wir werden uns an solche Bilder wie in Nizza gewöhnen müssen.

Herr Tophoven, der Welt stockt wieder angesichts dieses Terrors der Atem. Welche Schlüsse ziehen Sie aus den Vorkommnissen in Nizza.

Das ist eine weitere Eskalation des Terrors. Der Anschlag trägt deutlich die Handschrift des IS und ist ein Zeichen, dass der Terror nicht aufhört. Die freien Gesellschaften stehen nach wie vor im Fadenkreuz.

Der Täter schien bislang nicht als radikaler Islamist bekannt zu sein…

Das ist ja das Perfide. Niemand kann in die Köpfe der Menschen schauen. Es ist daher nicht auszuschließen, dass sich dieser 31-Jährige plötzlich auf die Ideologie des IS beruft und den Anschlag durchführt. Vom Modus Operandi des IS passt das. Der Einsatz mit dem Lastwagen ist auch nicht neu. Der Sprecher des IS hat dazu aufgerufen, mit allen Mitteln und Werkzeugen, auch mit Autos die Ungläubigen anzugreifen. Seine Botschaft: Tötet sie, wo immer ihr sie findet. In Bagdad gab es zuletzt einen massiven Anschlag mit einem mit Sprengstoff beladenen LKW zum Ende des Ramadan mit 200 Toten. Im vergangenen Herbst gab es in Israel Anschläge mit einem Auto, als ein Individuum in eine Menschenmenge an einer Bushaltestelle gerast ist. Solche Taktiken sind nichts Neues, auch wenn man sie in Europa so bislang noch nicht kannte.

Wieder hat es Frankreich getroffen. Trotz Ausnahmezustand, trotz den Erfahrungen aus Paris. Hätte man das nicht verhindern können?

Das Perfide ist der Zeitpunkt. Ausgerechnet am Nationalfeiertag hat dieser Anschlag stattgefunden. Die Franzosen haben die EM schadlos überstanden, die Politik wollte den Ausnahmezustand zurückfahren und jetzt passiert das. Das zeigt unsere Wehrlosigkeit. Wenn ein Täter vorher nicht massiv auffällig war, hat man keine Chance.

Welche Folgen wird dieser Anschlag auf die Europäer haben?

Dieser Anschlag wird sicher wieder Angstpsychosen auslösen, nicht nur in Frankreich. Jetzt ist die Zeit der Volksfeste, der Großveranstaltungen – da werden sich manche überlegen, ob sie da noch hingehen werden.

Worin unterscheidet sich der heutige Terror zum Beispiel von dem in den Achtzigern?

In den Achtzigerjahren war der Terror fixiert auf eine Gesellschaft. Es wurde nicht wahllos getötet und gebombt, sondern es wurden gezielte Angriffe auf Politiker und Wirtschaftsbosse geführt. Einen Massenmord mit Dutzenden Toten, Alten, Kindern, Müttern wäre dem Umfeld der RAF zum Beispiel nicht zu vermitteln gewesen. Der Terrorismus heute selektiert nicht mehr, sondern zielt auf eine größtmögliche Wirkung mit Massentoten. Diese Taten werden religiöse gerechtfertigt, eine klare Perversion des Korans. Eine Minderheit glaubt, sie sei der Elite des Koran und müsse die ganze Welt herausfordern.

Und das Morden wird so schnell nicht aufhören, oder?

Wir müssen uns an solche Bilder - so traurig es ist - gewöhnen. Sicherheitsbehörden warnen auch in Deutschland vor einer Unterschätzung des globalisierten, militanten Terrorismus. Wenn dieser junge Mann tatsächlich aus der Anonymität gekommen ist, was Schlimmes im Hinblick auf das weitere Täterprofil vermuten lässt, kann man niemandem einen Vorwurf machen. Für die französischen Sicherheitsbehörden, die ja massiv aufgerüstet wurden,  ist das ein massiver Rückschlag. Sie haben bislang keine Erfolge vorzuweisen. Und das ist der Beweis, dass man mit noch so viel Militär, Polizei und Aufrüstung einen solchen Anschlag letztlich nicht verhindern können.

Von Carsten Bergmann, RND

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