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„Der Euro ist
 absolut sicher“

Theo Waigel im Interview „Der Euro ist
 absolut sicher“

Vor 25 Jahren kam die D-Mark in die DDR.
 Theo Waigel, damals Finanzminister, erinnert sich – 
und bewertet die aktuelle Währungslage: "Der Euro ist auch durch die Krise in Griechenland nicht in Gefahr", behauptet Waigel im Interview.

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Der frühere Finanzminister Theo Waigel erinnert sich im Interview an die Einführung der D-Mark in der DDR.

Quelle: dpa

Leipzig. Ein Vierteljahrhundert ist es jetzt her, dass alle Deutschen – auch die Bürger in der DDR – die ­D-Mark bekommen haben. Am 1. Juli feiert die Deutsche Bundesbank das mit einem Festakt in Leipzig. An jenem Sommertag des Jahres 1990 wurde die DDR-Mark als offizielles Zahlungsmittel abgelöst. Jan Emendörfer sprach darüber mit Theo Waigel (76), der damals Bundesfinanzminister war.

Herr Waigel, wann war intern im Kabinett Helmut Kohl zum ersten Mal die Rede davon, in der DDR die D-Mark einzuführen?

Das kann ich auf den Tag genau gar nicht mehr sagen, Ich weiß nur, dass wir Gespräche in dieser Richtung schon im November 1989 im Bundesfinanzministerium führten. Und ich weiß, dass ich Helmut Kohl einen entsprechenden Vorschlag schon im Vorfeld des Besuchs von DDR-Ministerpräsident Hans Modrow im Februar 1990 machte. Modrow wollte damals 15 Milliarden D-Mark als Sofortkredit, wir boten ihm die Wirtschafts- und Währungsunion an, weil wir meinten, dass nur bei einer Veränderung der Wirtschaftsordnung in der DDR Hilfen überhaupt sinnvoll sind.

Spielte dabei auch der Druck der Straße eine Rolle? Es gab Demonstrantenrufe „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!“

Wir hatten immer gesagt, wenn sich in der DDR Freiheit durchsetzt, dann sind wir auch zu Hilfen bereit. Als sich die Ereignisse dann so überschlagen haben und es im ganzen Ostblock so explosive Entwicklungen gab, da war mir eigentlich seit September 1989 klar, dass die deutsche Frage auf der Tagesordnung der Weltpolitik steht.

Als es dann am 1. Juli so weit war, gab es einen Umtauschkurs von 1 zu 1 beziehungsweise 2 zu 1. War das ökonomisch so gerechtfertigt?

Der genaue Kurs, makroökonomisch betrachtet, war 1 zu 1,81. Sie dürfen ja nicht nur die sogenannten Stromgrößen, also Löhne, Gehälter und Renten, sehen, sondern alle Verbindlichkeiten. Kleinere Teile der Sparbeträge sind 1 zu 1 umgestellt worden, die anderen mit 1 zu 2 und die Auslandsverbindlichkeiten mit 1 zu 3. Natürlich gab es aus ökonomischer Sicht auch eine Diskussion um die Löhne und Gehälter. Aber: Die Löhne im Osten betrugen nur 30 bis 40 Prozent von dem, was in Westdeutschland in D-Mark bezahlt wurde. Hätten wir die mit 1 zu 2 umgestellt, dann wären den Menschen nur etwa ein Fünftel oder ein Sechstel von dem geblieben, was man im Westen verdiente. Ein völlig unmögliches Verhältnis. Wir hätten die Mauer wieder aufbauen und Zuzugsbeschränkungen einführen müssen ...

Was war die größte Panne, die bei der Währungsumstellung gelaufen ist?

Es gab keine große Panne. Die ganze Überführung der D-Mark-Scheine, der Münzen und die Umstellung an den Schaltern, das ist alles gut gelaufen, die Bundesbank hat das toll gemanagt. Und die DDR-Bürger haben sich fabelhaft verhalten. Sie haben nicht das ganze Geld auf einmal abgehoben und ausgegeben. Es gab keinen Inflationsschub. Es lief alles gut, und ich erinnere mich noch gern, wie ich am 1. Juli 1990 durch Ost-Berlin ging und Leute sprach, die gerade D-Mark umgetauscht hatten. Und dann gab es dazu eine Pressekonferenz mit meinem DDR-Kollegen Walter Romberg, und die wurde geleitet von einer schüchternen jungen Dame. Das war Angela Merkel. Von der Schüchternheit von damals ist heute nichts mehr zu merken ...

Große Pannen gab es also nicht, Tricksereien sicher schon?

Es gab natürlich wie immer bei solchen Prozessen auch Unregelmäßigkeiten oder kriminelle Machenschaften. Wo immer wir Hinweise dazu hatten, sind wir den Dingen mit staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen unnachgiebig nachgegangen und haben versucht, den Schaden wiedergutzumachen.

Mit der Umstellung auf die D-Mark war die DDR-Wirtschaft quasi über Nacht einem marktwirtschaftlichen Konkurrenzkampf ausgesetzt. Gab es dazu eine Alternative?

Die Ostfirmen waren dem Wettbewerb ausgesetzt, das ist richtig. Und das war bei der Höhe der Löhne und Gehälter, die plötzlich gezahlt werden mussten, natürlich nicht unproblematisch. Umso wichtiger war es, dass die Treuhandanstalt, die mit der Privatisierung beauftragt war, überall da, wo konkrete Entwicklungsmöglichkeiten und Konzepte vorhanden waren, die Firmen mit Kapital ausgestattet hat. Den meisten Betrieben fehlte es an Märkten hier und weltweit.

Die Folge war dann ein industrieller Zusammenbruch im Osten.

Man muss aber auch ganz ehrlich sagen, dass es für einen beachtlichen Teil der Produkte, die in der DDR hergestellt wurden, schlicht keinen Markt mehr gab. Den Trabi und den Wolga hat halt niemand mehr gekauft. Welchen Umstellungskurs beim Geld wir auch immer gewählt hätten, für diese Produkte wäre kein Markt mehr da gewesen. In einer offenen Marktwirtschaft ist das mit das Wichtigste.

Wie sehen Sie die wirtschaftliche Entwicklung im Osten heute?

Wenn ich mir die Daten so anschaue und sehe, was pro Person an Bruttoinlandsprodukt erzeugt wird, dann kann sich das sehen lassen. Auch was die verfügbaren Einkommen anbelangt. Das hat natürlich noch nicht Westniveau erreicht, liegt aber doch in einem beachtlichen Rahmen. Wir haben heute in Deutschland zwischen Ost und West keine größeren Unterschiede als im Kaiserreich. Wir haben auch ein Gefälle zwischen Nord und Süd – aber es hat insgesamt eine sehr starke Annäherung stattgefunden. Was von 1991 bis 1997 im Osten erfolgt ist, das hatte etwa die gleiche ­Dynamik wie das, was sich von 1950 bis 1957 im Westen vollzog. Das heißt ein echtes Wirtschaftswunder Ost.

Wie stünden wir heute in Deutschland da, wenn wir die D-Mark noch hätten?

Die D-Mark war eine ganz starke Marke. Wenn wir sie heute noch hätten, dann wären wir jetzt in der Situation der Schweiz. Wir hätten eine gewaltige Aufwertung. Das heißt, der Export hätte es sehr schwer, die Exportfirmen, die ja in Deutschland ganz wichtig sind, würden Arbeitsplätze abbauen. Das Wachstum würde nach unten gehen und die Schulden nach oben. Genau das hatten wir 1995 bei einer kräftigen Aufwertung der D-Mark. Und vor dem Problem stünden wir jetzt wieder, wenn wir die gemeinsame europäische Währung nicht hätten.

Das klingt so, als seien Sie ganz glücklich mit dem Euro. Ist der so sicher, wie es die D-Mark einmal war?

Das ist er. Der Euro hat sogar eine breitere Grundlage. Und er hat gegenüber dem Dollar sogar weniger Schwankungen, als die D-Mark sie in den letzten zehn Jahren ihres Bestehens hatte. Der Euro ist eine sichere Währung, der auch durch die Krise in Griechenland nicht in Gefahr ist.

Stichwort Griechenland. Hätte man die Griechen gar nicht erst in die Euro-Zone hineinholen sollen?

Ich hatte mich seinerzeit dagegen ausgesprochen, weil ich Griechenland mit seiner Volkswirtschaft für nicht reif befunden habe. Die Aufnahme hat nach meiner Zeit stattgefunden, und das war eine falsche Entscheidung.

Stimmt es eigentlich, dass die Bezeichnung Euro auf Sie zurückgeht?

Ja, den Vorschlag habe ich beim Europäischen Rat 1995 in Madrid gemacht, weil ich mit ECU nichts anfangen konnte – und ich glaubte, auch den Deutschen ECU nicht vermitteln zu können. So habe ich alle möglichen Überlegungen angestellt, bin dann bei Euro gelandet. Das hat dann auch die Zustimmung beim Europäischen Rat gefunden.

D-Mark hin, Euro her – was halten Sie vom komplett bargeldlosen Zahlungsverkehr, wie er ab und an jetzt diskutiert wird?

Ich halte das für falsch und für unrealistisch. Bargeld gehört zum Menschen. Vielleicht bin ich auch altmodisch, aber wenn ich in eine Wirtschaft gehe und jemanden einlade zu einem Bier, dann zahle ich bar. Genauso beim Bäcker oder im Gemüseladen. Bargeld gehört zur natürlichen Umgangsform und Freiheit des Menschen.

Herr Waigel, wissen Sie noch, wie die Ostmark ausgesehen hat, welche Porträts die Geldscheine zierten?

Oh, nein, das weiß ich nicht mehr. Aber Walter Romberg hat mir damals eine Ausgabe DDR-Münzen übergeben, die sich heute noch in meinem Besitz befinden.
Auf dem DDR-Hunderter war Karl Marx abgebildet, auf dem Fünfziger Friedrich Engels. Aber bei der D-Mark, wer wurde dort auf den Scheinen gezeigt? Wissen Sie es noch?
Da kann ich mich stärker erinnern, das ist wohl wahr.

Finden Sie es richtig, dass der Festakt zu „25 Jahre Währungsunion“ in Leipzig stattfindet und nicht in Berlin?

Ich finde das schon schön. Leipzig mit seiner alten Tradition als alte Reichsbankhauptstelle, Börsenplatz und vieles andere mehr. Es muss ja nicht alles in Berlin stattfinden. Ich habe mal in Leipzig ein Bild der Börse von Leipzig geschenkt bekommen, einen Stich, der hängt bei mir in der Wohnung. Und ich muss immer mal wieder daran denken, was mein Landsmann Martin Walser Mitte der Achtizgerjahre gesagt hat. Nämlich, wenn er in Leipzig am Grabmal von Bach steht, dann weigert er sich anzuerkennen, er sei im Ausland.

Zur Person

Theo Waigel (76) war unter Kanzler Helmut Kohl von 1989 bis 1998 Bundesfinanzminister – und bis 1999 CSU-Chef. Heute ist er als Rechtsanwalt in München tätig. Er stammt aus dem schwäbischen Kreis Krumbach, machte die Ochsentour über die Junge Union zur CSU bis zum Bundestagsabgeordneten und Bundesminister. Er gilt als Namensgeber und damit Vater des Euro, der europäischen Währung.

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